Wenn es um Leben und Tod geht, spielt wissenschaftliche Expertise eine neue Rolle.
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Wirre Virus-Zeiten sind das. Die Menschheit übt sich im Abstandhalten und weiß doch nicht, wohin das führt. Treffen kann die Krankheit schließlich jeden, scheinbar wahllos, sie breitet sich unablässig aus. Gedacht ist das jetzt allenthalben propagierte Social Distancing nur als Verzögerung, nicht etwa als Unterbrechung der viralen Übertragungskette.

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Das ist, weil ein Erfolg sich hier nie unmittelbar, sondern nur langfristig zeigt, vielleicht unverständlich, unbefriedigend ist es allemal. Denn es bleibt nicht viel mehr zu tun als: abzuwarten. Die so erzwungene Demut angesichts des Virus und unsere verzagte Hoffnung, es möge doch endlich vorübergehen, ist denkbar weit entfernt von den Macher- und Machtillusionen, mit denen wir ansonsten durchs Leben gehen, das wir so unveräußerlich gern als unser selbstbestimmtes führen wollen. Es geht um Leben und Tod.

Es geht an die eigene Existenz

Den Ernst der Lage scheinen auch die Politiker verstanden zu haben. Das ist nicht zuletzt daran zu erkennen, dass sie sich in der Öffentlichkeit mit Wissenschaftlern zeigen und die wissenschaftliche Expertise als solche kenntlich machen – man denke nur an den zur Zeit allgegenwärtigen Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité. Die Corona-Zeit ist, so soll diese politische Geste zu verstehen sein, die Zeit der Zahlen und Fakten, des exakten Wissens und der verlässlichen Aussagen. Das können wir als Gewinn verbuchen.

Und auch wieder nicht, denn in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen, in denen ebenfalls viel genaues, überprüfbares, eben wissenschaftliches Wissen zur Verfügung steht, etwa bei der Klimaforschung, flüchten sich Politiker schnell ins unverbindliche Einer-und-Anderseits. Beim Virus aber geht es offenbar so sehr an die eigene Existenz, dass sie zu unserer Beruhigung sich ganz der Wissenschaft anschließt.

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Gesellschaftlicher Offenbarungseid

Das wird sich alsbald ändern, der mit der Wissenschaft verbundene Aufklärungsgewinn wird insofern mit der Pandemie auch wieder verschwinden. Zahlen und Fakten werden wie gehabt – ungeachtet ihrer wissenschaftlichen Provenienz – zum schnell verfeuerten Debattenmaterial in den politischen Talkshows, zum polemischen Kampfmittel. Das auf die Schnelle unüberprüfbare Zahlenargument ist der entscheidende Augenblicksgewinn in unserer von einem Augenblick zum nächsten schliddernden Erlebnisgesellschaft.

Kein Faktencheck, so notwendig er auch ist, kann da mithalten. Dieser Unernst ist offenbar gewollt. Eine Probe aufs Exempel: Dass jetzt mit Pflegerinnen, Kassiererinnen oder Lkw-Fahrern auch jene schlecht bezahlten Berufe als systemrelevant bezeichnet werden, für die noch nie ein solidarischer, politisch ausreichend starker Wille zu organisieren war, ist ein gesellschaftlicher Offenbarungseid.

Irrsinn bleibt erhalten

Aber sprächen hier Zahlen und Fakten nicht eine deutliche Sprache? Egal! Und wie ist es bei der Ungleichbezahlung von Männer und Frauen bei gleicher Arbeit? Auch egal! Für kaum einen gesellschaftlichen Bereich gibt es keine eklatanten, mit Zahlen und Fakten nüchtern belegbaren Missstandsanzeigen. Diese Missstände werden, wenn nicht politisch gewollt, so doch in jedem Fall politisch hingenommen.

Aber jetzt, wo das vom Tod heimgesuchte und deswegen äußerst empfindliche Wahlvolk bei falschen oder ungemütlichen Entscheidungen auf die Barrikaden gehen könnte, retten die Wissenschaftler und ihre Corona-Expertise den Politikern das politische (Über-)Leben. Dabei ist von ihnen keine politische Entscheidung zu erwarten, Zahlen und Fakten sollten Entscheidungen zugrunde liegen, aber sie selbst entscheiden nichts. Der Politik, verstanden als Handeln aus Freiheit, obliegt es allein, demokratisch legitimiert, Zahlen und Fakten zu interpretieren.

Bloß keine Expertokratie! Aber zum Glück geht alles seinen gewohnten Gang. Der auf sein politisches Macher-Mackertum äußerst bedachte Markus Söder etwa treibt unverdrossen den politischen Wettbewerb: Gerade erst kündigte Bayerns Ministerpräsident an, die Viruslage im Freistaat durch ein bayerisches Wissenschaftlergremium bewerten lassen zu wollen. Bayerische Virologen sind gewiss besser als, sagen wir, die aus Berlin. Der Irrsinn bleibt uns erhalten. Und mit ihm der existenzielle Unernst der Politik.