Mehrere Tausend Menschen bei der Demonstration und Kundgebung gegen die Corona-Politik der Bundesregierung unter dem Motto „Das Ende der Pandemie – Der Tag der Freiheit“ am 1. August 2020 in Berlin.
Foto: imago images/Frederic Kern

BerlinEin paar Tage danach ist die Zeit reif für ein bisschen Nachsicht. Der Gedanke kam mir im Verlauf des Sonntags, als Politiker und Kommentatoren den Teilnehmern an der Berliner Großdemonstration gegen die Corona-Maßnahmen attestierten, rücksichtslos und ignorant gewesen zu sein. Tatsächlich gab es viele durch Handyvideos wiedergegebene Szenen zu besichtigen, die auf eine gesteigerte Wut verwiesen, die gerade jene Form der Besonnenheit vermissen ließen, auf die es in Krisensituationen doch ankommen kann. 

Ich vermochte an der Demonstration nichts Sympathisches zu erkennen. Keine Spur von Selbstironie, die in der bundesrepublikanischen Protestkultur der vergangenen Jahrzehnte doch zu einem wichtigen Faktor der politischen Willensbildung geworden ist. So ist mir ein Plakat im Gedächtnis geblieben, das während einer der zahlreichen Demonstrationen hochgehalten wurde, auf denen um den 9. November 1989 herum der lautstark intonierte Slogan „Wir sind das Volk“ allmählich überging in „Wir sind ein Volk“. Auf dem Schild des einsamen Protestierers aber, das mir bis heute wichtiger ist als die sich bald verfestigenden politischen Manifestationen, stand in lautloser Beharrlichkeit geschrieben: „Ich bin Volker.“

Vielleicht habe ich ihn übersehen, aber wenn ich mich nicht täusche, war Volker diesmal nicht dabei. Für ihn und seinesgleichen war auf den Straßen von Berlin kein Platz, obwohl doch gerade das Abstandsgebot es unbedingt hätte ermöglichen sollen, dass einer wie Volker mitlaufen kann.

Nachsicht ist die Aussicht auf Verstehen

Aber ich möchte Nachsicht üben, deshalb zitiere ich zu dieser Tugend den Frankfurter Philosophen Martin Seel aus dessen philosophischer Revue über Tugenden und Laster (Fischer-Verlag): „Wer überhaupt jemanden verstehen will“, schreibt Seel, „wie dunkel seine Äußerungen, wie verschlossen sein Wesen und wie verquer sein Verhalten auch sein mag, muss annehmen, dass es einen Sinn hat, wie er sich in seinen Worten und Taten gibt. Nicht, dass man ihm deswegen überall zustimmen müsste – Gott bewahre. Aber selbst die entschiedenste Ablehnung seiner Ansichten und Absichten enthält das Zugeständnis, dass er nicht überall irrt. Andernfalls wären weder seine Absichten noch seine Ansichten als solche erkennbar.“

Wir unterstellen, so legt Seel hier nahe, den anderen eine Art von Vernunft, und sei es auch nur, um ihnen die Rückkehr in die Gemeinschaft zu ermöglichen, in der man, wenn schon nicht die Erwartung, dann doch die Aussicht auf einen prinzipiell möglichen gesellschaftlichen Konsens teilt.

Der Konsens, um den es hier gehen mag, könnte in der wechselseitig anzuerkennenden Aussage bestehen, dass die Corona-Epidemie, mindestens aber die Existenz einer die Atemwege angreifenden Krankheit, eine gesellschaftliche Gefahr darstellt. Über die Frage, wie mit dieser Gefahr umzugehen sei, ist derzeit schwer Einigkeit zu erzielen. Für die meisten Menschen dauert die weitgehende Stillstellung des sozialen Lebens schon viel zu lange. Allein die Vermutung, dass nun noch einmal einschneidende Alltagsbeschränkungen aufzuerlegen sein werden, löst Beklemmungen aus. Wenn es das war, was die Demonstranten von Berlin zum Ausdruck bringen wollten, wäre ich, wie man floskelhaft sagt, ganz bei ihnen, obwohl ich mich auch beim nächsten Mal nicht dort einreihen würde – und das nicht nur aus Sorge vor Ansteckung.

Für den Philosophen Seel steckt in der Nachsicht die Aussicht auf Verstehen. „Diesem Verstehen ist selbst da, wo es mit Vorbehalt und Abscheu verbunden ist, ein Element der Versöhnlichkeit beigemischt.“ Viele haben die Demonstranten vom Sonntag Idioten genannt. Idioten aber gehen nicht demonstrieren, jedenfalls nicht, wenn man den Begriff in seiner ursprünglichen Wortbedeutung versteht. Für die Griechen waren Idiotes selbstbezügliche Privatpersonen, die sich in der Polis aus allen öffentlichen Angelegenheiten heraushielten. Die spätere Verwendung des Begriffs zur Bezeichnung eines Dumm- oder Schwachkopfes verkennt das Potenzial der Verweigerung, das die Idiotes zu gesellschaftlichen Außenseitern machte.

Es braucht Leute wie Volker

In der Bewertung der allgemeinen Gefahren, die im Coronavirus lauern, kann es nicht darum gehen, dass alle das Gleiche denken. Wir müssen erkennen, dass das Wissen von Virologen und Medizinern eine begrenzte Ressource ist, die die Irritationen hinsichtlich der politischen Reaktionen und des sozialen Verhaltens nur noch vergrößern. Die Corona-Krise verweist auf die Grenzen der aufgeklärten Vernunft, deren größte Chance auf einen Rest von Anerkennung derzeit darin zu bestehen scheint, dass in Kürze ein verlässlich wirkender Impfstoff gefunden wird. Bis dahin aber sind wir darauf zurückgeworfen, Ambivalenzen auszuhalten, die mit Blick auf eine mögliche Infektion ein lange nicht vernommenes Maß an existenzieller Not angenommen haben.

So gesehen kann man den Berliner Demonstranten das Bedürfnis unterstellen, ihrer sie bedrängenden Hilflosigkeit einen trotzigen Ausdruck verleihen zu wollen, das die allein gültig erscheinende Verpflichtung, doch bitte vernünftig zu sein, erst ausgelöst hat. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit ist in der Zeit wachsender Ambiguität verständlich, aber nicht hilfreich. Auch in solch einer Situation braucht es Leute wie Volker.