Berlin - Vor einigen Jahren zog ich mit einer schwedischen Fotografin nachts durch Manchester, um das exzessive Kampftrinken der Briten zu dokumentieren. Die Fotografin hieß Eva und ich werde nie vergessen, wie sie sich mit ihrer Ausrüstung durch die Bars kämpfte, geduldig auf die sehr betrunkenen Gäste einredete. Der Text erschien im Magazin der Berliner Zeitung, aber die Fotos waren das Beste.

Eva und ich hielten Kontakt, auch als sie zurück nach Stockholm zog. Ich besuchte sie, lernte ihre Eltern kennen. Wir bekamen zur gleichen Zeit Kinder. Neulich schickte sie mir einen Film über den schwedischen Sonderweg, den ein deutscher Korrespondent gemacht hat, in dem ihre Familie vorkommt.

Man sieht, wie ihre achtjährige Tochter Agnes mit einem guten Dutzend anderen Kindern in einer Halle Fußball trainiert, ihre jüngeren Geschwister gehen in die Kita. Man sieht geöffnete Restaurants und Cafés. Ich starrte auf den Bildschirm und konnte nicht wegschauen.

Dauerhaft offene Schulen

Meine Sehgewohnheiten haben sich im vergangenen Jahr so stark geändert, dass ich das, was einmal Normalität war, nun als irritierend, ja verstörend wahrnehme. Ein bisschen wie das Gefühl, das man jetzt hat, wenn sich in Fernsehserien Menschen umarmen oder große Partys ohne Masken feiern und man immerzu den Bildschirm anbrüllen möchte: Macht das nicht, geht auseinander!

Die Kitas und Schulen bis zur 9. Klasse seien die ganze Zeit geöffnet gewesen, sagte Eva später. Die schwedischen Kinder haben nicht zum Teil monatelang isoliert zu Hause gesessen.

Klar, das war bekannt, aber es nochmal von meiner Freundin zu hören, trifft. Ich sage nicht, dass der schwedische Weg besser war. Mich interessiert eher, wie es passieren konnte, dass in Deutschland und Schweden die Interessen von Kindern komplett anders behandelt wurden. In Deutschland hat die Politik monatelange Schulschließungen und wochenlange Quarantäne als Lieblingsmittel der Pandemiebekämpfung definiert, obwohl über den Nutzen bis heute keine Einigkeit besteht. Auch viele Eltern haben die Logik verinnerlicht.

Wenn man sich innerhalb Europas umguckt, ist dieser Weg aber nicht zwingend. Nicht nur in Schweden, auch in Spanien, Griechenland und Portugal blieben die Schulen auf, selbst bei hohen Inzidenzen. Wurden in diesen Ländern die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen ernster genommen, weil die Stimmen von Familien, von Müttern generell gewichtiger sind? Schweden liegt beim europäischen Gleichberechtigungsindex seit Jahren vorn.

Alte Menschen schlecht geschützt

Es ist nicht so, dass in Schweden alles weiterging wie vor der Pandemie. Meine Freundin Eva berichtet, dass die Erwachsenen die Kontakte drastisch reduziert haben. Sie und ihr Mann blieben im Home Office, ihre Eltern traf sie nur draußen, auch im Winter. Alles freiwillig. Es gab keine Anordnungen von oben, nur Empfehlungen. Ob das in Deutschland geklappt hätte, wo ständig einheitliche Regeln gefordert wurden?  Eva sagt, dass es oft nicht leicht war, dass sie mit ihrem Mann viel diskutiert habe, was sie sich erlauben und was nicht. 

In Schweden starben im vergangenen Frühjahr viele Menschen, noch immer sind die Infektionszahlen hoch. Insgesamt ist die Zahl der Todesopfer, im Vergleich zur Einwohnerzahl, leicht höher als in Deutschland. Was die Pandemie mit Kindern gemacht hat, lässt sich nicht so leicht in Zahlen fassen. Eva sagt, sie ist froh, in Schweden zu leben.