Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (Mitte) umgeben von Experten: Charité-Virologe Christian Drosten (3. von links) und RKI-Präsiden Wieler (3. von rechts).
Foto: AP/Markus Schreiber

BerlinAn dem Tag, an dem Berlin den ersten Corona-Infizierten verzeichnete, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gleich sechs Experten an seiner Seite, um Pressevertreter in Berlin über die Lage in Deutschland zu informieren. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass es ernst wird hierzulande. 

„Weltweit stehen wir am Beginn einer Pandemie, in Deutschland sind wir am Anfang einer Epidemie“, sagte Spahn. Er betonte, dass sich die Lage so schnell entwickle, dass man täglich dazulerne und Anpassungen im Umgang mit den Risiken vornehme.

Auch die Information der Öffentlichkeit – etwa mit Ratschlägen zur Vermeidung einer Ansteckung – betreibe man nun offensiver. „Alle Hotlines wurden hochgefahren, wir haben mit Anzeigenkampagnen in den Zeitungen begonnen und bieten den Sendern Radiospots an“, sagte er. Auch die Serverkapazitäten für die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung betriebene Internetseite Infektionsschutz.de seien erhöht worden.

Bisher 150 Fälle in ganz Deutschland

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), bestätigte, dass die Lage sehr dynamisch sei. Am Montag habe man die Risikoeinschätzung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland von „gering bis mäßig“ auf „mäßig“ hochgestuft, sagte Wieler.

In Deutschland seien bislang 150 Fälle einer Sars-CoV-2-Infektion bestätigt. Insgesamt sind mittlerweile zehn Bundesländer betroffen. Die meisten Fälle, nämlich 86, gebe es in Nordrhein-Westfalen. In Bayern sind es mittlerweile 26, in Baden-Württemberg 19 und in Hessen 10.

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Bislang ist die Lage also noch überschaubar. Das liegt auch daran, dass sich bei 140 der 150 Fälle nachvollziehen lässt, woher sie eingeschleppt wurden. Lediglich bei dem großen Cluster im nordrhein-westfälischen Heinsberg lasse sich die Infektionskette nicht ganz zurückverfolgen, sagte Wieler. Er schloss aber nicht aus, dass das noch gelingen kann. Fest stehe: „Wir müssen mit weiteren Infektionen rechnen und mit Infektionsketten.“

Erhöhter Druck auf die Gesellschaft

Der RKI-Präsident betonte, dass man seit Wochen ein klares, strategisches Vorgehen habe. Wichtigstes Ziel sei, die Infektionen hierzulande derart einzudämmen, dass sich das Virus möglichst langsam in der Bevölkerung verbreite. In diesem Zusammenhang müsse man sich auch darauf einstellen, dass an bestimmten Stellen der Alltag in Deutschland ein Stück eingeschränkt werden muss, ergänzte Spahn.

Christian Drosten, Leiter der Virologie der Charité Berlin und international führender Wissenschaftler zum Thema Coronaviren, betonte, dass es unter den Sars-CoV-2-Infektionen viele milde Fälle gebe. „Viele merken noch nicht mal etwas davon oder haben nur leichte Erkältungssymptome wie Halskratzen und trockenen Husten“, sagte Drosten. Doch es gebe auch schwere Verläufe. „In der Regel müssen wir uns aber nicht um uns selbst sorgen, sondern um die Gesellschaft“, sagte Drosten.

Je nachdem wie schnell die Epidemie nun in Deutschland verlaufe, könne sich der Druck auf die Gesellschaft, vor allem auf das Gesundheitssystem, erhöhen. Darum sei das Verlangsamen so wichtig: „Es macht einen großen Unterschied, ob alle Fälle binnen weniger Wochen auftreten oder ob sich das Infektionsgeschehen über ein oder zwei Jahre hinzieht“, sagte der Experte.

Er rechnet damit, dass gut zwei Drittel der Bevölkerung Kontakt mit dem Virus gehabt haben müssen, bis die Epidemie zum Stillstand kommt – und Sars-CoV-2 ein Erkältungserreger wie andere auch geworden ist.

Wachsende Belastung für Gesundheitsämter

Doch bis dahin gibt es noch viel zu tun. Vor allem auf die rund 400 Gesundheitsämter hierzulande kommt viel Arbeit zu. Schließlich müssen sie Mitarbeiter entsenden, um bei Verdachtsfällen Rachenabstriche vorzunehmen. Im Prinzip sei man gut aufgestellt, betonte René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes in Frankfurt am Main.

Zwar sei die Ausstattung mit Mitarbeitern vielerorts verbesserungsfähig. Es sei aber möglich, dass Gesundheitsämter im Sinne des Infektionsschutzes ihre Arbeitskräfte so bündeln und umstellen, dass sie bestmöglich zur Eindämmung der Epidemie beitragen können. „In solchen Zeiten kann es natürlich dazu kommen, dass die eine oder andere Schuleingangsuntersuchung verschoben werden muss“, sagte Gottschalk.

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Schließungen und Quarantäne für Verdachtsfälle

Behörden in vielen Ländern erlassen derzeit Maßnahmen wie Schulschließungen und eine Quarantäne für Verdachtsfälle. In Baden-Württemberg und Bayern zum Beispiel sollen Schüler nach dem Ende der Faschingsferien zu Hause bleiben, wenn sie sich in einem Risikogebiet aufgehalten haben. In Bayern mussten nach einem Sars-CoV-2-Nachweis rund 1600 Kollegen der Firma DMG Mori zuhause bleiben.

Bei manchen Menschen lässt das den Eindruck entstehen, es müsse sich bei Covid-19 um eine besonders gefährliche Erkrankung handeln. Der Hintergrund dieser Maßnahmen ist aber ein anderer: Eine ungebremste Infektionswelle könnte unter anderem volle Wartebereiche und Arztpraxen, belegte Intensivbetten und überlastete Gesundheitsämter bedeuten. (mit dpa)

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Der Berliner Senat betreibt unter (030)-9028-2828 zwischen 8 und 20 Uhr eine Hotline für Bürger, die den Verdacht haben, sie könnten infiziert sein.