Auch Mailand gehört zur Sperrzone in Norditalien, die 16 Millionen Menschen betrifft.
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BerlinWinston Churchill sei ihm dieser Tage in den Sinn gekommen, hat Italiens Regierungschef einem Interviewer erzählt. Und zwar dessen berühmtes Zitat: „Es ist unsere dunkelste Stunde, aber wir schaffen es.“ Der britische Premier hatte damit in den Weltkriegswirren versucht, seine Landsleute zum Durchhalten zu ermuntern. Auch Italien erlebe mit der Coronakrise seine dunkelste Stunde, sagt Giuseppe Conte. „Aber wir werden es schaffen.“

Erst vor zwei Tagen hat er den Italienern mitten in der Nacht erklären müssen, dass sie nicht mehr ins Kino und ins Museum dürfen und dass 16 Millionen Menschen in Norditalien jetzt in einer Sperrzone leben. Eine Ansprache um zwei Uhr in der Frühe, das war auch für Conte eine Premiere.

Stunden zuvor hatte es erste Anzeichen einer Massenpanik gegeben. Nachdem Informationen über die neuen Sperrzonen ungeplant an die Öffentlichkeit gelangt waren, stürmten in Mailand Hunderte die Züge Richtung Süden.

Ratlosigkeit und Verunsicherung dominieren

Italien erlebt gerade einen Ausnahmezustand, der gefährlich in Hysterie abzurutschen droht. In mehreren Gefängnissen sind wegen der Anti-Corona-Maßnahmen Unruhen ausgebrochen, es gibt sogar Tote. Für Conte, den 55 Jahre alten parteilosen Rechtsanwalt, den die Fünf-Sterne-Bewegung 2018 aus dem Stand zum Premier machte, ist das eine extreme Bewährungsprobe. Er ist bemüht, Ruhe und Besonnenheit auszustrahlen, wirbt um Vertrauen. Das war auch bei seinem einsamen nächtlichen TV-Auftritt so.

Keiner weiß bisher, wieso Italien nach China am schwersten getroffen ist und die Zahl der Infektionen explosionsartig steigt. Die Italiener sind ratlos und verunsichert, viele suchen nach Schuldigen.

Italien Ministerpräsident Giuseppe Conte sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert.
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Contes Regierung aus Fünf Sternen und Sozialdemokraten verwirre und verunsichere durch eine chaotische, widersprüchliche Informationspolitik, heißt es. Die Regionen im Norden, wo die rechte Lega dominiert und sich Unternehmen und Industrie ballen, halten die von Rom verordneten Maßnahmen für überzogen.

Conte: Das Verhalten muss sich ändern

Conte hat die Italiener zu einem radikal veränderten Sozialverhalten aufgerufen: Abstand voneinander halten – mindestens einen Meter – oder am besten zu Hause bleiben. Soziale Verantwortung sei nötig und ein Verzicht auf die sehr italienische Angewohnheit des „fare i furbi“, sagt Conte.

So nennt man das schlaue Umgehen von bürokratischen Regeln und lästigen Gesetzen. Denn bisher halten sich viele in den Quarantäne-Gebieten nicht an die Verbote und tragen so zur Verbreitung des Virus bei.