Das Leben in Italien ist momentan auf das Mindeste beschränkt.
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BerlinNachdem sie im Fernsehen die schockierende Mitteilung von Regierungschef Giuseppe Conte vernommen hatten, stürmten am Montagabend viele Italiener die spät geöffneten Supermärkte. In Rom, Neapel, Palermo, überall standen nach 22 Uhr Leute mit Einkaufswagen Schlange. Verkäufer ließen immer nur kleine Grüppchen von Kunden ein, um den Sicherheitsabstand von einem Meter zwischen ihnen zu wahren.

Gekauft wurden Berge von Keksen, Milch, Zucker, Mehl, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Alkohol sei vielerorts aus. Auch Profi-Fußballer des SSC Neapel wurden bei Hamsterkäufen gesichtet.

Kampagne gestartet: „Bleiben wir zu Hause“

Was in Italien gerade passiert, ist beispiellos. Zum ersten Mal ist ein ganzes Land unter Quarantäne gestellt, zur Sperrzone erklärt. 60 Millionen Bürgern ist vorerst bis zum 3. April die Reisefreiheit auch innerhalb der Grenzen verwehrt. Nur wer zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen muss, darf noch unterwegs sein. Bars und Restaurants müssen um 18 Uhr schließen. Kinos, Theater, Diskotheken haben den Betrieb eingestellt.

Nur wer einen wichtigen Grund hat, darf noch unterwegs sein.
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Die Italiener sollen in den eigenen vier Wänden bleiben, war die klare Ansage von Premier Giuseppe Conte. Nur so könne die rasante Ausbreitung des Virus verlangsamt werden. Auch Prominente wie der Sänger Jovanotti oder die Bloggerin Chiara Ferragni appellieren mit der Kampagne „Restiamo a casa“ – Bleiben wir zu Hause – an Verantwortung und Gemeinsinn ihrer Mitbürger.

Angst vor wirtschaftlichen Folgen wächst

Am Dienstagmorgen blieb in Italiens Hauptstadt Rom denn auch das übliche Verkehrschaos aus, erzählt der Architekt Dino Marra am Telefon. Er ist Angestellter der Stadtverwaltung und muss weiter täglich ins Büro. Wegen Corona ist er von der Straßenbahn aufs Auto umgestiegen, jetzt ohne Staugefahr.

Auf das gewohnte Frühstück mit Caffè und Cornetto in der Bar an der Ecke will er nicht verzichten. „Die Leute achten auch da auf den Sicherheitsabstand“, erzählt er. „Schließlich sind alle extrem besorgt.“ Die drastischen Vorkehrungen der Regierung heißen denn auch die meisten Italiener gut.

Kellner und Kellnerinnen haben in Rom derzeit wenig zu tun.
Foto: AFP/Tiziana Fabi

Sorgen bereitet den Leuten aber nicht nur das Virus, sondern auch dessen wirtschaftliche Folgen. Viele Selbstständige fürchten um ihre Existenz. Mit am härtesten trifft es die Reisebranche. Giangregorio Brandimarte, Inhaber des römischen Reisebüros Algotour, hat seine drei Mitarbeiter vorerst nach Hause geschickt. „Sie haben freiwillig den Resturlaub genommen“, erzählt er am Telefon. Er selbst kümmert sich halbtags um die Stornierungen seiner Kunden. „Viele Reisebüros werden Pleite gehen“, so seine Prognose.

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Keine Probleme erwartet der Römer zumindest für seine Fernbeziehung mit einer Deutschen, die in München lebt und alle zwei Wochen nach Rom fliegt. Bisher seien die Flugverbindungen von und nach Deutschland nicht unterbrochen, sagt er optimistisch. Aber das Auswärtige Amt rät inzwischen Bundesbürgern generell von Reisen nach Italien ab. Ryanair setzte am Dienstag sämtliche Italien-Flüge bis 8. April aus. Und Österreich verhängte einen Einreisestopp für Reisende aus Italien. Ausnahmen gebe es nur bei ärztlichem Attest, hieß es aus Wien.

Regierung stellt Milliarden bereit

Die Zahnhygienikerin Elisa Pierozzi wüsste gern, wieso Italien so viel stärker getroffen ist als andere europäische Länder. „Wir haben eines der besten und effizientesten Gesundheitssysteme der Welt“, sagt sie. Das zeigten alle internationalen Vergleiche. Sie selbst arbeitet schon seit Tagen nicht, muss sich um ihren achtjährigen Sohn kümmern, der wegen der Schulschließungen zuhause ist.

Die Zahnarztpraxen, in denen sie sonst ihre Patienten behandelt, nehmen nur noch ganz wenige akute Schmerzfälle an. Denn es gibt keine Schutzmasken und -kleidung mehr oder nur zu Wucherpreisen. Für Freiberufler wie Zahnärzte sei Corona ein Desaster, sagt Pierozzi. Sie hätten Einnahmeausfälle, aber Fixkosten von Tausenden Euro monatlich für Praxen und Mitarbeiter. Und keiner wisse, wie lange die Krise anhält. Der Staat werde mit Finanzhilfen einspringen müssen.

Die Regierung Conte hat bereits 7,5 Milliarden Euro zur Bewältigung der Epidemie bereitgestellt. Ein zweistelliger Milliardenbetrag werde dazukommen müssen, um Tausende neue Stellen in den überlasteten Krankenhäusern zu finanzieren, um Betriebe von Sozialabgaben zu befreien und ihnen Kredite zu gewähren und neue Arbeitslose zu unterstützen, berichteten italienische Medien. Das berüchtigte italienische Haushaltsdefizit wird dann allerdings gefährlich in Richtung der Drei-Prozent-Grenze anwachsen.