An der Tokioter Börse fielen die Kurse auf den tiefsten Stand seit 14 Monaten.
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BerlinIn Deutschland sind erstmals Patienten an einer Infektion mit dem neuen Coronavirus gestorben. Die Stadt Essen gab am Montag den Tod einer 89-jährigen Frau bekannt, ein weiterer Todesfall ereignete sich im Landkreis Heinsberg, dort starb ein 78 Jahre alter Mann. Bereits am Sonntag erlag ein 60-jähriger Deutscher in Ägypten der Krankheit – ein Feuerwehrmann aus Hamburg.

Derweil werden im Bemühen um die Eindämmung der Infektionskrankheit immer drastischere Maßnahmen ergriffen. Im brandenburgischen Neustadt (Dosse) befinden sich nach einem Coronavirus-Verdacht rund 5000 Menschen in häuslicher Quarantäne, wie der Amtsdirektor der Kleinstadt mitteilte. Eine Lehrerin einer Schule dort hatte Kontakt mit einer infizierten Berlinerin. Daraufhin ordnete das Gesundheitsamt die häusliche Isolation aller möglichen Kontaktpersonen an.

Großveranstaltungen vor Absage

Zunehmend stehen hierzulande nun Großveranstaltungen auf der Kippe. So stellt sich die Deutsche Fußball Liga auf Geisterspiele am nächsten Bundesliga-Wochenende ein, nachdem Gesundheitsminister Jens Spahn seit Sonntag wiederholt dazu auffordert, Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern abzusagen. Ohne Zuschauer stattfinden könnte auch das Bundesligaspiel des 1. FC Union am Sonnabend gegen Bayern München.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) begründete die Maßnahmen mit der verschärften Lage: „Wir befinden uns am Beginn einer Coronavirus-Epidemie in Deutschland“, sagte er am Montag vor der Presse. Es werde zwar weiterhin die Strategie verfolgt, die Krankheit zu verlangsamen, einzudämmen und möglichst alle Kontaktpersonen von Infizierten zu isolieren. Man stelle sich aber darauf ein, an den Punkt zu kommen, an dem das nicht mehr möglich sein werde.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) dringt auf schnelle Vorkehrungen gegen eine starke Zunahme von Infizierten. „Das ist eine ernste Lage, und diese Lage könnte sich weiter zuspitzen“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Montag in Berlin.

Um eine schnelle Ausbreitung zu verhindern, betonte Wieler, müssten die zuständigen Behörden vor Ort auch über den Umgang mit Großveranstaltungen und mögliche zeitweise Schließungen öffentlicher Einrichtungen entscheiden – und zwar schon, bevor es massenhaft Fälle in einer Gegend gibt.

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Über 1000 Fälle in Deutschland

Mit Stand von Montagfrüh sind in Deutschland inzwischen 1112 Infektionen in 198 Landkreisen und 15 Bundesländern bestätigt. Am stärksten betroffen sind neben dem nordrhein-westfälischen Landkreis Heinsberg die Region Aachen sowie die Landkreise München, Köln und Freising.

In Berlin stieg am Montag die Zahl der bestätigten Corona-Infizierten auf 48. Inzwischen wurden an Kliniken der Stadt fünf zentrale Teststellen für Verdachtsfälle eingerichtet. Der Berliner Senat will sich der Empfehlung von Gesundheitsminister Spahn, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern abzusagen, aber noch nicht ohne Weiteres anschließen. Die einzelnen Ressorts seien in enger Abstimmung, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD). Für die Senatssitzung an diesem Dienstag wird eine einheitliche Position gesucht.

Entscheidung liegt bei Ländern und Behörden

Kritik an Spahns Vorpreschen gab es bereits. So sagte Innen- und Sportsenator Andreas Geisel (SPD), er finde es „schwierig, einfach sowas in den Raum zu stellen“. Spahn habe seine persönliche Meinung über seine privaten Internetkanäle bekanntgegeben, ohne sich mit den Ländern abzustimmen.

„Aber es gibt keine einheitliche Linie der Bundesregierung. Das hat er sorgfältig vermieden“, monierte Geisel. Das sei für eine gute Zusammenarbeit nicht ganz einfach. Man werde sorgfältig beurteilen und dann Entscheidungen treffen. Spahn beruft sich indes in dieser Frage auf die gesetzlichen Regelungen. „Wir können Kriterien vorgeben, aber entscheiden müssen die Länder und Behörden“, sagt er.

Weltweit stieg die Zahl der Corona-Fälle auf als 105.586 in mehr als 100 Ländern. „In vielen Ländern wird es noch schlimmer werden, bevor es besser wird“, warnte Maria van Kerkhove, Leiterin der Abteilung neue Krankheiten bei der Weltgesundheitsorganisation. „Wir sehen aber Licht am Endes des Tunnels“, fügte sie hinzu. Die Beispiele von China und Singapur, die den Anstieg der Fälle deutlich reduziert haben, sei ein Hoffnungszeichen.

Wirtschaftliche Folgen werden spürbar

An den Börsen hat sich der dramatische Ausverkauf am Montag allerdings noch beschleunigt. Die Sorge um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise schickte die Aktienkurse weiter auf Talfahrt. Der Absturz des Ölpreises verstärkte die Entwicklung noch.

Der Dax schloss bei 10.625,02 Punkten, ein Minus von 7,94 Prozent. An der New Yorker Wall Street wurde nach starken Kursverlusten der Handel sogar vorübergehend ausgesetzt. Auch in London, Paris, Sao Paulo und Tokio stürzten die Kurse ab.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht Deutschland mit dem Notfallpaket der Koalition gut gerüstet. Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld seien bereits in der Finanzkrise erfolgreich gewesen, sagte Merkel. Die Auszahlung von Kurzarbeitergeld soll erleichtert und länger ermöglicht werden.

Nun sollen laut dem Beschluss auch die Sozialbeiträge für die ausgefallenen Arbeitsstunden den Arbeitgebern erstattet werden – und zwar voll und nicht nur wie Ende Januar beschlossen zu 50 Prozent. Auch Finanzhilfen für Unternehmen sind angedacht. In den Jahren 2021 bis 2024 sollen zudem jeweils 3,1 Milliarden Euro zusätzliche Investitionen ermöglicht werden. (mit dpa)