Carmela Bergamelli, 87, sitzt im Rollstuhl und trifft ihre Familie mit großer Distanz.
Foto:  AP/Luca Bruno

BergamoIn der Nacht vom 18. auf den 19. März passieren dreizehn Militärtransporter die Via Borgo Palazzo im Zentrum Bergamos. Die Stadt ist schwer getroffen von der Corona-Pandemie. Ein Anwohner wird durch den Motorenlärm wach. Er macht ein Foto von dem Leichen-Konvoi der italienischen Armee. Am nächsten Tag geht es um die Welt.

Don Mario Carminati hat an jenem 19. März, der Bergamo einen Stempel aufdrückte, mit den Toten geredet. Sie lagen auf dem Boden seiner Kirche. Der Pfarrer erinnert sich an einen Mann namens Angel – er nennt ihn seinen Engel.

In Carminatis Kirche San Giuseppe in der Gemeinde Seriate vor den Toren Bergamos erinnern drei Monate nach der Katastrophe im März und April nur Flecken auf dem Marmorboden an die Särge mit den Corona-Toten, die im Kirchenschiff zwei Monate lang gestapelt waren. Die italienische Armee habe den Marmor dreimal mit Desinfektionsmitteln geschrubbt, erzählt der Pfarrer. Seine dunklen Erinnerungen an ein wochenlanges Leben inmitten von Toten sind geblieben.

Als die Krematorien in Bergamo Mitte März mit ihren Kapazitäten am Ende waren, war die Leichenhalle der Stadt schon voll. Die Regierung entschied, die Corona-Toten östlich und westlich der Stadt provisorisch aufzubahren. Massengräber sollte es nicht geben, hatten die Politiker beschlossen. Also wählten sie eine leerstehende Fabrik in der Gemeinde Ponte San Pietro und die Kirche in Seriate für eine Aufbahrung der Corona-Toten auf unbestimmte Zeit.

Särge werden mit Gabelstaplern in LKW gehievt

Der Priester berichtet vom täglichen Kampf um etwas Respekt für die Toten. Carminati ist dabei, wenn die Särge in die Kirche getragen werden. Er legt eine Blume auf jeden Sargdeckel und zündet eine Kerze an. Er fotografiert mit seinem Handy die eingravierten Namensschilder. Dann segnet er die Verstorbenen. Er stellt abends Videos online über das Grauen in seiner Kirche. Der Rest der Welt soll wissen, was das Virus anrichtet. Der Militär-Konvoi hält im Durchschnitt alle drei Tage im Schutz der Nacht vor der Kirche. Soldaten hieven die Särge mit einem Gabelstapler auf die Ladeflächen der Lastwagen. Selten ist Platz für alle. Angel, der Engel, bleibt 20 Tage in der Obhut des Priesters.

Carminati hat die Fotos der Namensschilder von 270 Särgen gespeichert. Er kann jetzt Angehörigen von Corona-Opfern Auskunft geben. Viele in der Region um Bergamo treibt die Frage um, ob auch ihre Eltern oder Großeltern tagelang auf dem Kirchenboden lagen, bevor Lastwagen sie wie eine Ware quer durch Italien zu noch nicht ausgelasteten Krematorien fuhren. „Die Menschen haben ihre Verwandten in eine Ambulanz gebracht. Und irgendwann erhalten sie eine Urne. Abgesehen vom Todesdatum wissen sie nichts darüber, was dazwischen passiert ist“, sagt der Priester. In einer Stadt, in der die Corona-Opfer gerade erst wieder bestattet werden können, habe der Trauer-Prozess noch nicht einmal begonnen, sagt Carminati.

Leben regt sich in Bergamo wieder seit dem 18. Mai. Damals endete selbst im Epizentrum der Seuche die strenge Phase des nationalen Lockdowns. Er hatte 60 Millionen Italiener in die Quarantäne gezwungen. Die Billigfluglinie Ryan Air fliegt wieder seit Anfang Juli den Flughafen der circa 120.000 Einwohner zählenden Stadt unweit von Mailand an. Nach Touristen hält man vergeblich Ausschau. Die über dem Rest der Stadt auf einem Berg thronende Città Alta mit ihren Basiliken und Trattorien ist zur Mittagszeit so menschenleer wie das Città Bassa genannte Zentrum mit seinen Luxusläden.

Die Bergamasken gehen vormittags und abends wieder auf die Straßen und setzen sich in Cafés. Kellner messen vor dem Zutritt bei jedem Gast Fieber. Einen Mund- Nasen-Schutz trägt nahezu jeder, auch draußen. Ältere sind unter den Passanten rar. Viele, die überlebt haben, hätten aus Angst vor dem Virus seit Mitte März ihre Wohnungen nicht verlassen, heißt es.

250 Beschwerden über das Versagen der Behörden

Mit Durchhalteparolen versehene Stadtfahnen hängen an vielen Balkonen. Sie verkünden: „Bergamo – mola mia!“, „Bergamo - gib nicht auf!“. Die Flaggen sind die einzigen sichtbaren Hinweise darauf, dass sich in der Stadt etwas Beispielloses ereignet hat.

Der Geist hinter dem Slogan „Bergamo - mola mia“ habe Risse bekommen, findet Stefano Fusco. Er bittet zum Gespräch in den Garten seines Hauses im Vorort Brusaporto. Und nimmt erst unter freiem Himmel seine Maske ab. Fusco hat nach dem Corona-Tod seines Großvaters Antonio die Organisation „Noi denunceremo“ (Wir klagen an) gegründet, gemeinsam mit seinem Vater Luca. Nach eigenen Angaben haben sich ihnen bisher 56.000 Menschen als informelle Mitglieder in den sozialen Medien angeschlossen. Der Zusammenschluss von Angehörigen will in den kommenden Wochen 250 Beschwerden über das Versagen der Behörden und des Gesundheitssystems während der Corona-Katastrophe bei der Staatsanwaltschaft einreichen.

Fusco sagt, es gehe ein Riss durch die Gesellschaft: Zwischen den Angehörigen der rund 6000 Corona-Toten in der Stadt und im Umland und jenen, denen persönliche Verluste erspart geblieben sind. Für die, die das Trauma auf Bergamasker Art bewältigen wollten, also mit noch mehr Fleiß und Geschäftigkeit, könnten die Trauernden bald schon eine Last sein, glaubt Fusco. „Wir Bergamasken sind von Arbeit besessen. Und manche glauben, es wird schon alles gut, wenn die Wirtschaft wieder läuft“, sagt er. Es könnte auch jener ausgeprägte Geschäftssinn gewesen sein, der die Stadt in den Abgrund gestürzt hat, mutmaßt „Noi denunceremo“.

Während die Armee die Regionen um die Städte Lodi und Codogno bereits Ende Februar als sogenannte „Rote Zonen“ abriegelte, verzichteten die Behörden der von der rechtsgerichteten Lega gestellten Provinzregierung darauf, zwei Gemeinden in der Nahe von Bergamo nach dem Auftreten von Corona-Fällen unter Quarantäne zu stellen. Sowohl in der Kleinstadt Nembro als auch in Alzano Lombardo befinden sich Industriebetriebe. Sie gelten als Filetstücke der wohlhabenden Region Bergamo.

Heime für Senioren verwandelten sich in Virus-Brutstätten

Die örtliche Sektion des italienischen Industrieverbands Confindustria weist eine Einflussnahme auf die Regierung zurück. Stefano Fusco will die Frage juristisch klären lassen. „Ich will den Verband nicht beschuldigen. Aber Unternehmer wollen nun mal Geld verdienen“, sagt er.

Lucas Großvater Antonio steckte sich während der Reha in einem Heim an, in dem der 85-Jährige sich von einem Schlaganfall erholen sollte. Sein Physiotherapeut kam aus Nembro. „Er hat sogar noch gescherzt und meinen Großvater gefragt, ob er nicht wegen des Virus Angst vor ihm habe“, erzählt Fusco. Als die hustenden Patienten in den Krankenhäusern in der zweiten Märzwoche plötzlich keine Luft mehr bekamen, schickten die Ambulanzen die Kranken mit leichten Symptomen wieder nach Hause oder in Einrichtungen wie jene, in der Antonio Fusco starb. Heime für Senioren verwandelten sich in Bergamo in Virus-Brutstätten.

Morgens, wenn er aufwache, überrolle ihn eine Woge der Panik, erzählt Luca Fusco. Der 28-Jährige nimmt seit Wochen Medikamente gegen seine Angst. Er fühlt sich gefangen in einer Stille, in der das Heulen der Krankenwagensirenen, das Rattern der Militärfahrzeuge und das Läuten der Totenglocken als einzig wahrnehmbare Geräusche unerträglich laut waren. Und da ist die Leere ohne den geliebten Großvater. Wochenlang habe die Familie während des Lockdowns nur am Telefon trauern können, obwohl drei Generationen im selben Straßenzug leben. Wie genau Antonio Luca starb, ob ein Pfleger oder eine Krankenschwester die Zeit fanden, seine Hand zu halten, als es zu Ende ging, die Angehörigen wissen es nicht. Und dieses Nichtwissen quält sie. Sein Großvater sei ein typischer italienischer „Nonno“ gewesen. „Mein Opa hat mich vier Jahre lange kostenlos bei sich wohnen lassen, als ich kein Geld verdient habe“, erzählt Fusco. Die Corona-Pandemie habe der ganzen Stadt ihre Nonnas und Nonnos genommen, sagt Fusco. Von einer Generation, die Bergamo nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Arbeit ihrer Hände zu einer der reichsten Städte Italiens gemacht hatte, bleibe nichts als Asche.

Am 17. März denkt der leitende Notfallmediziner Roberto Consentini im Papst-Johannes-Paul-XXIII-Krankenhaus darüber nach, ob seine Arbeit noch Sinn ergibt. 100 Patienten liegen in den Zimmern und den Fluren der Notaufnahme. Sie ist für maximal 40 Patienten ausgelegt. Vor der Klinik bildet sich ein Stau von Krankenwagen, die neue Patienten bringen. „Ich habe in die Gesichter meiner Mitarbeiter geschaut und gesehen, es geht nicht mehr“, sagt Consentini. Er rennt durch die überfüllte Klinik zum Büro des Direktors. Den nimmt er mit in die Ambulanz am Rande des Zusammenbruchs. „Der Direktor hat sich bei jedem Arzt und jedem Mitarbeiter bedankt und dann verkündet, dass für einen Tag keine neuen Patienten mehr aufgenommen werden“, erzählt Consentini. Die Krankenwagen vor der Klinik mussten  umdrehen.

Consentini ist stolz darauf, dass seine Abteilung nur für einen Tag in der Krise kollabiert ist. Ebenso sieht er es als Erfolg an, dass kein Arzt oder Pfleger an dem Virus gestorben ist. Er kennt die Vorwürfe von „Noi Denunceremo“. Das in internationalen Rankings gut bewertete, zum größten Teil privatisierte Kliniksystem der Region Lombardei habe sich auf lukrative Felder wie Herzchirurgie konzentriert und dafür die Notfallmedizin vernachlässigt, bemängeln die Aktivisten. Consentini bezeichnet die Suche der Hinterbliebenen nach Schuldigen als „Traumatherapie“. Für ihn steht fest, dass die Mediziner in Bergamo und in der ganzen Lombardei getan haben, was möglich war.

Jugend außer Rand und Band

In einer lauen Julinacht steht eine Karawane junger Menschen in der Città Alta Schlange vor einem Zelt. Ein Mitarbeiter mit Maske lässt die Wartenden vortreten und hält ihnen einen Fieberscanner wie eine Pistole an die Stirn. Nach einem „Piep“-Signal dürfen sie weiterziehen zu einer mit Bars umstellten Fläche mit Tischen und Stühlen vor einer Großleinwand. Das Freiluftlokal nennt sich Pozzo Bianco. Ein Küsschen hier, eine Umarmung dort. War da etwas mit einem gefährlichen Virus?

Die Erwachsenen in Bergamo schütteln den Kopf über eine Jugend, die ihnen nach zwei Monaten Lockdown außer Rand und Band zu sein scheint. Sachbeschädigungen und nächtliche Lärmbelästigungen werden moniert. Die 24-jährige Studentin Lucrecia Mozzanica und ihre Freunde finden die Klagen übertrieben. In einer Stadt, in der die Alten starben, frage niemand danach, wie sich junge Menschen fühlten, meinen sie. Das Treiben um sie herum ist ihnen aber unangenehm. „Ich glaube, viele wollen einfach jetzt leben, weil sie Angst haben vor der Zukunft“, sagt Mozzanica. Auch sie fürchtet, dass das Virus im Herbst wiederkomme und sie für Monate einsperrt. 

Hat der Klinikpfarrer Don Claudio vielleicht eine Antwort auf die Frage nach Schuld und Sühne und der Zukunft? In der kleinen Gavanezzi-Klinik starben ihm 400 Patienten unter den Händen weg. „Ich blieb bei ihnen, wenn es zu Ende ging, aber nur zehn Minuten lang, dann wurde schon der Nächste kritisch“, erzählt er. Und er sagt: „Wir alle in Bergamo haben im selben Moment den Tod gesehen.“ In einer Stadt, in der vor der Ankunft des Virus hart gearbeitet und das Leben in vollen Zügen genossen worden sei, könne nun niemand mehr vor seiner Endlichkeit davonlaufen.