Wir treffen Gerda Hasselfeldt an einem warmen Augustnachmittag in ihrem Büro im Bundestag mit atemberaubendem Blick auf die Spree und das Regierungsviertel. Unten ziehen Dampfer mit Touristen vorbei.

Der Blick erinnere sie immer wieder daran, was hier früher einmal war und wie sehr sich Berlin verändert hat, sagt Hasselfeldt. Sie ist entspannt, das politische Berlin schläft in diesen Tagen, Termine gibt es kaum. Auf einer knallroten Ledersitzgarnitur gibt sie freimütig Auskunft, sie spricht konzentriert, nachdenklich, humorvoll.

Frau Hasselfeldt, als wir uns Ihre Biografie angesehen haben, fiel uns spontan ein: Gerda Hasselfeldt ist wie eine Alt-68erin, nur konservativ. Sind Sie einverstanden?

Ich weiß gar nicht, was Sie mit konservativer Alt-68erin meinen?

Sie sind schon als junge Frau in die Politik eingestiegen, Sie haben mit traditionellen Rollenmustern gebrochen. Das muss doch damals in Niederbayern, wo Sie aufgewachsen sind, einigermaßen skeptisch aufgenommen worden sein? Waren Sie eine Rebellin?

Nein, ich war keine Rebellin. Ich habe mich nur schon sehr früh politisch interessiert. Und das war in der damaligen Zeit für ein Mädchen aus dem Bayerischen Wald, aus einem Dorf, nicht selbstverständlich. Aber das lag mit Sicherheit an meiner familiären Situation. Mein Vater war viele Jahre lang Bürgermeister, Landtags- und Bundestagsabgeordneter in der CSU.

Wie haben damals Ihre Freundinnen und Freunde reagiert? Allzu viele Frauen gab es Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre nicht in der Männerwelt der CSU.

Das hat die nicht weiter verwundert. Die kannten mich ja. Ich habe sogar einige von ihnen sozusagen „infiziert“ und für Politik begeistert. Ich war auf einem Mädchengymnasium und dort Schulsprecherin. Wir haben, als wir ungefähr 16 waren, einen politischen Arbeitskreis gegründet – unter meiner Führung. Mir war einfach der Sozialkundeunterricht zu langweilig. Da haben die interessierten Mädchen aus mehreren Klassen mit Politikern aus der Region diskutiert. Jungs waren nicht dabei. Unterschätzen Sie nicht die Mädchen aus dem Bayerischen Wald. Wir waren damals vielleicht noch nicht in den Parteien, aber wir waren sehr interessiert.

Später haben Sie erfolgreich für den Bundestag kandidiert und sind unter der Woche in Bonn gewesen, während sich Ihr damaliger Mann um die Kinder gekümmert hat. Kam Ihnen das ungewöhnlich vor oder war es für Sie normal, diesen Weg zu gehen?

Für mich war das normal, für meine Umgebung eher nicht. Aber mein erster Mann hat das gerne mitgemacht. Er war Lehrer und hatte auch kein Problem damit, im Haushalt mitzuhelfen. Gekocht hat er sowieso besser als ich, was dazu führte, dass jeder das machte, was er konnte. Ich habe gebügelt und gesaugt, er hat gekocht.

Waren Sie eine Trendsetterin in der CSU?

Ich habe einfach mein Leben so geführt, wie ich es für richtig hielt. Ich habe immer gerne gearbeitet, wollte studieren und mich politisch engagieren. Kinder wollte ich aber auch. Es hat sich einfach so ergeben. Ich habe das alles nicht aus Protest gemacht. Im Gasthaus meiner Eltern habe ich schon früh politisch mitdiskutiert und habe keine Vorbehalte gespürt, weil ich eine junge Frau war.

Sie haben eine steile Karriere in der CSU gemacht. Sie sind die erste Landesgruppen-Chefin in der Geschichte der Partei. Sie waren auch die erste CSU-Bundesministerin. Weil Sie eine Frau waren, oder obwohl?

Als Landesgruppenchefin hat das überhaupt keine Rolle gespielt. Aber damals im Kabinett Kohl schon eher, da braucht man sich nichts vorzumachen. Ich habe das aber auch nicht hinterfragt. Das ging ja alles so schnell. Das Kabinett musste umgebildet war. Das Wohnungsproblem war damals besonders akut. Ich war gerade zwei Jahre im Parlament, wurde Bauministerin und habe mich ganz schnell in die Arbeit gestürzt.

Sie waren damals gerade 38 Jahre alt.

Schon ein bisschen ungewöhnlich. Aber Helmut Kohl und Theo Waigel haben mir damals gesagt: Wir trauen dir das zu. Und ich war ja auch ziemlich erfolgreich als Bauministerin. Ich habe Kohl damals gefragt, wie er ausgerechnet auf mich gekommen sei. Er sagte, er habe mich reden gehört, das sei solide gewesen. Ich habe mir aber darauf nichts eingebildet, sondern mich an die Arbeit gemacht.

Dabei hat ausgerechnet Ihr Vater, der selber lange Jahre für die CSU Abgeordneter war, einmal gesagt: Frauen in der Politik sind ein Krampfadergeschwader. Hat er es Ihnen nachgetragen, dass Sie in die Politik gegangen sind?

Nein, das hat er nicht. Es ist richtig, dass er von Frauen in der Politik nicht übermäßig viel gehalten hat. Aber er hat mein Interesse an der Politik mit großer Sympathie zur Kenntnis genommen. Er hat sich gefreut darüber. Wir sind gemeinsam zu Parteiversammlungen gefahren, haben viel diskutiert. Es war vielleicht nicht Stolz, aber Freude darüber, dass eines seiner sechs Kinder, und noch dazu ein Mädchen, sich für seine Arbeit interessiert.

Hat er Sie denn unterstützt?

Am Anfang hat er meine Arbeit mit einer gewissen Distanz begleitet. Dann kam aber Anerkennung hinzu. Ich glaube, seine Bewertung von Frauen in der Politik hat sich stark verändert.

Hat er noch einmal vom Krampfadergeschwader gesprochen?

Nie mehr. Man muss auch sehen, in welcher Zeit mein Vater aufgewachsen ist. Er war Jahrgang 1921, und wir waren fünf Mädchen in der Familie. Er wollte aber unbedingt einen Sohn, und das ist dann erst beim sechsten Kind gelungen.

In ein paar Wochen wird ein neuer Bundestag gewählt, und nahezu alle Parteien haben weniger Frauen auf ihren Listen als vor vier Jahren. Wie erklären Sie sich das?

Die meisten Mandate der CSU werden über die Direktwahl gewonnen. Das bringt große Bodenhaftung und Nähe zu den Menschen zum Ausdruck, lässt sich aber nicht steuern – im Gegensatz zu anderen Parteien, die die Mandate über die Liste bekommen. Man kann schließlich keinem Wahlkreis vorschreiben, wer nominiert werden soll. Außerdem überlegen viele Frauen, ob sie die politische Tätigkeit mit vielen Abend- und Wochenendterminen neben der Familie und ihrer Berufstätigkeit ausüben können und wollen.

Es liegt also auch an den Frauen?

Nicht nur. Manche Kreisverbände in meiner Partei sind schon immer noch von Männern dominiert. Das macht es nicht einfacher für Frauen, die für ein Direktmandat kandidieren. In meinem Wahlkreis kandidiert eine Frau als meine Nachfolgerin. Sie hat sich gegen männliche Mitbewerber durchgesetzt. Das stählt.

In der CSU-Landesgruppe in Berlin sitzen 15 Frauen und 41 Männer. Warum gibt es das Missverhältnis auch heute noch?

Die Direktmandate sind der eine Grund. Ein anderer Grund ist: Manche Frauen wollen es sich einfach nicht antun, unter der Woche nicht bei der Familie sein zu können. Und dass Politik eine Partnerschaft belastet, das ist unbestritten. Quantität ist im Übrigen nicht alles. In der CSU haben Frauen überproportional viel politischen Einfluss, zum Beispiel Parlamentarische Staatsekretärin, Ausschussvorsitzende, oder auch die Landtagspräsidentin und Staatsministerinnen.

Verhindert die Männerphalanx in der CSU den Aufstieg der Frauen?

Verhindert wird da nichts. Sonst würde ich ja nicht hier sitzen. Ich bin ja nicht an diese Stelle gekommen, weil man da eine Frau suchte. Wirklich nicht.

Es gab auch mehrere Männer, die laut „Hier“ gerufen haben, als der Posten 2011 zu vergeben war.

Das war in der Tat so. Nachdem ich aber der Bitte vieler Kolleginnen und Kollegen und des Parteivorsitzenden nachgekommen bin, hat sich keiner mehr zur Wahl gestellt. Ich habe zwei Wochen lang Nein gesagt, weil ich eigentlich mit dem Amt der Bundestagsvizepräsidentin ganz zufrieden war.

Hatten Sie Angst, eine Entscheidung zu treffen?

Ängstlich war ich nie. Allerdings habe ich auch nicht nach immer neuen, immer wichtigeren Posten gestrebt. Ich wollte immer das, was ich mache, gut machen. Ich jedenfalls überlege mir immer: Kann ich das? Kann ich die Erwartungen erfüllen? Gibt es vielleicht jemanden, der es besser kann? Ich beobachte, dass sich viele Frauen eher kritisch hinterfragen.

Was raten Sie jungen Frauen, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen? Sie haben ja Erfahrung damit – in einer Zeit, als das noch gar nicht üblich war.

Jede Frau muss zunächst wissen, was sie wirklich will. Es ist ja nicht so, dass jede Frau mit einem Leben, wie ich es geführt habe, glücklich wäre. Das muss jede für sich selbst entscheiden und gemeinsam mit dem Partner. Ohne Partner jedenfalls, da bin ich mir sicher, funktioniert es nicht. Ich sehe das bei meiner Tochter. Sie arbeitet mit großer Freude, hat ihre Arbeitszeit ein bisschen reduziert und bekommt jetzt das dritte Kind. Und ihr Partner hat auch die Arbeitszeit ein bisschen reduziert, und irgendwie schaffen sie es – mit viel Organisation und gutem Willen und Kinderbetreuungsmöglichkeiten, die heute viel besser sind als zu meinen Zeiten. Generell würde ich jungen Frauen aus meiner Erfahrung raten, nehmt berufliche Niederlagen nicht persönlich, sondern sportlich und seid mutig.

Würden Sie Ihren Lebensentwurf wiederholen, wenn das möglich wäre?

Aber natürlich. Ich war zufrieden, mein Mann war zufrieden. Und den Kindern ging es auch gut.

Haben Sie damals mehr unter der Trennung von den Kindern gelitten als Ihre Kinder?

Es hat immer wieder Situationen gegeben, in denen ich mich gefragt habe: Machst Du das jetzt richtig? Vor allem am Anfang. Ich wollte unbedingt meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete in Bonn aufnehmen. Aber wenn man am Montagmorgen von zu Hause wegfährt und die Kleine zum Kindergarten bringt und weiß, dass man erst am Freitag wieder da sein wird, dann ist das emotional schon eine Belastung. Da sind bei mir, nicht bei meiner Tochter, schon manche Tränen geflossen, wenn ich mit dem Auto auf dem Weg zum Flughafen in München war. Und als das Routine war, wurde ich Ministerin, musste mich in meinem neuen Wahlkreis Fürstenfeldbruck erst bekannt machen, um bei der Wahl 1990 als Direktkandidatin aufgestellt zu werden. Die Familie war zu der Zeit noch in Niederbayern, und die Wiedervereinigung kam auch noch dazu. Wie ich das alles unter einen Hut gebracht habe, das frage ich mich heute noch manchmal.

Sie haben Ihre Karriere in der alten Bundesrepublik begonnen. Was hat sich verändert mit dem Umzug von Regierung und Parlament nach Berlin?

In der Politik hat sich sehr vieles verändert, wobei das sicher nicht nur an Bonn und Berlin liegt. Auch die Zeiten haben sich verändert. In Bonn war es ruhiger.

Würden Sie sagen, es war gemütlicher?

Aus heutiger Sicht, ja. Es war überschaubarer, kleiner, die Wege waren viel kürzer, und man kannte sich. Bonn war ein großes Dorf. Hier in Berlin war alles viel unübersichtlicher, die Stadt ist schneller und hektischer, und man musste sich an die neuen Räumlichkeiten und Entfernungen gewöhnen. Auch das politische Arbeiten ist viel hektischer geworden. Das hängt auch mit den Veränderungen in den Medien und besonders auch mit den sozialen Medien zusammen.