Elmar Jehn (l.), Gregor Gysi und Jochen Arntz 
Foto: Paulus Ponizak/ Berliner Zeitung

BerlinHerr Gysi, das Zentrum für politische Schönheit hat für massive Proteste gesorgt, weil es eine Stele am Reichstag aufstellte, in der sich angeblich die Asche von Holocaust-Opfern befand. Wie beurteilen Sie diese Aktion?

Die Aktion macht meiner Meinung nach auf falsche Weise auf ein wichtiges Problem aufmerksam. Es ist völlig richtig, die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus in einer Zeit dem Vergessen zu entreißen, da in Deutschland wieder Anschläge auf Synagogen verübt werden. Man darf es aber nicht in einer Form tun, die von Angehörigen und Nachfahren der Opfer als Provokation empfunden wird. Besonders bedauerlich ist, dass dadurch die vollkommen berechtigte Mahnung, wie Konservative zu Wegbereitern des Faschismus geworden sind, in den Hintergrund tritt und nun Nazi-Gegner mit Nazi-Gegnern streiten.

Darf Kunst alles oder gibt es trotz Kunstfreiheit Grenzen?

Kunst muss auch wehtun dürfen. Die künstlerische Zuspitzung öffnet unsere Augen für Wesentliches an gesellschaftlichen Zuständen, an die sich zu viele zu gewöhnen drohen. Auch die Gerichte ziehen die Grenzen bei der Kunst zurecht sehr weit und greifen meist nur dann ein, wenn Kunst mit falschen Tatsachenbehauptungen oder einem schweren Eingriff in Persönlichkeitsrechte verbunden ist. Aber Künstlerinnen und Künstler müssen auch Kritik aushalten können.

Kunst gerät immer wieder in das Spannungsfeld der politischen Diskussion. Der öffentliche Streit um das „Avenidas“-Gedicht an der Berliner Salomon Hochschule kann dafür exemplarisch stehen. Führt politische Polarisierung zu mehr Intoleranz der Kunst gegenüber?

Zweifellos. Das Extrembeispiel in jüngerer Vergangenheit ist der Terroranschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo. Dort wurden Menschen umgebracht, weil Karikaturen gedruckt wurden, die den Propheten Mohamed zum Thema hatten. Ich halte die Polarisierung in allen Gesellschaften für eine Entwicklung, die die Demokratie bedroht, weil sie nicht auf den Diskurs, sondern auf die Dominanz zielt. Was das für die Kunst bedeuten kann, wissen wir, wenn wir an den Begriff der Nazis von der „entarteten Kunst“ und an die Bücher denken, die von ihnen verbrannt wurden.

Kunst hat zu allen Zeiten auch provoziert, um Gewohnheiten zu brechen und neue Sichtweisen zu ermöglichen. Wie verläuft die Grenze zwischen Kunst und Agitation?

Das liegt wahrscheinlich im Auge des Betrachters. Künstlerinnen und Künstler wie die vom Zentrum für politische Schönheit werden auf eine harte Grenze gar nicht so viel Wert legen. Und wenn ich an Plakate von El Lissitzky oder das Solidaritätslied denke, dann ist das große Kunst, die durchaus auch darauf angelegt war, agitatorische Wirkung zu entfalten. Den abwertenden Klang, der heute dem Begriff „Agitation“ anhaftet, gab es damals noch nicht.

Was bedeutet Kunst für Sie persönlich?

Anregung, Konfrontation, Schönheit, Entspannung, Genuss. Von allem etwas, vor allem dann, wenn sie mich berührt. Das kann ein Buch sein, ein Bild, eine Oper, ein Konzert. Ich bedauere dann immer ein wenig, es nicht selbst zu können, was aber nur die Wirkung des Kunstwerks auf mich erhöht.

Sammeln Sie Kunst und wenn ja, welche?

Nein, ich sammle generell nichts anderes als Erfahrung und Büros. Zur Zeit habe ich von letzteren sieben. Schöne Bilder, Drucke, CDs und viele Bücher besitze ich natürlich. Aber Kunst ist so vielfältig, dass ich mich mit einer Sammlung nicht festlegen will.