Schauspielerin Cynthia Nixon.
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New YorkDie Sätze prasseln auf den Zuschauer ein wie Hagelkörner: „Sei keine Verführerin. Männer können sich nicht beherrschen. Männer haben Bedürfnisse. Du siehst frustriert aus. Mach dich locker. Zeig etwas Haut. Sieh sexy aus. Sei nicht so provokativ. Du willst es ja nicht anders. Du bist overdressed. Du bist underdressed. Sei nicht zu dick. Sei nicht zu dünn. Hör auf, so viel zu essen. Bestell Salat. Mein Gott, du siehst aus wie ein Skelett. Warum isst du nicht einfach?“

Es sind Sätze, die wehtun. Und die sich so oder so ähnlich wohl jede Frau schon anhören musste. Widersprüchliche Erwartungen, Anforderungen, Imperative: Dinge, die Frauen sollen, die Mädchen sollen. Die Druck erzeugen. Der Text stammt von der 22-jährigen Autorin Camille Rainville, sie hat ihn bereits 2017, kurz nachdem die #MeToo-Debatte begann, auf ihrem Blog veröffentlicht. Dass er jetzt, mehr als zwei Jahre später, so große Aufmerksamkeit erfährt, ist einem Videoclip zu verdanken, in dem die Sätze von der US-Schauspielerin Cynthia Nixon vorgetragen werden.

Was heißt vorgetragen? Nixon verleiht der feministischen, antisexistischen Botschaft Dringlichkeit, sie rezitiert zusehends wütend,   schaut mal herablassend, mal verzweifelt. Als Schauspielerin beherrscht sie das Mienenspiel, die Sprache. Nixon schafft es, dem Clip, der allein auf Instagram seit Anfang der Woche mehr als 2,5 Millionen Mal aufgerufen wurde, eine Wucht zu verleihen, die ein schierer Text kaum entwickeln könnte. Dass in zwischengeschnittenen Bildern auch Donald Trump und Harvey Weinstein aufblitzen, ist natürlich kein Zufall. Nixon aber, mit schwarz umrandeten Augen und streng nach hinten gegeltem Haar, ist die Hauptfigur, der tragende Part.

In „Sex and the City“, einer der erfolgreichsten TV-Serien der Jahrtausendwende, war das noch anders. Darin spielte die heute 53-Jährige die Anwältin Miranda Hobbes – und rangierte im Gagen- und Beliebtheitsgefüge deutlich hinter Superstar Sarah Jessica Parker. Schaut man sich die Serie um vier New Yorker Freundinnen heute an, ist Nixons Figur die einzige, die man noch ertragen kann – weil sie am wenigsten ein Bild verfestigt, das die Abhängigkeit von Frauen gegenüber Männern zeigt.

Nixon verhalf die Rolle zu großer Popularität, die sie zu nutzen weiß. Sie wirbt für die Homo-Ehe, setzt sich für die Gleichstellung von Frauen ein und engagiert sich politisch. Als sie 2018 für das Amt der Gouverneurin von New York kandidierte, sagte ihr Gegner Andrew Cuomo, das sei wohl der Beginn der Karnevalssaison. Auch so ein Satz, der wehtut.