In die helle Cafeteria kehrt langsam das Leben zurück. Noch sind nur wenige Tische besetzt, an der Theke warten zwei Frauen auf ihre Getränke. Im neuen Bürogebäude der Financial Times (FT) im Zentrum Londons stellt sich Dan McCrum diskret hinter ihnen an, er hat einen sportlich wippenden Gang. In seiner Hand hält er einen altmodischen Reporterblock. Als er zahlen will, winkt die Frau hinter dem Tresen ab. McCrum strahlt: „Ah, der Kaffee ist gratis, prima. Vergangene Wochen habe wir sogar das Mittagessen umsonst bekommen.“ Die Chefs der FT wollen, dass die Mitarbeiter nach der Pandemie wieder zurück ins Büro kommen.

McCrum trägt eine dunkelblaue Windjacke, ein hellblau-weiß gestreiftes Hemd und eine Brille wie die Intellektuellen in den Filmen von Woody Allen. Er ist höflich, spricht leise, lacht gerne in sich hinein, manchmal sogar kurz etwas lauter. Er hört konzentriert zu, antwortet präzise. Der 43-Jährige ist der ideale „Mitarbeiter des Monats“, wie ihn sich jedes Unternehmen wünscht. Sein Reporterblock liegt neben ihm. Auf dem Block liegt ein schwarzer, billiger Kugelschreiber. Auf dem Schreiber steht in weißer Farbe der Schriftzug einer Milliarden-Firma, die es seinetwegen nicht mehr gibt: Wirecard.

Gelernt aus dem Fall Madoff

Für die FT ist Dan McCrum einer der Mitarbeiter des Jahrzehnts: Der unscheinbare junge Mann hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der kometenhaft aufgestiegene Finanzkonzern innerhalb weniger Tage verglühte. McCrum hat mit seinen Kollegen den größten Betrugsskandal der deutschen Wirtschaftsgeschichte aufgedeckt. „Es war eigentlich ganz einfach“, sagt McCrum heute: „Ohne Zweifel handelte es sich bei Wirecard um einen massiven Betrug.“

McCrum, dessen aufregende Geschichte dieser Tage auch in Buchform erscheint, hatte für die FT die entscheidenden Recherchen angestellt. Er war nach Dubai gefahren und stellte fest, dass eine wichtige Niederlassung von Wirecard in der realen Welt nicht existierte. In Singapur und auf den Philippinen fanden sich neue Hinweise. Wirecard war eine Luftnummer, erfand Kunden, manipulierte Unternehmensbewertungen, fälschte Dokumente – das ganze Programm: „Ich verstehe bis heute nicht, wie sie so lange damit durchkommen konnten“, sagt McCrum, der einige Zeit bei einer Investmentbank in New York gearbeitet hat und dort den Zusammenbruch des Imperiums von Bernie Madoff erlebte.

Madoff war der vielleicht angesehenste Vermögensverwalter der Stadt, dem alle ihr Geld anvertrauten, weil ihre reichen Freunde zuvor ihr Geld beim ihm angelegt hatten. Madoffs Betrug flog schließlich auf: Er hatte das Geld der neuen Anleger verwendet, um alten Kunden vorzutäuschen, sie würden eine Rendite ausbezahlt bekommen.

Youvalle Levy
Markus Braun

McCrum beschreibt in seinem Buch, wie ihn der Fall Madoff sensibilisiert habe. Anlegerbetrug verlaufe im Grunde immer nach demselben Schema: Man täuscht Geschäfte vor, die es nicht gibt. Voraussetzung sei allerdings, dass die Anleger gutgläubig sind und es einige „Helden“ gibt, die erzählen, wie sie das schnelle große Geld mit der todsicheren Anlage gemacht haben: „Wirecard war ein Zahlungsdienstleister. Das ist eigentlich ein ganz simples Geschäft.“

Doch die Wirecard-Leute hätten ihren Anlegern gesagt, das Geschäft sei sehr kompliziert: „Da schaltet ein normaler Mensch ab, weil sich niemand mit komplizierten Sachen befassen will.“ Um das Geschäft zum Erfolg zu machen, brauche man ein paar Leute, die herumrennen und sagen: „Seht her, so unfassbar gut habe ich mit meinem Investment verdient. Die Aktie ist sicher!“

Wirecard-Chef Markus Braun hatte daher nur eines im Sinn: den Börsenkurs hochzutreiben. In einem Telefonat, das McCrum mit Braun führte, wischte der charismatisch auftretende CEO die kritischen Fragen des Journalisten zu den Machenschaften von Wirecard beiseite, versuchte stattdessen, McCrum zu einem Wirecard-Fan zu machen.

Sollten die Journalisten in eine Falle gelockt werden?

Doch McCrum war nicht zu gewinnen, im Gegenteil: Brauns Abgehobenheit nährte seinen Verdacht, dass mit der Firma etwas nicht stimme könnte. Noch etwas anderes machte McCrum stutzig: Braun habe einen schwarzen Rollkragenpullover getragen, um wie eine Reinkarnation von Steve Jobs zu erscheinen. Doch habe Braun über dem Pulli sein schwarzes Jackett anbehalten, und wirkte daher spießig und „eher wie der aus der Art geschlagene Cousin denn wie der wahre Erbe des visionären Apple-Gründers“, so McCrum in seinem Buch.

McCrum und seine Kollegen bei der FT ließen sich auch von größeren Summen nicht beeindrucken. Jan Marsalek, Mastermind des Wirecard-Verbrechens, wollte die kritische Berichterstattung der FT abstellen, indem er über einen Mittelsmann zehn Millionen Euro Schweigegeld ins Gespräch bringen ließ. Bis heute wissen McCrum und sein damaliger Chef Paul Murphy, Leiter des Investigativ-Ressorts bei der FT, nicht, ob es wirklich zu einer Zahlung gekommen wäre oder ob das Angebot eine Falle war, in die die FT-Journalisten gelockt werden sollten, um sie der Korruption überführen zu können.

Die deutsche Wirecard-Illusion

Wirecard hatte sich eine einfache Abwehrstrategie gegen die FT-Anschuldigungen zurechtgelegt. Man behauptete, die Zeitung würde gemeinsame Sache mit sogenannten „Shortsellern“ machen. Shortseller (zu Deutsch: Leerverkäufer) recherchieren penibel über schlecht geführte oder betrügerische Unternehmen. Dann wetten sie darauf, dass die Wahrheit ans Licht kommt und der Aktienkurs abstürzen wird.

Wirecard behauptete mit nachhaltigem Erfolg, dass an den Vorwürfen von McCrum nichts dran sei und erklärte den Anlegern, der deutschen Finanzaufsicht Bafin und der Öffentlichkeit, dass McCrum ein geldgieriger, korrupter Kerl sei, der seinen Job missbrauche, um Wirecard niederzuschreiben.

In Deutschland glauben heute noch viele diese These – obwohl der Betrug längst aufgeflogen ist. Aber selbst nach dem bitteren Aus für den erhofften heimischen „Technologie-Champion“ wollen viele Anleger nicht wahrhaben, dass sie Betrügern aufgegessen waren: Der Betrug sei nur ein Vorwand gewesen, um die Firma zu Fall zu bringen – es stecke viel Größeres dahinter, wird heute noch in Berlin, Frankfurt oder München geraunt. Von Geheimdiensten, Söldnern und Diktatoren ist die Rede.

Youvalle Levy
Jan Marsalek

„Marsalek war ein Hochstapler“

Vieles von alldem sei übertrieben, sagten Fachleute, die sich mit dem Niedergang von Wirecard beschäftigt haben. Olaf Storbeck, der die Wirecard-Geschichte für die FT in Deutschland betreut, sagt: „Marsalek war ein Hochstapler. Er hat die Investoren angelogen.“ Marsalek habe die Qualität der Wirecard-Technologie übertrieben angepriesen. Er habe die Zahlen frisiert. Storbeck glaubt, Marsalek habe die dunklen Machenschaften der Geheimdienste auch nur aufgeblasen, um Wirecard als mächtiger erscheinen zu lassen, als der Laden wirklich war.

Immerhin: Marsalek präsentierte sogar einmal die Formel des Nervengases Nowitschok; McCrum hat die Unterlagen gesehen und war beeindruckt. Marsaleks nächtliche Flucht nach dem Zusammenbruch von Wirecard über einen kleinen österreichischen Flughafen mit Hilfe von rechtsextremen Spionen aus Österreich gab den Spekulationen neuen Auftrieb: Er soll sich in Moskau aufhalten. Mehr braucht es nicht, um die Geschichte am Köcheln zu halten.

Gegen Kritiker ging Wirecard ohne Skrupel vor: Die Computer von FT-Journalisten und Shortsellern wurden gehackt. McCrum berichtet von einer schwarzen Limousine, die mehrfach vor seiner Wohnung auftauchte. Auch ein Lauschangriff gegen die FT wurde durchgeführt.

Ende April 2022 gestand ein israelischer Privatdetektiv einem Gericht in New York, dass er im Auftrag von Wirecard die E-Mail-Konten von Kritikern gehackt hatte. „Natürlich wirst du da paranoid“, sagt Dan McCrum heute. Er hatte Angst um seine Frau Charlotte, die ebenfalls hineingezogen wurde. Wenn das junge Ehepaar miteinander sprechen wollte, mussten alle elektronischen Geräte in einem anderen Raum abgelegt werden. Er hatte Angst um seine Kinder. McCrum zuckte bei Fremden zusammen, die zufällig hinter ihm auf der Straße gingen. Er scheute sich, mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren: „Ich bin sogar in die Büsche vor unserem Haus gekrochen, um zu überprüfen, ob Mikrofone drin versteckt waren.“

Lionel Barber, damals Chefredakteur der FT und letztverantwortlich für die Wirecard-Story, sagt: „Dan ist ein furchtloser Mann.“ Er habe sich nicht einschüchtern lassen, und die Zeitung habe McCrum den Rücken gestärkt – auch wenn Fehler unterliefen. McCrum erzählt selbstkritisch, welche Probleme er sich einhandelte, als er einmal einen Text mit Vorwürfen veröffentlichte, ohne Wirecard Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

Der „Zatarra-Report“, der die Vorwürfe erhob, war von Shortsellern verfasst worden. Die schnelle Veröffentlichung in der FT nährte den Verdacht, McCrum würde gemeinsame Sache mit den „Spekulanten“ machen. Barber erzählt: „Ich sagte Dan, wenn du jemals wieder so etwas in die Hände bekommst, musst du es vorher jemandem zu lesen geben.“ McCrum war in diesem Zusammenhang auch in die Falle der modernen Internet-Formate getappt: Die FT unterhielt damals den legendären Blog „Alphaville“, auf dem durchaus auch mal ein schnelles Marktgerücht gepostet werden konnte – ohne das in einer Redaktion übliche Vier-Augen-Prinzip.

Die Stenografen für Markus Braun

Die Rückkehr zu strengen journalistischen Kriterien war die Folge, McCrum wurde Mitglied im Investigativ-Team. Barber sieht den Fehler rückblickend als Glücksfall: Man habe bei allen weiteren Wirecard-Berichten so sauber gearbeitet, dass der Vorwurf der Komplizenschaft mit den Shortsellern nie mehr aufkommen konnte. Das war schwierig, die FT kämpfte ziemlich allein gegen Wirecard. Die meisten deutschen Medien hätten, mit Ausnahme der Süddeutschen Zeitung und der Wirtschaftswoche, die FT-Recherchen nicht übernommen, sondern unterstützten ganz unverblümt den nationalen Champion Wirecard, sagt Barber. McCrum und Barber ärgern sich heute noch hörbar vor allem über das Handelsblatt.

McCrum sagt, man habe der Zeitung aus Düsseldorf eine brisante interne Wirecard-Untersuchung überlassen, um eine kritische Berichterstattung zu ermöglichen. Doch die Zeitung habe sich zum „Stenografen“ von Markus Braun gemacht, schreibt McCrum in seinem Buch: Der CEO wurde zu den Vorwürfen interviewt und konnte seine Darstellung unters Volk bringen – die, wie heute bekannt ist, glatt gelogen war. McCrum sagt, er hätte es entlarvend gefunden, dass die „deutschen Medien anderen Journalisten zutrauen, sie seien korrupt“. Hätten die deutschen Medien ihre Arbeit ordentlich gemacht, hätte der Wirecard-Spuk viel früher beendet werden können.

„Heute würden wir vieles anders machen“

Entscheidend für die Wende im Fall Wirecard waren schließlich die von der FT unabhängig durchgeführten Recherchen von Fahmi Quadir, was Dan McCrum in seinem Buch auch ganz uneitel anerkennt. Die FT war außerdem auf die Hilfe von Whistleblowern angewiesen. Der Wirecard-Mitarbeiter Pav Gill aus Singapur lieferte 2019 die entscheidenden Hinweise und stellte ein Dossier zusammen. Weil Gills Mutter schwer krank war und Gill Angst vor der Rache seines Chefs Jan Marsalek hatte, steckte McCrum Gills anonymes Recherche-Dossier in Kuverts in diverse Londoner Briefkästen, um es unters Volk zu bringen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Das Dossier enthielt die Essenz der bevorstehenden Enthüllungen der FT-Berichterstattung im Januar 2019, aufbereitet unter anderem für die Bafin. Die Bafin reagierte allerdings ganz anders als erwartet: Sie nahm nicht Wirecard ins Visier, sondern leitete Ermittlungen wegen des Verdachts der Marktmanipulation ein und verhängte ein Leerverkaufsverbot. Sie dachte, das Dossier käme wieder von Shortsellern, wie schon seinerzeit der Zatarra-Report.

Weil das Dossier in zeitlicher Nähe zum FT-Bericht eintrudelte, führte die Bafin das Dossier als Beleg für ihre Ermittlungen gegen McCrum an: Das Dossier würden im Zusammenhang mit der FT-Veröffentlichung zeigen, dass McCrum mit den Shortsellern unter einer Decke stecken könnte.

Die Bafin kam nicht auf die Idee, dass die Enthüllungen von einem Wirecard-Mitarbeiter stammen könnten. Noch weniger konnte sie natürlich ahnen, dass McCrum bei dem Dossier tatsächlich seine Finger im Spiel hatte – jedoch in einem ganz anderen Sinne, als von der Behörde gemutmaßt. Ob das anonyme Versenden von Kuverts eine Grenzüberschreitung für einen Journalisten ist, ist eine Frage, die man sich stellen kann, räumt McCrum ein. Er sagt: „Heute würden wir vieles anders machen.“

Die „Story seines Lebens“, Wirecard, lässt ihn nicht los

Allerdings zollen alle drei FT-Journalisten Deutschland auch Anerkennung: Der Fall sei vor Gericht gelandet, es habe einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss gegeben, Leute in der Aufsicht, bei Behörden und beim Wirtschaftsprüfer Ernst & Young hätten ihre Posten verloren: „So etwas hat es in London noch nie gegeben, trotz vergleichbarer Skandale wie etwa bei der Carillion-Pleite oder dem Autonomy-Betrug“, sagt McCrum. Und er ist sich sicher, dass Wirecard nicht der letzte große Betrug ist: Man sehe dasselbe Schema heute bei den Kryptowährungen. Der FT-Aufdecker ist überzeugt, dass sich die Strafermittler um die Krypto-Industrie kümmern werden: „Der Bitcoin wird auf null gehen.“

Dan McCrum hat vorerst mit Wirecard abgeschlossen. Er muss nach dem Gespräch zu einem Interview, ganz anderes Thema, ein neuer Skandal. Die „Story seines Lebens“ lässt ihn trotzdem nicht los: „Ich möchte eines Tages gerne Jan Marsalek treffen.“ Er lächelt und steckt seinen Wirecard-Kugelschreiber in die Brusttasche. Mit schnellen Schritten springt er die Treppe hinunter, hinaus aus dem Haus der FT. Er wird sich verspäten und will nicht unhöflich sein.

Buchhinweis: Dan McCrum: „House of Wirecard. Wie ich den größten Wirtschaftsbetrug Deutschlands aufdeckte und einen DAX-Konzern zu Fall brachte“, Verlag Econ, Berlin, 2022. 400 Seiten, 25 Euro.

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