Berlin - Kinder und Kanzleramt, lässt sich das vereinbaren?, fragte tagesschau.de in einem Kommentar kurz nach der Nominierung von Annalena Baerbock zur Kanzlerkandidatin der Grünen. Auch im Deutschlandfunk tauchte die Frage auf, wie sie Familie und ein Spitzenjob vereinbaren will. So ist es halt, wenn Frauen Karriere machen und keine Kinder haben, ist das ein Problem, wenn sie kleine Kinder haben und Karriere machen, aber auch. Sofort waren viele sehr empört.

„Warum wird gefragt, wie Annalena Baerbock Vereinbarkeit wuppen wird? Warum wird nicht gefragt, wie und welche veralteten Strukturen wir verändern müssen, damit alle Mütter, die Bock haben, jeden Job der Welt machen können“, schrieb Mareice Kaiser, Chefredakteurin des feministischen Onlinemagazins Edition F. „Herr Laschet, wie würden Sie die Aufgaben als Kanzler mit der Familie vereinbaren?“, stichelte die Autorin Mia Latkovic. Und auch die SZ murrte: „Frauen werden Fragen gestellt, die Männern so nie gestellt würden. Wer kümmert sich schon um die Kinder von Söder.“ Die drei Kinder von Laschet sind erwachsen. Söder hat vier Kinder, der jüngste Sohn ist laut Wikipedia vierzehn Jahre alt. Die Fragen kämen zu spät.

Ich finde ja, man kann Annalena Baerbock, Mutter zweier Töchter (vier und acht), diese Fragen nach der Vereinbarkeit stellen. Wie man beides zusammenbringt, ist ein Thema, das viele Eltern beschäftigt, oft zerreißt, auch wenn sie kein Spitzenamt in der Politik anstreben.

Es ist auch ein Thema, das Mütter anders, dringlicher beschäftigt als Väter. Es sind die Körper von Frauen, die von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett durchgeschüttelt und manchmal überwältigt werden, von Gefühlen größter Liebe und größter Verzweiflung. Frauen erleben eher als Männer Diskriminierung im Job, wenn sie Mütter werden, wenn sie aus der Elternzeit rauskommen. Frauen leiden auch eher unter diesem Perfektionszwang.

Ich kenne Annalena Baerbock nicht besonders gut, aber sie macht mir nicht den Eindruck, als würde sie selbst die Frage nach der Vereinbarkeit als sexistisch oder übergriffig empfinden. Es gibt eine Generation erfolgreicher deutscher Mütter wie Ursula von der Leyen, die am liebsten gar nicht in der Öffentlichkeit über ihre Kinder oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf redet, höchstens im Rückblick. 

Baerbock  dagegen redet von selbst öfter von ihren Kindern und auch von den Widersprüchen, den Schwierigkeiten. Als sie vor drei Jahren Parteivorsitzende, sagte sie gleich, dass es Tage geben wird, die nur den Töchtern gehören werden. In der Corona-Krise sprach sie von den Schwierigkeiten von endlosen Zoom-Konferenzen, Home Schooling.

Eine Nutzerin auf Twitter sagte, es gehe bei der grünen Kanzlerkandidatin um Politik und nicht um irgendeinen Kindergarten. Das klang eher so, als sei Familienpolitik „Gedöns“, wie SPD-Kanzler Gerhard Schröder einmal sagte. Das Neue an Baerbocks Kanzlerkandidatur ist ja nicht, dass sie eine Frau ist. Das Neue ist, dass sie eine Frau mit kleinen Kindern ist, dass sie all diese Themen wie Arbeitszeiten, Steuersystem, Care-Arbeit in den großen gesellschaftlichen Zusammenhang stellen kann, in den sie gehören. 

In Deutschland gibt es ja immer noch das Leitbild, dass eine Mutter zu ihrem Kind gehört. Wie geht sie damit um? Und muss ein Kanzler, eine Kanzlerin wirklich auf jegliches Privatleben verzichten, um alles der Politik und der großen Aufgabe unterzuordnen, wie der taz-Kollege Peter Unfried es formulierte? Und klar, man kann diese Fragen auch 40 Jahre alten männlichen Politikern stellen. Man sollte sogar.