Wahlkampfauftritt von Donald Trump in Tulsa.
Foto:  AP/Matt Barnard

WashingtonSo hatte sich Donald Trump den Wiederbeginn seines Wahlkampfes vermutlich nicht vorgestellt. Als der US-Präsident nach mehr als dreimonatiger Corona-Pause im BOK Center in Tulsa erstmals wieder vor Anhänger trat, blieben in der Arena viele Sitze leer. Eine geplante Ansprache Trumps vor der Veranstaltungshalle für all jene, die im Inneren keinen Platz gefunden hätten, wurde sogar gestrichen – vor der 19.000 Menschen fassenden Arena herrschte gähnende Leere.

Die Zuhörer waren zwar begeistert, als Trump in gewohnter Manier rüde Attacken gegen politische Gegner fuhr und über seine eigene Arbeit schwärmte. Doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Auftritt hinter den Erwartungen zurückblieb, die Trump selbst geschürt hatte.

Kritik an Deutschland

Trump erneuerte am Samstagabend seine Kritik an Deutschland und bekräftigte seine Pläne, fast 10.000 US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Der US-Präsident sagte, Deutschland schulde der Nato wegen unzureichender Verteidigungsausgaben in den vergangenen 25 Jahren „eine Billion Dollar“. Trump übte in dem Zusammenhang erneut Kritik an der geplanten Ostsee-Pipeline Nord Stream 2, die Gas von Russland nach Deutschland bringen soll.

„Wir sollen Deutschland vor Russland beschützen“, sagte Trump unter Applaus. „Aber Deutschland zahlt Russland Milliarden Dollar für Energie, die aus einer Pipeline kommt, einer brandneuen Pipeline.“ Trump kritisiert seit langem, dass Deutschland das selbst gesteckte Ziel der Nato für Verteidigungsausgaben nicht erfülle, berichtet die Nachrichtenagentur AFP.

Kein Wort zu George Floyd

In seiner mehr als eineinhalbstündigen Ansprache nannte Trump nicht ein einziges Mal den Namen des Afroamerikaners George Floyd, der Ende Mai bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis getötet wurde. Auch Rassismus oder Polizeigewalt thematisierte Trump nicht. Stattdessen sagte der Republikaner mit Blick auf die Wahl im November unter Applaus: „Wenn die Demokraten an die Macht kommen, dann werden die Randalierer das Sagen haben und niemand wird mehr sicher sein.“

Trump sagte weiter: „Sie wollen unser Erbe zerstören, damit sie ihr neues Unterdrückungsregime an seiner Stelle durchsetzen können.“ Die Demokraten wollten Polizeibehörden die Finanzierung entziehen und diese auflösen. Der designierte Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Joe Biden, habe sich „der radikalen Linken ergeben“. Sollte Biden im November gewählt werden, „wird niemand mehr sicher sein“. Floyds Tod hat zu landesweiten Protesten geführt, die anfangs teilweise in Ausschreitungen und Plünderungen ausgeartet waren. Die Demokraten im US-Kongress fordern nicht die Auflösung der Polizei.

Trump spricht vor leeren Rängen

Rund 100.000 Anhänger hatte sein Wahlkampfteam für Tulsa angekündigt. Der Präsident höchstselbst hatte vor wenigen Tagen auf Twitter verkündet, „fast eine Million Menschen“ hätten sich um Eintrittskarten für die kostenlose Veranstaltung beworben. Der Republikaner ist bekannt dafür, es mit Zahlen nicht so genau zu nehmen – und der Zahl seiner Zuhörer eine enorme Bedeutung beizumessen.

Ungeachtet der Teilnehmerzahl: Trump schien den Auftritt vor seinen jubelnden Anhängern zu genießen. Eindreiviertel Stunden lang heizte der Präsident seinen Zuhörer ein, verunglimpfte seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden als senile „hilflose Puppe der radikalen Linken“, beschimpfte Demonstranten als „Anarchisten“ und „Plünderer“ und lobte seinen „phänomenalen Job“ im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie – wohlgemerkt bei rund 120.000 Corona-Toten, der mit großem Abstand höchsten Zahl weltweit.

Erster Wahlkampfauftritt nach Corona ist umstritten

Der erste Wahlkampfauftritt Trumps seit Anfang März, als die Corona-Krise die USA mit voller Wucht getroffen hatte, gibt einen Vorgeschmack auf die kommenden Monate bis zur Wahl am 3. November. Der Republikaner setzt darauf, seine Basis zu mobilisieren und anzustacheln. Und wie schon bei der Präsidentschaftswahl 2016 spielen seine Großveranstaltungen eine zentrale Rolle.

Daran soll, wenn es nach Trump geht, auch die Corona-Krise nichts ändern. Gesundheitsexperten warnen unablässig, dass Wahlkampfauftritte mit Tausenden Teilnehmern ideale Bedingungen für eine Ausbreitung des Virus bieten. Just vor dem Auftritt in Tulsa wurden sechs Mitarbeiter von Trumps Wahlkampfteam, die im Vorfeld in die Stadt gereist waren, positiv auf das Coronavirus getestet. Die wenigsten Trump-Anhänger trugen am Samstagabend Schutzmasken.

Wahlkampfveranstaltungen begünstigen Corona-Ausbreitung

In einer Reihe von Bundesstaaten schnellen die Infektionszahlen derzeit nach oben. Doch während Biden noch abwartet, plant Trump schon die nächsten Wahlkampfauftritte in Arizona, Florida und North Carolina. Auf die steigenden Corona-Zahlen hatte Trump am Samstagabend eine Antwort parat: „Ich habe meinen Leuten gesagt: testet langsamer“ – schließlich würden mehr Tests zu mehr positiven Testergebnissen führen. Das Weiße Haus betonte umgehend, der Präsident habe einen Witz gemacht.

In den Tagen zuvor war Trump noch wenig nach Scherzen zumute gewesen. Binnen vier Tagen fügte ihm der Oberste Gerichtshof gleich zwei juristische Niederlagen zu; sein früherer Nationaler Sicherheitsberater John Bolton wartete mit einem Buch mit wenig schmeichelhaften Enthüllungen auf; und in Umfragen liegt der für sein Corona-Krisenmanagement und seinen Umgang mit den Protesten nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd viel kritisierte Präsident deutlich hinter Biden – sowohl landesweit als auch in mehreren Schlüsselstaaten.

Mit dem Auftritt in Tulsa wollte Trump, leere Ränge hin oder her, die Kehrtwende einleiten. „In fünf Monaten werden wir den schläfrigen Joe Biden besiegen“, rief er seinen Anhängern zu. Das Team des Ex-Vizepräsidenten reagierte umgehend: Trumps Wahlkampfauftritt sei ein „Spektakel der Lügen und gefährlichen Ideen“ gewesen. „Wir können Trump keine vier weiteren Jahre geben.“