TOCHTER: Wir haben uns in der Schule mit der UN beschäftigt. Die Vereinten Nationen sind ja nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden als Nachfolger des Völkerbunds. Der war an der Aufgabe gescheitert, zu verhindern, dass dieser Krieg ausbricht. Die Idee, Frieden zu sichern und auch der Impuls, Entwicklungshilfe zu geben, Medizin, Wasser für alle – an sich, ist das ja eine tolle Idee. Aber es ist auch eine absolut undemokratische Organisation.

MUTTER: Was stört dich denn?

Wir Bürger können überhaupt nicht mitentscheiden. Ob wir in die UN eintreten möchten oder nicht, dürfen wir zum Beispiel nicht bestimmen. Es gibt keine Wahlen. Nur in der Schweiz gab es so eine Abstimmung.

Na, ich denke aber, es ist doch gut, wenn sich alle an einen Tisch setzen und Probleme diskutieren. Es sollte selbstverständlich für jedes Land sein, dabei zu sein.

Aber es geht ja noch weiter mit den undemokratischen Strukturen. In der Generalversammlung hat jedes Land eine Stimme. Ganz egal, wie viele Menschen dort leben. Also hat ein ganz kleines Land genauso viel Gewicht wie eins mit Milliarden Einwohnern. Das steht in keinen Verhältnis. Und dann noch der Sicherheitsrat. Das ist, finde ich, das größte Problem. Dass die fünf ständigen Mitglieder ein Vetorecht haben. Dass die USA für keine Untaten belangt werden können, weil sie eben sagen können, nö, das wollen wir nicht.

Es gibt eine ganze Menge strukturelle Probleme. Das sehe ich auch. Es gibt aber auch Reformvorschläge. Was ich interessant finde, ist die Tatsache, dass die Vereinten Nationen in der Wahrnehmung der meisten Menschen überhaupt keine Rolle zu spielen scheinen. Diese Organisation ist um ein Vielfaches weiter weg von den Menschen als nationale Regierungen. Kaum jemand weiß, dass da 193 Staaten organisieren, wie sie miteinander auskommen, welche Personen dort agieren, was gerade diskutiert wird. Man weiß vielleicht gerade noch, dass es um Weltfrieden und Menschenrechte geht. Die UN schweben irgendwo drüber, sind weit weg. Es ist ganz was anderes bei der Bundesregierung, weil man selber wählt, sich mit Parteiprogrammen auseinandersetzt und beteiligt ist. Eine Regierung muss sich rechtfertigen. Die UN nicht.

Es ist ja auch keine Regierung. Es ist aber auch keine NGO, und kein Verein, der seine Ziele durchsetzen will. An sich finde ich die Idee toll und die Vereinten Nationen können durchaus etwas bewirken. Sie fördern die internationale Zusammenarbeit. Aber im Grundsatz ist es eben eine undemokratische Veranstaltung.

Aber mal abgesehen von den strukturellen Schwächen, glaubst du, dass wir das brauchen? So eine weltumspannende Plattform, auf der man Probleme, die alle betreffen, lösen kann.

Auf jeden Fall. Das finde ich richtig gut. Das ist überhaupt nicht altmodisch, sondern eher modern. Sich zusammen setzen und drüber reden, das fördert den Zusammenhalt und löst viele Konflikte. Das Denken in nationalen Grenzen ist veraltet. Wir denken ja schon in vielen Dingen europäisch, aber global wäre noch besser. Klimawandel, die Probleme der Entwicklungsländer, die Verantwortung der Industrienationen. Das muss man zusammen angehen.