Let’s talk: Autorin (rechts) und Tochter im Gespräch.

MUTTER: Es gibt gerade erstaunlich viele Menschen, die Zweifel an der Wissenschaft und ihren Erkenntnissen haben. Ich begreife nicht, warum es plötzlich so viele sind.

TOCHTER: Offenbar verstehen viele nicht, dass Wissenschaftler einfach Fakten darlegen, solange bis sie jemand entkräftet und neue Fakten präsentiert.

Verschwörungstheoretiker gab es ja schon immer. Aber im Moment äußern sehr viele Menschen Zweifel – auch an Dingen, die eigentlich klar auf der Hand liegen.

Es gibt generell in unserer Zeit sehr viele Leute, die glauben, alles besser zu wissen. Das fängt ja schon beim Arztbesuch an. Der Arzt diagnostiziert irgendwas und als erstes befragt der Patient Google. Da steht dann irgendwas ganz anderes. Und dann hat natürlich nicht der Arzt recht, sondern das Internet, weil das Internet eben allwissend ist. Das gab es schon vor Corona, aber das hat sich durch Corona noch verstärkt. Klar, die Wissenschaft hat öfter mal die Richtung gewechselt. Erst war Mundschutz Quatsch, dann war Mundschutz plötzlich wichtig. Danach war Fenster offen wichtiger und als nächstes kommt wieder was Neues und das Virus ist doch ganz anders, als man gedacht hat. Aber so funktioniert Wissenschaft halt. Steht eben nichts fest.

Sonst bräuchten wir ja keine Wissenschaft. Je länger man sich mit einer Sache beschäftigt, umso besser kennt man sich aus. Aber das ist genau das, was ich meine: Viele Leute glauben offenbar, man muss immer sofort Bescheid wissen und sofort eine Meinung zu allem haben. Die posaunen sie dann raus, und so ist es dann. Es fehlt die Geduld, sich erst mal in Ruhe mit den Dingen zu beschäftigen, um sich wirklich schlau zu machen.

Na, viele suchen halt eine schnelle Lösung für komplexe Probleme. Nach der Methode arbeiten Populisten. Sie bieten schnelle Lösungen an. Das funktioniert nur bei so etwas Kompliziertem wie einem Virus nicht.

Es funktioniert eigentlich nirgendwo.

Generell funktioniert es eher wenig, da hast du recht. Es ist schon ein bisschen absurd: Man stellt diejenigen infrage, die es wissen müssten, und schwingt sich selbst zu jemandem auf, der allwissend ist. Anzweifeln, ohne zu hinterfragen, ob der Zweifel berechtigt ist. Das ist komisch.

Menschen sind vielleicht doch nicht so schlau, wie sie immer denken. Die vielen Freiheiten, die quasi unbegrenzten Möglichkeiten, sich Informationen zu beschaffen, selber gestalten – das ist vielen viel zu anstrengend. Sie wollen lieber Orientierung durch unzweifelhafte, starke Autoritäten. In der Politik sind dafür Populisten prima, ansonsten gibt es davon ja genug in Spielfilmen.

Die Alternative kann aber nicht sein, dass man den Leuten das Denken abnimmt. Viele sind einfach nur zu bequem und wollen die Realität ihrem Leben anpassen. Ich finde, man kann schon erwarten, dass jeder mal darüber nachdenkt, was gerade abgeht in der Welt. Wenn ein Teil der Bevölkerung behauptet, dass das Coronavirus gar nicht existiert, kann man ja nicht einfach aufhören, das Virus zu bekämpfen. Da hilft nur noch mehr Wissen.