Olof Palme vor der Kulisse der Stockholmer Altstadt. 1986 wurde der schwedische Ministerpräsident auf offener Straße ermordet.
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BerlinEs gibt nur wenige gesicherte Erkenntnisse darüber, was sich am 28. Februar 1986 an der Kreuzung Sveavägen, Ecke Tunnelgatan zutrug, an einem kalten Freitagabend mitten in der Stockholmer Innenstadt. Zu den wenigen unzweifelhaften Tatsachen gehört eine, die Schweden in kürzester Zeit in einen nationalen Schockzustand versetzte und sich bis zum Morgen als Nachricht um die ganze Welt verbreitete. Um 23.21 Uhr trat eine Person von hinten an den damaligen Ministerpräsidenten Olof Palme heran und schoss ihn in den Rücken. Palme – nach einem spontanen Kinobesuch mit seiner Ehefrau Lisbeth und ohne Leibwächter unterwegs – fiel nach vorn, war sofort bewusstlos und starb kurz darauf im Krankenhaus.

Die zweite gesicherte Erkenntnis ist, dass der Versicherungsangestellte Stig Engström um 23.19 Uhr das Gebäude der Skandia-Versicherung verließ, wo er als Grafiker arbeitete. Nur gut einhundert Meter ist die Pforte entfernt von dem Ort, wo kurz darauf zwei Schlüsse fielen. Jahrzehntelang stellte niemand einen Zusammenhang her zwischen dem dramatischen Ereignis und dem scheinbar belanglosen. Seit diesem Mittwoch sind sie untrennbar verbunden. Und die Daten der Stechuhr, wo sich Engström beim Verlassen seines Arbeitsplatzes abmeldete, gehören nun zu den wichtigsten Indizien in einer der umfangreichsten Mordermittlungen der Neuzeit – die niemals abgeschlossen wird, wie jetzt feststeht.

Es ist 9.30 Uhr an diesem Mittwoch, als Staatsanwaltschaft Krister Petersson zusammen mit dem Ermittlungsleiter Hans Melander die Pressekonferenz eröffnet. Auf die Minute pünktlich, so viel Akkuratesse muss auch – oder gerade – nach 34 Jahren noch sein. Den Auftritt hatte Petersson lange angekündigt. Vor dem Sommer wolle er ein Ergebnis der Palme-Ermittlungen verkünden, hatte er zum 34. Jahrestag des Mordes Ende Februar mitgeteilt.

Sofort setzten die Spekulationen in den Medien und sozialen Netzwerken ein. Hatten die Ermittler die Tatwaffe gefunden? Gab es Tatbeteiligte, die sich identifizieren ließen? Würde Petersson, der die Ermittlungen drei Jahre zuvor übernommen hatte, Anklage erheben? Vor allem aber: Würde er die 34-jährige Ungewissheit endlich beenden und die Schmach der Strafverfolger, dass es ihnen trotz praktisch unbegrenzter Ressourcen nicht gelungen war, den Schuldigen für das schwerste politische Attentat zu identifizieren, das Schweden je erlebt hat?

Staatsanwalt Krister Petersson verkündete am Mittwoch das Ende der Ermittlungen nach mehr als 34 Jahren.
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Petersson gilt als einer der erfahrensten Ankläger in Schweden. Er erhob Anklage gegen den Mörder der Außenministerin Anna Lindh – einer politischen Ziehtochter Olof Palmes – im Jahr 2004. In den Neunzigerjahren war er beteiligt am Verfahren gegen den „Lasermann“ John Ausonius, der mit einem Zielgewehr auf Migranten geschossen und einen Mann getötet hatte. Petersson muss seit langem gewusst haben, dass er in seinem größten Fall die Erwartungen der Öffentlichkeit nicht erfüllen und die Versäumnisse nicht auslöschen konnte, die eine ganze Generation von Ermittlern vor ihm begangen hatte.

Fast anderthalb Stunden wird er sprechen und anschließend eine halbe Stunde lang die Fragen der Journalisten beantworten, die per Videochat der Pressekonferenz zugeschaltet sind. Das Ergebnis seiner dreijährigen Arbeit verkündet er aber gleich zu Beginn. Als Staatsanwalt könne er gegen Tatverdächtige ermitteln und Anklage erheben, wenn hinreichende Beweise vorliegen. „Wir kommen in dieser Ermittlung um einen Verdächtigen nicht herum“, sagt Petersson. „Es handelt sich um Stig Engström.“

Hätte Petersson die Pressekonferenz zwanzig Jahre früher abgehalten, dann hätte er nach diesem Satz eine Festnahme verkünden können. Doch das letzte Lebenszeichen von Engström ist mehr als zwei Jahrzehnte her. Am 26. Juni 2000 wurde er tot in seiner Wohnung im Stockholmer Vorort Täby aufgefunden. Staatsanwalt Petersson bleibt darum nur mitzuteilen, dass er mit seinen Mitteln nicht mehr erreichen kann. „Ich habe beschlossen, die Ermittlungen einzustellen.“

Detailliert legt er anschließend dar, warum er einen Verstorbenen verdächtigt – und warum er den Verdacht für so schwerwiegend hält, dass er keine anderen Spuren mehr verfolgen wird. Ohne es auszusprechen, erhebt Petersson doch noch Anklage – gegen die Polizisten, die in den Monaten nach dem Mord Hinweise ignorierten, ihren Instinkten nicht folgten und Engström ohne klare Begründung als Verdächtigen abschrieben. Zu unwahrscheinlich erschien ihnen womöglich das gewagte Spiel, auf das sich der Mann nach Peterssons Überzeugung einließ. Denn es ist nicht so, dass Engström sich versteckt hätte. Im Gegenteil: Er suchte sogar öffentliche Aufmerksamkeit und schilderte Ermittlern und Medien immer wieder seine Beobachtungen aus der Tatnacht – oder aber das, was er andere glauben lassen wollte.

Wenige Wochen nach der Tat schilderte Stig Engström seine vermeintlichen Beobachtungen aus der Tatnacht im schwedischen Fernsehen.
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Lange vor dem Staatsanwalt beschäftigte sich der Journalist Thomas Pettersson mit Engström. Mehr als zehn Jahre lang durchforstete er Ermittlungsakten, befragte Verwandte und Kollegen – und veröffentlichte seine Erkenntnisse im Jahr 2018 in einem Buch mit dem Titel „Der unwahrscheinliche Mörder“. Pettersson zeichnet darin ein Bild von Engström als einem Gernegroß, der an vielen Stellen im Leben an seinen Unzulänglichkeiten – und nicht zuletzt an seiner Alkoholsucht – scheiterte. Privat verkehrte er in äußerst konservativen Kreisen, zu seinen Bekannten zählten mehrere ehemalige und aktive Angehörige des schwedischen Militärs. Es war ein Milieu, so beschreibt Pettersson, in dem der Hass auf den radikalen sozialdemokratischen Reformer Olof Palme eine Selbstverständlichkeit war. Gab es eine Konspiration gegen Palme mit Engström als willfährigem Helfer? Oder handelte er allein, in der Hoffnung auf Anerkennung?

In jedem Fall gibt es Unstimmigkeiten in Engströms Schilderungen, die nie aufgeklärt wurden. Einige davon listet Staatsanwalt Petersson am Mittwoch auf. So habe Engström behauptet, er habe das Büro eilig verlassen, um die letzte U-Bahn noch zu bekommen – die fuhr aber erst eine halbe Stunde später. Als er den Tatort erreichte, seien ein junger Mann und eine junge Frau bereits dort gewesen – die beiden konnten sich aber nicht an ihn erinnern.

Überhaupt hatte kein einziger der Zeugen am Tatort Engström erwähnt, ebenso wenig wie die Polizisten, denen er den Fluchtweg des Attentäters gezeigt haben wollte. Dagegen gaben mehrere Zeugen Beschreibungen des fliehenden Täters ab, die auf Engström passten – eine Frau, die in einer Seitenstraße einem fliehenden Mann begegnete, schilderte auch detailliert eine kleine Tasche, wie sie Engström stets bei sich trug.

Insbesondere ihre Aussage, so meint Staatsanwalt Petersson heute, hätte geradezu zwingend weitere Ermittlungen nach ziehen müssen. Seine Erkenntnisse, so betont er am Mittwoch, stützen sich überwiegend auf die alten Ermittlungsunterlagen. „Wir hätten Engström mit diesem Wissen in Untersuchungshaft genommen“, sagt er. Die damaligen Ermittler aber entschieden anders. Am 9. Februar 1987 fassen sie die Erkenntnisse zu Engström in einer Aktennotiz zusammen, ohne zu einem klaren Schlusssatz zu kommen. Künftig wird er in der Ermittlung weder als Zeuge noch als Verdächtiger geführt, sondern als „Anwesender am Tatort“ – eine Kategorie, die es eigentlich gar nicht gibt.

Ein unscheinbarer Mann wie Engström passte ganz offensichtlich insbesondere dem damaligen Ermittlungsleiter Hans Holmér nicht ins Raster. Er vermutete ein politisches Komplott, führte knapp ein Jahr nach dem Attentat eine groß angelegte Razzia gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK durch. Sie verlief ergebnislos, Holmér gab die Ermittlungen ab. Sein Nachfolger Hans Ölvebro wollte nachweisen, dass der Geheimdienst des südafrikanischen Apartheid-Regimes hinter der Tat steckte – und scheiterte ebenso. Ein drogenabhängiger Kleinkrimineller wurde in erster Instanz verurteilt, in zweiter aber freigesprochen.

Für manche ein Held, für Nixon ein „Arschloch“

Die Herausforderung für die Ermittler war, dass so viele Menschen innerhalb und außerhalb Schwedens ein Motiv gehabt hätten, um Olof Palmes Wirken und Leben zu beenden. Mehr als dreißig Jahren gehörte der Jurist zu den prägenden Gestalten der schwedischen Sozialdemokratie. Er provozierte das bürgerliche Lager allein durch seine Herkunft – die Palmes zählten zum Adel, waren Bankiers und Kaufleute. Olof aber schwang sich zum Arbeiterführer auf, baute den Wohlfahrtsstaat aus, setzte Reformen wie das Kündigungsschutzgesetz durch und die Abschaffung des Ehegattensplittings. In der Welt profilierte er das neutrale Schweden als „weiche Macht“, griff die USA hart für den Vietnamkrieg an und führte die Boykottbewegung gegen Südafrika zum Erfolg. „Dieses schwedische Arschloch“, so nannte ihn Richard Nixon. Palme dürfte sich über die Aufmerksamkeit gefreut haben.

In seinen ersten Jahren als Ministerpräsident war der Sozialdemokrat eine Sensation, ein Medienliebling. Er wurde mit John F. Kennedy verglichen, die Schauspielerin Shirley MacLaine machte ihm öffentlich Avancen. Mit den Jahren aber verblasste der Glanz. Palmes ätzende Rhetorik gegen politische Gegner verfing nicht mehr. Seiner Vision vom demokratischen Sozialismus stand immer stärker der Neoliberalismus von Margaret Thatcher und Ronald Reagan entgegen. Für weitere soziale Reformen fehlte das Geld.

In Schweden wurde die Aversion gegen Palme in den frühen 80er-Jahren trotz ordentlicher Wahlergebnisse längst öffentlich zelebriert. Es gab Plakate in den Straßen von Stockholm, auf denen er als „Krankheit“ bezeichnet wurde. In großen Tageszeitungen erschienen Schmähkarikaturen mit antisemitischer Ästhetik, die seine große Nase überbetonten. Und in Stig Engströms Wohnort Täby warf die Jugendgruppe der konservativen Partei, der er angehörte, ihre Dartpfeile im Club-Raum auf Palmes Konterfei. Es war eine öffentliche Schmähung, wie es sie in Schweden erst mit dem Einzug der sozialen Medien wieder gab.

Dass aus diesem Milieu heraus der Anschlag auf Palme verübt wurde, ist die Interpretation, die Staatsanwalt Petersson nun anbietet. Doch viel mehr als eine Interpretation ist es eben nicht. Unbeantwortet bleibt beispielsweise die Frage, woher Engström eine Waffe gehabt haben sollte. Zwar gab es offensichtlich eine heiße Spur, mutmaßlich zu einem ebenfalls verstorbenen Waffensammler in Engströms Umfeld. Es sei ein Revolver beschlagnahmt worden, bestätigt Petersson. „Aber nach 34 Jahren lassen sich keine eindeutigen Erkenntnisse mehr gewinnen, ob es um die Tatwaffe handelte.“ Es bleibt nur das vage Indiz: Laut den ballistischen Untersuchungen stammten die am Tatort gefundenen Projektile mit größerer Wahrscheinlichkeit aus dieser Waffe als aus den anderen 400 Revolvern, die in den jahrzehntelangen Ermittlungen untersucht wurden.  

Doch warum hätte Engström überhaupt an dem Abend eine Waffe mit sich führen sollen? Was könnte ihn getrieben haben, mit so unwahrscheinlicher Chuzpe Ermittler und Öffentlichkeit zu narren? Und sollte er tatsächlich der Täter gewesen sein – handelte er allein? 

Es wird keine Antworten mehr geben. Und auch keine Fragen mehr – jedenfalls nicht von denen, die 34 Jahre lang versuchten, die Wahrheit herauszufinden.