Polen boomt. Doch eine große Zahl von Menschen im Land glaubt nicht mehr an die eigene Aufstiegsgeschichte.
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WarschauKasia schreit. Laut. Herzerweichend. Wie Zweijährige nun einmal schreien, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen. Püree mit lilarotem Kompott zum Beispiel. Papa Pawel greift zum Löffel, um sich und die Sitznachbarn zu retten, aber Preiselbeeren sind dann doch nicht nach Kasias Geschmack. Sie probiert zwar schweigend. Im nächsten Moment schreit sie aber wieder. Erst die braune Köttbullar-Soße hilft. Die schwedische Spezialität scheint so etwas wie ein globales Allheilmittel zu sein, auch wenn Köttbullar in Polen Klopsiki heißen. „Kasia ist sonst viel geduldiger“, behauptet Pawel. „Aber diese Hetzerei macht doch irgendwie alle nervös. Kinder spüren das.“

Vielleicht sehen sie es auch. Man braucht den Blick ja nur durch das Restaurant wandern zu lassen, in dem Menschen mit Tabletts in den Händen darauf warten, dass ein Tisch frei wird. In spätsozialistischer Zeit, erzählt Pawel, hätten seine Eltern mit leeren Händen vor dem Brotladen gestanden. Sie kannten den Druck, die Last des Alltags, aber nicht die Hetze.

Woher auch? Damals regierte die Trostlosigkeit. Hektik und Eile führten zu nichts. Heute regiert die Ungeduld, nicht nur bei Kasia. Vor dem Möbelhaus sieht man Menschen in ihren Autos sitzen. Finger trommeln auf Lenkräder. Wieder suchen die Wartenden, nach einem Parkplatz oder der Ausfahrt, die hier, in Targówek am nordöstlichen Rand von Warschau, nicht ganz leicht zu finden ist. Einfach weil alles so groß ist.

Wie aus dem Bilderbuch

Polen boomt. Seit bald 30 Jahren geht das so. 1990 lag das Land nach dem Crash der Planwirtschaft am Boden. Die Menschen waren erschöpft. Wer noch Geld hatte, verlor es bei einer Inflation von 585 Prozent innerhalb kürzester Zeit. Schocktherapie nannte das die erste postkommunistische Regierung, die alle Preise freigab und das Volkseigentum im Eiltempo privatisierte. Sie setzte auf die Hoffnung, die sich mit dem westlichen Vorbild verband, mit dem Versprechen von Demokratie, Marktwirtschaft und Wohlstand. Die Polen glaubten es, packten an und hatten Erfolg. In Kürze wird das Bruttoinlandsprodukt den zehnfachen Wert von 1991 erreichen. Im selben Zeitraum stieg das Pro-Kopf-Einkommen um rund 500 Prozent. Wohlstand für alle: Ein Wirtschaftswunder wie aus dem Bilderbuch.

Und dennoch. Trotz alledem gewann die nationalkonservative, antiliberale und autoritäre PiS die Parlamentswahl 2015 mit der Parole „Polska w ruinie“. Polen in Trümmern. Ein Sanierungsfall. Fast alles sei falsch gelaufen nach 1989. Erst vor wenigen Wochen wiederholte die Partei ihren Wahltriumph und steigerte ihren Stimmenanteil sogar. Das Strafverfahren der EU wegen andauernder Angriffe der PiS-Regierung auf die Gewaltenteilung änderte daran nichts.

Wie konnte es soweit kommen, dass eine große Zahl von Menschen in Polen nicht mehr an die eigene Bilderbuch-Erfolgsgeschichte glaubt und selbsternannte Sanierer wählt? Zwei Antworten sind denkbar: Etwas stimmt mit den Menschen nicht, oder die Geschichte ist falsch.

Aufklärung verspricht das international angesehene Institut für Öffentliche Angelegenheiten. Der Weg dorthin führt über den alten Königstrakt und den Prachtboulevard Nowy Swiat, die Neue Welt mit ihren Nobelboutiquen und Juweliergeschäften, bis in eine eher düstere Seitenstraße. Der Konferenzraum des Instituts ist zweckmäßig-nüchtern eingerichtet, und Dominik Owczarek kommt auch sofort zur Sache. „Die PiS ist erfolgreich, weil sie zum ersten Mal nach 1989 das rein marktliberale Paradigma durchbrochen hat, an dem sich zuvor alle, auch nominell linke Regierungen in Polen orientiert haben“, sagt der Leiter des Forschungsbereichs Sozialpolitik.

Ein Wandgemälde zeigt das Porträt des PiS-Anführers, Jaroslaw Kaczynski, in einer blutigen, römischen Toga als Julius Cäsar verkleidet.
Foto: Michal Fludra/Getty Images

Owczarek ist erst 37 Jahre alt. Er spricht aber so konzentriert und fast druckreif, wie es ein altgedienter Wissenschaftler nicht besser könnte. Vor allem jedoch unterfüttert er die weniger bilderbuchhafte Geschichte des postkommunistischen Polen, die er erzählt, mit so vielen Fakten, dass er sich irgendwann selbst unterbricht: „Das geht jetzt zu sehr ins Detail.“ All das macht Owczareks Version aber nur glaubwürdiger, die sich mit ein wenig Mut zur Verknappung in den Satz fassen lässt: 1989 hat die Solidarnosc-Bewegung im Namen der Solidarität die Freiheit erkämpft, damit aber dem unaufhaltsamen Siegeszug des Individualismus den Weg bereitet. „Persönlicher Erfolg wurde zum Maß aller Dinge“, sagt Owczarek.

Und Erfolg hatten viele. Vor allem in Städten wie Warschau, Posen und Breslau entstand jene wohlhabende Mittelschicht, deren Autos heute die Parkplätze in Targowek füllen. Aber es gab auch viele Verlierer in dieser Welt des entfesselten Wettbewerbs. Als Polen 2004 der EU beitrat, wurde das Wort „Müllvertrag“ bald zum Synonym der neuen Zeit. Gemeint waren befristete Verträge für Berufseinsteiger, die das Papier nicht wert waren, auf dem sie standen. Wenig Geld, keine soziale Absicherung. Wer jung war, gut ausgebildet und sprachgewandt, der ging. Aber nicht nur Ingenieure und Ärztinnen verließen ihre Heimat, auch viele Pflegekräfte und Handwerker wanderten aus. Mehr als zwei Millionen Menschen suchten ihr Glück in anderen EU-Staaten. Zurück blieben die Erschöpften.

Polen - ein Vorzeigeland?

Die Regierung heizte den Kampf trotzdem weiter an. Jeder gegen jeden statt Wohlstand für alle, lautete die Devise. Der rechtsliberale Premier Donald Tusk führte 2012 mit einem Federstrich die Rente mit 67 ein. Das deutsche Handelsblatt feierte Polen damals als „Europas Wachstumschampion und Musterschüler“. Doch bald darauf lief das Fass über. 2015 siegte die PiS mit dem Versprechen, sich um die Verlierer zu kümmern. „Und zur Überraschung vieler hat die Partei Wort gehalten“, sagt Owczarek. Die PiS führte erstmals in Polen ein Kindergeld ein, nahm die Rente mit 67 zurück, erhöhte den Mindestlohn und strich zuletzt die Steuerpflicht für Gering- und Normalverdiener unter 26 Jahren.

Owczarek legt Wert auf die Feststellung, dass die Sozialpolitik der PiS nicht von den Angriffen auf die Gewaltenteilung oder der erzkonservativen Ideologie der Partei zu trennen ist. Es gebe nur eine PiS. Der junge Wissenschaftler prophezeit aber auch: „Ein Zurück ist nicht mehr möglich.“ Alle künftigen Regierungen müssten sich an dem „neuen, erfolgreichen sozialpolitischen Paradigma orientieren, oder sie werden bei Wahlen chancenlos sein“. Verwandelt sich Polen nun also doch noch in jenen Wohlfahrtsstaat, den die Menschen im Land seit 30 Jahren herbeisehnen?

Wer die Wissenschaft mit der Wirklichkeit konfrontieren will, sucht am besten unter den mächtigen Pfeilern der Poniatowski-Brücke. Oben führt eine sechsspurige Straße aus der City mit ihren gläsernen Wolkenkratzern über die Weichsel in den ärmeren Ostteil der Stadt. Unten bietet die Brücke ein wenig Schutz. In den Ecken stehen leere Wodkaflaschen. Zubrowka, der mit dem Büffelgras. Oder Krupnik, der mit dem Honig. Wird es kalt, treffen sich hier die Obdachlosen. Es ist also kein Zufall, dass es nur wenige Hundert Meter entfernt ein Hinterhaus gibt, das sich im Polnischen „Przytulek“ nennt. Ein Asyl. Aber im Original schwingt da noch etwas mit: Das Adjektiv „przytulny“ bedeutet gemütlich, behaglich. Ein Unterschlupf.

Das denkmalgeschützte Haus selbst ist eine kleine Sensation. Es existiert seit mehr als 120 Jahren in seiner Funktion als Asyl für Arme, Alte und Waisen, für Kranke, Behinderte und Obdachlose. Zwei Weltkriege hat es überstanden. „Und es erfüllt seine Aufgabe noch immer“, sagt Adam Stradowski stolz, der Vorsitzende der gemeinnützigen Gesellschaft, die das Heim betreibt. Die Aufgabe, das ist die Hilfe für die am meisten Hilfebedürftigen. Im Jahr 2019 sind das vor allem alte und kranke Menschen, die nichts und niemanden mehr haben außer ihren Helferinnen.

Polnische Menschenliebe

Denn meist sind es Frauen, die hier arbeiten. Pflegerin Sylwia zum Beispiel. Fünf Betten stehen in dem Zimmer, in dem sie mit Latexhandschuhen an den Fingern arbeitet. Sie wäscht alte Körper, die sich von selbst kaum noch bewegen können. Sie füttert. Aber die junge Frau redet auch viel und lacht. Was motiviert sie zu ihrer Arbeit? Sylwia überlegt noch, da geht Stradowski dazwischen. „Man muss dafür schon einen kleinen Knacks weg haben“, sagt er lachend und entschuldigt sich dann ein halbes Dutzend Mal, weil er das mit dem Knacks natürlich nicht so gemeint hat. Und dann fällt ihm doch noch das Wort ein, das Sylwia gesucht haben könnte: Filantropia. Menschenliebe. Sie gehört zu Polen wie der Freiheitsdrang.

Im denkmalgeschützten „Przytulek“ nahe der Poniatowski-Brücke gibt es eine Menge Menschenliebe. Aber es gibt in dem alten Haus mit seinen 100 Betten auch eine verblüffend moderne Einrichtung. In den letzten Jahren wurde viel investiert, mit Unterstützung von Stiftungen und Privatleuten. Aber auch der Staat zahlt dazu. Es gibt Ein- und Zweibettzimmer, Gymnastikräume, ein Kunstatelier, eine Kapelle und eine Gesellschaftsecke mit Kamin, vor dem sich die Alten, die doch eigentlich niemanden mehr haben, untereinander oder mit Besuchern aus der Nachbarschaft treffen. „Die Einsamkeit ist die gefährlichste Krankheit des Alters“, sagt Stradowski und erzählt dann über das polnische Sozialhilfesystem, das nach 1989 so viele Probleme hatte. „Aber es geht bergauf“, bilanziert er. „Wir sind auf einem sehr guten Weg, den westeuropäischen Wohlfahrtsstandard zu erreichen.“