Berlin - Der Start in das digitale Schulprogramm während des Corona-Lockdowns ist in Berlin gescheitert. Ausgerechnet der sogenannte Lernraum Berlin, den Schüler während des Lockdowns von zu Hause aus nutzen können, stand zu Schulbeginn nach den Weihnachtsferien nur ungenügend zur Verfügung. Das wirft einmal mehr ein Schlaglicht auf den Nachholbedarf des Berliner Schulsystems beim Thema Digitalisierung.

Die Mitteilung des Benutzer-Supports des Lernraums Berlin am frühen Montagmorgen klingt lapidar: „Bei der Anmeldung dauert es etwas länger als normal.“ Zu diesem Zeitpunkt beklagten sich bereits zahlreiche Eltern und Schüler über Twitter, dass sie sich nicht anmelden konnten oder lange Wartezeiten hatten.

„Es funktioniert nicht - Punkt“

Tatsächlich konnte man sich offenbar bereits seit Sonntagnachmittag im Lernraum nicht anmelden. Der Grund waren nach Angaben der Bildungsverwaltung Wartungsarbeiten am System. Wie ein Pressesprecher von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte, sollte ein Dienstleister der Verwaltung während der Ferien die Rechenleistungen so hochfahren, „dass die steigenden Nutzerzahlen aufgefangen werden können. Ziel war es, eine sichere Lastenverteilung für bis zu 120.000 Nutzer des Lernraums abzusichern“. Dazu habe es auch zwischen den Jahren Videokonferenzen und fortlaufend Gespräche gegeben.

Dass ausgerechnet der besser ausgestattete Lernraum zum Start dennoch nicht funktionierte, stieß bei Schülern, Eltern und auch in der Politik auf teils scharfe Kritik. „Es funktioniert nicht - Punkt. Und es muss funktionieren - Punkt. Mehr kann man dazu aus Elternsicht nicht sagen“, erklärte Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses, am Montag. Heise erinnerte an eine ähnliche Situation vor den Weihnachtsferien, als viele Lernraum-Nutzer mehr als einen Tag lang erhebliche Schwierigkeiten hatten. Diesmal stelle sich die Situation ähnlich vertrackt oder noch schlimmer dar.

Heise kritisierte auch, dass eine Wartung der Plattform unmittelbar vor dem Start am Montag angesetzt wurde: „Der Zeitpunkt für die Wartung war ungünstig, weil viele Lehrkräfte am Wochenende versucht haben, Unterlagen zu aktualisieren oder weitere hochzuladen, damit sie am Montag zur Verfügung stehen.“ Allerdings sollen nach Informationen der Berliner Zeitung zumindest die Lehrer rechtzeitig darüber informiert worden sein, dass der Lernraum ab Sonntagnachmittag nicht genutzt werden kann.

Schlechtes Zeugnis für Senatorin Scheeres

Längst ist die Lernraum-Panne auch ein Politikum. Vor allem Politiker von CDU und FDP griffen Senatorin Scheeres frontal an. So steht für CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner „das technische Unvermögen des Senats symptomatisch für die verkorkste rot-rot-grüne Bildungspolitik. Während andere Bundesländer den Heimunterricht meistern, scheitert Berlin an der technischen Umsetzung“. Häusliches Lernen brauche eine stabile digitale Grundlage, ein funktionierendes Homeschooling sei eine Pflicht des Senats. Aber, so Wegner: „Seit dem ersten Lockdown ist viel Zeit verstrichen, die die SPD-Bildungssenatorin nicht genutzt hat. Schulen und Eltern werden einmal mehr allein und im Stich gelassen.“

Auch FDP-Bildungspolitiker Paul Fresdorf stellt der rot-rot-grünen Landesregierung ein schlechtes Zeugnis aus. „Es bleibt dabei: Die Digitalisierung der Berliner Schulen ist und bleibt ein Fremdwort für den Berliner Senat“, sagte Fresdorf. So gelinge es Senatorin Scheeres  nicht, „die Schulen zu professionellen und digitalen Ausbildungsstätten zu machen.“

Kritik an Verteilung der Geräte

Dabei ist offenbar allzu pauschale Kritik fehl am Platze, denn Nutzer anderer in Berliner Schulen verwendeter Lern-Plattformen haben zum Start des Homeschoolings positive Erfahrungen gemacht. So arbeitet das Andreas-Gymnasium in Friedrichshain mit der HPI-Schul-Cloud. „Bislang haben sich keine Probleme ergeben“, sagte Schulleiterin Birgit Strohmeyer am Montag im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Schülerinnen und Schüler schauen dort für jede Unterrichtsstunde rein, um die entsprechenden Materialien zu finden. Wenn sie die Aufgaben nicht abgeben, bekommt der Klassenlehrer eine Rückmeldung von den Fachlehrern. Und wenn ein Schüler Fragen hat, wendet er sich in der Regel zuerst an die Klassenleitung“, so Strohmeyer.

Ein echtes Ärgernis sei jedoch die Verteilung der mehr als 30.000 Tablets, die die Schulverwaltung angekündigt hat. „Wir haben bedürftige Schülerinnen und Schüler, die ein Tablet für zu Hause benötigen und hatten daher nochmal einen Antrag gestellt“, so Strohmeyer. Es seien jedoch keine zusätzlichen Geräte gekommen – „nicht mal eine Absage“.

Nun können bedürftige Schüler in einzelnen Räumen der Andreas-Schule an den Computern arbeiten. Die Schulleiterin rechnet damit, dass einige Schüler aus der Oberstufe bereits in den kommenden Tagen auf das Angebot zurückgreifen werden. In rund drei Monaten stehen die ersten Abiturprüfungen an.

Dieser Umstand bereitet auch Richard Gamp Sorge. Der 17-Jährige wird am Humboldt-Gymnasium in Tegel geprüft. „Besonders in den Abschlussjahrgängen herrscht eine enorme Unsicherheit, wie die Leistungsbewertungen und das Abitur ablaufen werden. Ich sehe großen Nachholbedarf seitens der Politik zu kommunizieren, welcher Stoff in den Prüfungen drankommt und wie man sich darauf vorbereiten kann“, sagte Gamp der Berliner Zeitung.

Gamp ist Vorsitzender des Landesschülerausschusses Berlin und bezeichnet den Start des Homeschoolings als „unvorbereitet und unkoordiniert“. „An allen Schulen läuft es anders ab. Es gibt Schulen, an denen Schüler fünf verschiedene Apps auf dem Handy haben und dann über drei Portale Videokonferenzen machen müssen. Dazu gibt es dutzende Möglichkeiten, die bearbeiteten Aufgaben in den Programmen abzulegen. Das macht keinen Sinn und ist extrem verwirrend“, sagt Gamp. Es fehle an zentralen Lösungen.

Der junge Mann sieht den Senat in der Pflicht. „Die Senatsverwaltung muss die Koordinierung übernehmen und den Schulen Mittel an die Hand geben und sagen: Das ist die Plattform, mit der es funktioniert.“ Außerdem kämen bei den Schülern zu wenige Informationen über die aktuelle Situation an. „An meiner Schule ist es so, dass der Schulleiter einmal in der Woche eine Mail an alle Schülerinnen und Schüler schreibt, was gerade passiert. Etwas in dieser Art passiert an anderen Schulen viel zu selten.“

Aus Gamps Sicht kündigt sich schon in der kommenden Woche der nächste Konflikt an. Wie berichtet, will Berlin den coronabedingten Schul-Lockdown zwar prinzipiell bis zum 17. Januar verlängern, die abschlussrelevanten Jahrgänge (10., 11. und 12. Klasse in Gymnasien, 9., 10., 12. und 13. Klasse in Integrierten Sekundarschulen) sollen aber bereits am nächsten Montag wieder in die Schulen kommen. Viel zu früh, so Gamp. „Ich halte es für absolut falsch. Das zeigt nur, dass man ein Problem in der digitalen Bildung hat und dort etwas versäumt wurde.“

Uneinigkeit über Rückkehr an Schulen

Dagegen ist der Berliner Landeselternausschuss dafür, Schüler in der nächsten Woche wieder zur Schule gehen zu lassen – und zwar alle. „Wir hätten die Schulen gern offen, nämlich im Teilungsmodell", sagte Eltern-Chef Heise der Berliner Zeitung. Grundschüler sollten im Wechsel drei Stunden unterrichtet und zweieinhalb Stunden betreut werden, Oberschüler sich täglich oder wochenweise in der Schule abwechseln. Bis zu den Winterferien in der ersten Februarwoche solle dieser Mittelweg beschritten werden, sagte Heise. Viele berichteten, dass das Lernen in halben Klassen viel effizienter sei. Für die Lehrkräfte bedeute es jedoch Mehraufwand, sich um zwei Gruppen zu kümmern.

Nach Heises Worten bezieht sich seine Forderung auf die sogenannte Stufe Rot des Stufenplans für die Berliner Schulen. Das bedeutet für die weiterführenden Schulen verkleinerte Lerngruppen im Wechsel von 50 Prozent Präsenz und 50 Prozent schulisch angeleitetem Lernen zu Hause. Für Grundschulen hieße das täglich drei Stunden Unterricht und zweieinhalb Stunden Betreuung. Eine Gruppe hätte vormittags und die andere Gruppe nachmittags Unterricht.

Allerdings, so Heise, sei die Abstimmung im Elternausschuss über die baldige Rückkehr in die Schulen nicht einstimmig gefallen. „Es gibt eben keinen Königsweg.“