Corona-Hilfen für alle? Von wegen. Viele Alte und Kranke, also die am meisten gefährdete Gruppe, sind seit der Krise schlechter dran als zuvor. 
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BerlinIm April war es am schlimmsten. Täglich musste Anne B. fürchten, dass die Pflegekraft abreist. Ihre 94-jährige Mutter wäre dann alleine gewesen. Niemand hätte sie umziehen, ihr Medikamente, Essen oder Wasser geben können. Für die Demenzkranke aus Süddeutschland würde das sofort bedeuten: Lebensgefahr.

Anne B. lebt und arbeitet in Berlin, ihre komplett hilfsbedürftige Mutter ist viele Hundert Kilometer entfernt, zwei weitere Geschwister leben über Deutschland verstreut. Bisher haben sich zwei polnische Pflegerinnen im zweimonatigen Wechsel um die Mutter gekümmert, bei ihr gewohnt, sie umsorgt, mit den Angehörigen kommuniziert. Für die Mutter war das die beste Lösung. Doch dann kam Corona.

In ein Heim sollte die Mutter nie, so der Wunsch ihrer erwachsenen Kinder, sie selbst fühlt sich in ihrem eigenen Umfeld am wohlsten. Dort, wo sie alles wiedererkennt. Außerdem gab es in den Heimen prozentual die meisten Corona-Toten Deutschlands, also soll sie da jetzt erst recht nicht hin. Doch was tun?

Die Tochter kann auch die Pflegerin verstehen: Diese hat selbst Familie in Polen. „In Krisenzeiten rücken die Familien zusammen, das ist ganz normal.“ Aber was soll nun aus ihrer Mutter werden? Zweieinhalb Wochen lang hat die Tochter täglich mit allen greifbaren Vermittlungsagenturen telefoniert, ihr Netzwerk bemüht, händeringend nach Hilfe gesucht. Doch aus Angst vor Ansteckung sind viele osteuropäische Pflegekräfte abgereist, manche überstürzt, andere durften nicht mehr einreisen oder hatten Sorge vor der Quarantäne. Die Verbliebenen waren schwer umkämpft, manche verlangten ein Drittel mehr Lohn oder gleich den doppelten Preis. Anne B. kann sich das nicht leisten.

Corona hat gezeigt, wie fragil unser System ist.

Anne B., pflegende Angehörige

Zuletzt wusste sie sich keinen anderen Rat mehr: Die 59-jährige Freiberuflerin packte ihr Arbeitsmaterial in Berlin zusammen und fuhr ans andere Ende Deutschlands zu ihrer Mutter, um sie selbst zu versorgen. Zwei Monate lang werde sie das leisten können, ohne größere Probleme im Beruf zu bekommen. Spätestens dann braucht es eine neue Lösung. Doch die ist nicht in Sicht, auch wegen der derzeitigen Ungewissheit, wie alles weitergeht, und ob es eine zweite Welle gibt. 

„Corona hat gezeigt, wie fragil unser System ist“, sagt Anne B. und meint ihre familiäre Pflegesituation. Doch der Satz gilt auch für das große Ganze: für das deutsche Pflegesystem. Denn Anne B. und ihre Mutter sind kein Einzelfall, sie sind die Mehrheit.

Entgegen der öffentlichen Meinung sind die allermeisten Alten und Kranken in Deutschland nicht in Heimen, sie werden zu Hause gepflegt. Nur ein Viertel der rund 3,5 Millionen Pflegebedürftigen lebt in Heimen, 2,7 Millionen Patienten dagegen zu Hause. Davon wiederum werden die meisten (1,8 Millionen) alleine von ihren Angehörigen versorgt, ganz ohne Pflegekräfte oder Pflegedienst. Das Seltsame ist: Von ihnen hört und sieht man kaum etwas. Auch nicht während der Lockdowns. 

Das liegt nicht nur daran, dass Menschen wie Anne B., sobald sie die Pflege ihrer Angehörigen übernehmen, zusammen von der oft überbordenden Pflege-Bürokratie meist komplett absorbiert sind. Wer rund um die Uhr einen Kranken versorgt und nachts noch schriftliche Kämpfe mit der Krankenkasse zur Kostenübernahme von Hilfsmitteln führen muss, der geht nicht auf die Straße und kämpft für seine Rechte. Wann denn auch?

Außerdem wollen Menschen wie Anne B. ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, weil sie wegen ihres Engagements oft schief angeschaut werden. Was das denn für eine symbiotische Beziehung zur Mutter sei, fragen Bekannte Anne B., wenn sie von der Pflege erzählt. Und dann erzählt sie halt nichts mehr davon. Außerdem: Wer noch keine Erfahrungen mit der Pflege gesammelt hat, denkt oft, man könne seine Eltern doch einfach ins Heim geben, sobald sie nicht mehr für sich selbst sorgen können.

Doch so einfach ist es nicht. Durch den seit vielen Jahren verschärften Pflegenotstand und den massiven Personalmangel sind viele Heime zu Orten des Schreckens geworden. Immer wieder liest man von Pflegeskandalen. Der junge Pfleger Alexander Jorde machte in der ARD-„Wahlarena“ 2017 sogar die Kanzlerin öffentlichkeitswirksam darauf aufmerksam, dass Alte in Einrichtungen unversorgt in ihren Ausscheidungen liegen. Seitdem hat sich nicht viel daran geändert. Es gibt zwar auch noch die guten Heime, wo engagierte Pflegekräfte sich über ihre eigenen Grenzen hinweg für ihre Schutzbefohlenen einsetzen. Doch oft sind die Wartelisten dort sehr lang und bevor sie einen Platz bekommen, sind viele Anwärter schon gestorben.

Weil die Zustände oft so besorgniserregend sind, ist es auch kein Wunder, dass Medien nur über die Heime berichten – und darüber die häusliche Pflege und die Angehörigen vergessen. „Wir sind ein weißer Fleck“, sagt Anne B. Patienten und Angehörige haben keine Lobby. Schlimmer noch: Corona hat all diese Probleme massiv verschärft.

Das Corona-Absurdum

Das Absurde ist: Weil Deutschland vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen ist und sich dafür rühmt, haben viele Menschen jetzt das Gefühl, Deutschland sei gut aufgestellt, tue alles für die Risikogruppe und habe alles im Griff. Doch davon kann keine Rede sein.

Wir schützen die Alten – das war das Motto des Corona-Lockdowns. Weil mit den Lebensjahren und Vorerkrankungen die Gefahr, an dem Virus zu sterben, signifikant erhöht ist, legen wir unsere Wirtschaft in Teilen lahm, verhängen monatelange Kontaktverbote, greifen in die Grundrechte ein. Aus Solidarität, hieß es. Denn die Jungen und Gesunden seien viel weniger betroffen und müssten trotzdem ihre Freiheiten einschränken. Kinder dürfen ihren Opa nicht mehr besuchen, damit der nicht vorzeitig sterben muss. So lautete die Erzählung.

Um die Einschränkungen abzufedern, wurde den Deutschen von Anfang an eine „Bazooka“ an Hilfsmaßnahmen versprochen. Selbstständige sollten gefördert, Künstler unterstützt, Kurzarbeiter bedacht werden. Die Aufregung war riesig, noch aus den hinterletzten Ecken kamen bald Forderungen nach Hilfen. Am meisten aber diskutiert wurde, vor allem in Talkshows, über Fußball und Autos. Zwei Wirtschaftszweige, die nicht gerade zu den ärmsten zählen. Inzwischen prahlt das Bundesfinanzministerium auf seiner Homepage stolz mit „Deutschlands größtem Hilfspaket in der Geschichte der Bundesrepublik“, es gebe „Milliarden-Hilfsprogramme für alle“. 

Wie passt es nun in dieses Bild, dass ausgerechnet die am stärksten von Corona gefährdete Gruppe vergessen wurde? Die meisten Pflegebedürftigen sind alt, alle sind krank, haben meist diverse Vorerkrankungen. Hinzu kommt noch die Gruppe der pflegebedürftigen jüngeren Erwachsenen und Kinder. Es handelt sich hier also genau um die Gruppe, die am meisten vor Corona geschützt werden muss. Doch was ist passiert? Sie fiel hintenüber.

Die – je nach Zählung – 2,5 bis bis 8 Millionen Angehörigen sind das allerdings schon gewöhnt. Was in diesem Zusammenhang kaum bekannt ist: Angehörige bekommen keinerlei finanzielle Unterstützung in Form von Lohn. Es gibt ein Pflegegeld, nach dem Pflegegrad gegliedert, also der Schwere der Erkrankung. Es beträgt 316 Euro monatlich für leichtere Fälle und bis zu 901 Euro monatlich für schwerst Pflegebedürftige. Doch dieses Geld ist nicht für die Angehörigen gedacht, sondern zur Aufrechterhaltung der Pflege. Dazu reicht es oft gerade mal – oder auch gar nicht. Angehörige werden also keinesfalls reich durch einen Pflegefall, sie müssen stattdessen meist viel eigenes Geld in die Pflege stecken, viele geben überdies ihren Beruf auf, nicht wenige müssen daher Hartz IV beantragen. 

So viel zur Situation der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen schon vor der Krise. Dann kam das Virus. Und schaut man sich die Unterstützung in der Krise an, ergibt sich ein trauriges Bild. Es begann mit der Schutzkleidung. Zum Start der Krise hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn noch süffisant erklärt, man habe alles unter Kontrolle. Was später revidiert werden musste: Nichts war unter Kontrolle. Deutschland musste eiligst Millionen Masken und Handschuhe bestellen, von denen Teile nie geliefert wurden, andere mussten wegen mangelnder Qualität weggeworfen werden, wieder andere warteten wochenlang auf Auslieferung. Ein Riesenproblem auch für die Arztpraxen, von denen viele ihren Patienten erst gar keine Corona-Tests anbieten wollten, weil im Falle der positiven Testung die Praxisschließung drohte. Weil eben keine Schutzkleidung vorhanden war.

Wenn schon Ärzte keinen Schutz bekommen, kann man sich ausrechnen, an welcher Stelle in der Versorgungskette die pflegenden Privathaushalte kamen: ganz zum Schluss.

Davon kann Elke Wiebkes berichten. Sie pflegt ihren Mann, der nach einem Aneurysma ein schwerer Pflegefall ist, seit 18 Jahren. Einen Pflegedienst beschäftigt die 55-Jährige nicht, weil dieser die gesamte finanzielle Unterstützung aufbrauchen würde, auf die die Wiebkes in Hanau bei Frankfurt am Main angewiesen sind. Also macht sie alles selbst. Doch die Pflege funktioniert nicht ohne Schutzkleidung. Allein die Wundversorgung etwa eines Katheters erfordert alle paar Tage neues Verbands- und Desinfektionsmaterial und Handschuhe. Doch die waren schon zu Beginn der Krise überall ausverkauft. Wenn sie mal einen Schub im Internet entdeckt hatte, habe sich die Kasse geweigert, die Anschaffung zu bezahlen, berichtet sie. Weil Elke Wiebkes damit doch sich selbst schützen würde und nicht ihren Mann. Zwar wurde die Kostenübernahme für Pflegematerial in Privathaushalten wegen Corona vorübergehend von 40 auf 60 Euro angehoben. Doch davon habe sie nie von ihrer Kasse erfahren, sondern erst im Nachhinein durch die Presse.

Tagespflege geschlossen, Physiotherapie gestrichen - und jetzt?

Ärger mit den Kranken- und Pflegekassen kennen viele Pflegende zu Genüge. Sich um die Anschaffung eines Rollstuhls oder Pflegebettes streiten zu müssen, ist nicht nur zu Corona-Zeiten ein Stressfaktor, dann aber besonders. Auch weil die meisten Entlastungen nun wegfielen. Elke Wiebkes hatte ihren Mann vorher stets zur Physiotherapie gefahren, zusammen mit Schwimmen hatte das stramme sportliche Angebot dafür gesorgt, dass er sogar wieder laufen konnte, zumindest auf dem Laufband.

All diese Angebote waren nun über Monate geschlossen, einige öffnen erst ganz langsam wieder. Hinzu kommt, dass ihr Mann schon im Februar eine schwere Lungenkrankheit bekam, aber, weil vor der offiziellen Krise, nie getestet wurde. Davon hat er sich lange nicht erholt, auch weil die Physiotherapie fehlte. Angebote zur Tagespflege wurden ebenfalls geschlossen, sodass Elke Wiebkes mit ihrem Mann nun den ganzen Tag zu Hause saß. Das machte ihm auch gesundheitlich schwer zu schaffen. 

Und wer hilft nun den Angehörigen? Die Kassen selbst machen schon seit Jahren darauf aufmerksam, dass viele pflegende Angehörige selbst schwer erkranken und sogar zum Pflegefall werden. Weil die Überlastung so groß ist. Dass immer noch viele Entlastungsangebote geschlossen haben, macht das Problem nicht kleiner. Es wäre an der Zeit, noch mal die Bazooka auszupacken. Diesmal für die tatsächlich Hilfsbedürftigen.

Zwei kleine Änderungen gab es von politischer Seite: Zum einen soll das sogenannte Entlastungsgeld von 125 Euro monatlich bis September noch flexibel auch dafür eingesetzt werden dürfen, wenn ein Nachbar helfen kann. Das soll die Suche nach Hilfe während der Corona-Krise einfacher machen. Doch aus Berlin ist bekannt, dass sich einzelne Kassen dieser Regelung mitunter verweigern.

Die zweite Erleichterung soll die Angehörigen selbst betreffen: Bis zu zehn Tage darf ein Arbeitnehmer sich für die Pflege eines Angehörigen frei nehmen, die Pflegeversicherung zahlt dafür den Lohnersatz. Während Corona ist diese Leistung auf 20 Tage ausgeweitet worden. Doch sie betrifft nur die Angehörigen mit Festanstellung. Das sind die wenigsten dauerhaft pflegenden Angehörigen. Keine Rede davon, dass pflegende Angehörige auch mal Lohnersatzleistungen erhalten oder Alte politisch endlich genauso wie Kinder gesehen werden, die es einfach zu versorgen gilt. Jeden Tag. Viele von ihnen jede Stunde. Und manche sogar jede Minute.