Berlin - Man kann es sich fast nicht vorstellen, dass der Deutsche Bundestag am 22. Juni eine Sitzung wie jede andere absolvieren will. Zum 80. Mal wird sich an jenem Dienstag der Überfall von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion jähren – und damit der Beginn eines beispiellosen Vernichtungskrieges. Und da soll es im Bundestag nur um die Diskussion der letzten Gesetzesvorhaben dieser Legislaturperiode gehen? Und um den Wahlkampf, der nach dieser letzten Sitzungswoche in die heiße Phase starten wird?

Überfall auf die Sowjetunion: Der Jahrestag sollte jedes Jahr im Bundestag begangen werden

Etwa 27 Millionen Menschenleben hat der deutsch-sowjetische Krieg nach Schätzungen von Historikern gekostet. Die meisten, die starben, waren Zivilisten. Der Feldzug der deutschen Wehrmacht war eigentlich schon Ende 1941 verloren und kostete bis zur deutschen Kapitulation im Mai 1945 noch unfassbar viele Menschenleben.

Dieses Vernichtungskrieges zu gedenken sollte eigentlich jedes Jahr Anlass für eine Gedenkstunde im Parlament sein – umso mehr aber am 80. Jahrestag. Dass der Bundestag diese Gelegenheit verstreichen lässt, obwohl die Abgeordneten ohnehin an Ort und Stelle sind, ist nicht zu verstehen.

Kein anderes Land hat im Zweiten Weltkrieg mehr gelitten als die Sowjetunion

Die Sowjetunion hat wie kein anderes Land in diesem Weltkrieg Leid und Tod erfahren. Das darf nicht vergessen oder auf private Initiativen abgeschoben werden – ganz egal, welche politischen Probleme die Bundesrepublik aktuell mit Russland haben mag.

Bundestagpräsident Wolfgang Schäuble hat die Anregung der Linken, den Tag im Bundestag zu begehen, mit dem Argument verworfen, man wolle an der bisherigen parlamentarischen Übung der „ungeteilten Erinnerung an den gesamten Verlauf des Zweiten Weltkrieges“ festhalten. Man kann dahinter die Befürchtung vermuten, dass mit der Erinnerung an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion eine andere ins Hintertreffen geraten könnte. Er irrt sich.