Die Löhne, die im Sommer gezahlt werden, reichen nicht, um über den Winter zu kommen: Die Binzer Strandpromenade im August dieses Jahres.
DPA/Stefan Sauer

BerlinIm Ostseebad Binz schieben sich an der Strandpromenade gemächlich Touristen an den Kunsthandwerkständen vorbei. Jetzt, da der Sonnenuntergang bunte Farben über das Meer malt und die Strandkörbe bereits verlassen sind, wirkt der Kurort belebt und idyllisch zugleich.

Von hier bis zum Büro von Andreas Hampel sind es 11,9 Kilometer Luftlinie. Er leitet in Bergen auf Rügen die Caritas- Schuldnerberatung.

Dabei beobachtet er eine Tendenz: „Anfangs waren es vor allem arbeitslose Menschen, die zu uns kamen. In den letzten Jahren rutschen immer mehr erwerbstätige Leute in die Schulden.“ Darunter viele Leute aus dem Tourismus. Reinigungskräfte, Köche, Kellnerinnen. „Die Einkünfte, die die haben, liegen um den Mindestlohn, kaum jemand verdient mehr“, erklärt Hampel.

Denn die Binzer Strandpromenade und Hampels Schuldenberatung haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Seit den 90er-Jahren boomt Rügens Tourismus und hat mit 6,4 Millionen Übernachtungen doppelt so viele Gäste pro Kopf wie Mallorca. Trotzdem ist Vorpommern-Rügen der viertärmste Landkreis Deutschlands, und der Region wird ein Bevölkerungsrückgang von 13 Prozent bis 2030 prognostiziert.

Während Rügen mit durchschnittlich 111 Euro pro Übernachtungstag eine der teuersten Urlaubsregionen Deutschlands ist, lebt fast ein Viertel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze von 781 Euro, die monatlich zur Verfügung stehen.

Statistiken, die eines verdeutlichen: Rügen hat trotz seiner Tourismuswirtschaft ein Armutsproblem. Aber warum ist das so?

Im Winter droht Hartz IV

Ein Faktor ist die Saisonabhängigkeit. So schießt im Winter die Arbeitslosigkeit in die Höhe, während sie im Sommer unterdurchschnittlich ist. Das Problem: Die Löhne, die im Sommer gezahlt werden, reichen nicht, um über den Winter zu kommen, dann droht Hartz IV.

Zugleich treibt der Tourismus die Lebenshaltungskosten auf Rügen in die Höhe. Wohnungs- und Mietpreise bewegen sich nahe Großstadtniveau. In den Hauptferienorten können sich die Angestellten schon längst keine Wohnung mehr leisten. Sie pendeln aus den Plattenbausiedlungen der größeren Orte, viele sind auf ein Auto angewiesen.

Während sich die Bezahlung am Lohnniveau der Einheimischen orientiert, richten sich die Preise nach den Touristen. Dazu kommt die Landflucht der jüngeren Leute in die Städte. Eine der Folgen: Zunehmend klagen Hotels und Gaststätten über Arbeitskräftemangel im Servicebereich. Müssten dann nicht die Löhne steigen, um die Stellen attraktiver zu machen?

Jörg Dahms seufzt am Telefon bei dieser Frage. Seit Jahren versucht der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Mecklenburg-Vorpommern Gewerkschaftsstrukturen unter den Tourismusbeschäftigten aufzubauen, um so für höhere Löhne zu kämpfen. „Ich weiß nicht, woran es liegt, dass gerade die Leute im Hotel- und Gastgewerbe nicht die gleiche Notwendigkeit sehen, sich zu organisieren wie ihre Nachbarn, die im Autohaus oder auf dem Bau arbeiten“, sagt er.

Dahms klingt fast schon resigniert: „Das ist die Branche, die uns wirklich Sorgen macht.“ Als Beispiel nennt er die Usedomer Seetel-Gruppe, bei der es mit 500 Beschäftigten keinen Betriebsrat gibt. So resümiert er: „Rügen ist nicht trotz, sondern wegen des Tourismus so einkommensschwach.“

Dahms wollte eigentlich Tourismusarbeitskräfte zum Interview vermitteln, aber er fand niemanden. Nach einem kritischen Bericht im NDR entließ die Dorint-Hotel-Gruppe einen Angestellten, der öffentlich die Arbeitsbedingungen bei der Kette beklagt hatte, das habe sich in das Gedächtnis der Beschäftigten eingebrannt, meint Dahms, dazu die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz durch Corona.

Er sagt aber auch, dass die Krise Arbeitnehmer und Arbeitgeber näher zusammenrücken ließ. „Wir wissen, dass wir gemeinsam durch die Krise müssen.“ Bereits letztes Jahr konnte außerdem durch einen neuen Tarifvertrag eine Stufen-Lohnerhöhung um mindestens 15 Prozent erreicht werden. Dahms beobachtet ein Umdenken: „Die Arbeitgeber, die den Schuss nicht gehört haben, werden bald keine Leute mehr haben.“

Bisher warben sie osteuropäische Arbeitskräfte an. Doch auch die zog es zuletzt eher als Erntehelfer in die Landwirtschaft, wo besser bezahlt wird. Überhaupt steht der Ostsee-Tourismus in Konkurrenz mit der polnischen Ostseeregion Swinemünde, die als eine der wohlhabendsten Regionen Polens trotzdem unter dem Preisniveau der deutschen Ostseeküste liegt.

Doch Dahms lässt das Arbeitgeber-Argument, der Konkurrenzdruck lasse keine höheren Löhne zu, nicht gelten: „Falsch! Nein!“, ruft er ins Telefon. „Die Tourismusbranche hat ihre Hausaufgaben gemacht, die wissen, wie man Geld verdient.“

Geringe Löhne, überfüllte Straßen, Lärm und Naturbelastung. Der Vorsitzende des Rügener Tourismusverbandes Knut Schäfer hat erkannt, dass der Tourismus auf Rügen aufpassen muss, nicht den Unmut der Bevölkerung auf sich zu ziehen: „Man muss vielleicht sagen, dass der Bauboom der 90er und 2000er dazu beigetragen haben, dass der Einwohner ein bisschen auf der Strecke geblieben ist.“ Jetzt gelte es, die Leute mitzunehmen.

Eine den Touristen abgeneigte, unfreundliche Bevölkerung schadet letztlich auch der Tourismuswirtschaft. Auch Schäfers Einsatz gegen weitere Neubauten kommt nicht von ungefähr: Die bestehende Tourismuswirtschaft hat kein Interesse an zusätzlicher Konkurrenz.

Schäfer ist ein markiger Typ. Man könnte in ihm etwas raues, ostseetypisches sehen, das passt zum Lobbyisten des Inseltourismus, sein Verband vertritt 230 Unternehmen. Schäfer war bereits Kurdirektor in Binz, dann Geschäftsführer eines Fährunternehmens.

Während Dahms die niedrigen Löhne als Hauptproblem sieht, hat Schäfer eine andere Betrachtungsweise: „Wir hatten in der Region nie wirtschaftlichen Druck. Es gibt Schwankungen aber die Leute sind gewohnt, in schlechten Jahren den Gürtel enger zu schnallen. Wirtschaftlicher Druck ist ein Motivator für Innovation und da sind wir ein bisschen langsam.“ Man müsse Konzepte entwickeln, mit denen auf Rügen ein Ganzjahrestourismus entsteht.

Die Gewinne fließen in den Westen ab

Für Schäfer ist die niedrige Bezahlung nicht der entscheidende Punkt: „Ich würde das nicht nur am Lohnniveau festmachen“, sagt er. „Die Attraktivität der Tourismusbranche als Arbeitgeber hängt auch davon ab, wie Arbeitszeiten und Kinderbetreuung geregelt sind. Da muss mehr Flexibilität her in der touristischen Arbeit.“

Mit seinen Forderungen nach besserer Kita-Betreuung und Nahverkehrssystem spielt Schäfer den Ball zur Kommunalpolitik. Dabei zeigt sich auf Rügen, wie schnell einzelne Gemeindevertretungen gegenüber den Interessen von Investoren ins Hintertreffen geraten. Als jüngstes Beispiel steht eine zweifelhafte Gemeinderatsentscheidung in Binz, wo zugunsten eines Investors, der Ferienwohnungen bauen will, ein kommunales Grundstück entwertet wurde. Karsten Schneider, Bürgermeister von Binz, legte Widerspruch gegen den Beschluss ein.

Für meinen Geschmack sind das schon viel zu viele Betten in Binz.“

Karsten Schneider, Bürgermeister von Binz

Schneider selbst wimmelte in seinem Wahlkampf ab, als sich Hotels oder Investoren als Unterstützer anboten. Überhaupt fremdelt er etwas mit der Form des Tourismus, die sich breitmacht: „Für meinen Geschmack sind das schon viel zu viele Betten in Binz.“ Für die Gemeinde geht damit die Last einher, in der Infrastruktur nachzubessern. „Wir müssen aus dem Kommunalhaushalt Dinge stemmen, die der Tourist zu verantworten hat.“ Binz erhalte öffentliche Zuwendungen entsprechend der offiziellen Einwohnerzahl von 6000 und nicht der realen Belastung von durchschnittlich circa 16.000 Einwohnern.

Schneider vermisst wirtschaftliche Alternativen. „Andere Gewerbe in unserer Gemeinde anzusiedeln hat bisher nicht mit dem gewünschten Erfolg funktioniert.“ So herrscht auf Rügen Monokultur: Tourismus und ein bisschen Landwirtschaft. Also sagt er: „Wenn der Tourismus funktioniert, gibt es viele positive Seiten. Es verdienen ja auch einige sehr gutes Geld.“

Am Anfang der Tourismus-Wertschöpfung stehen die Immobilieninvestoren, die in den letzten Jahren günstig Baufläche erwerben konnten, während jetzt die Preise explodieren. Wohnungen mit 18.000 Euro pro Quadratmeter finden an der Binzer Promenade ohne Probleme Käufer. Etwas weiter nördlich entsteht rund um den 4,5 Kilometer langen Betonkoloss von Prora gleich ein neuer Stadtteil. Die öffentliche Hand privatisierte die von den Nazis erbaute Anlage. Eine Goldgrube für Investoren. Doch als die Rüganer Volkssolidarität angefragt wurde, ob sie in Prora ein Betreutes Wohnen für Senioren betreiben möchte, lehnte sie ab. Sie hätte die hohen Mietpreise an die Klienten weitergeben müssen. „Wir wollen uns als Volkssolidarität aber um die Pflege für die Leute von der Insel kümmern und die hätten sich das nicht leisten können“ , erklärt Geschäftsführer Pfeifer. Nun betreibt dort ein privates Unternehmen ein Pflegeangebot für besser Betuchte.

In der Wertschöpfungskette folgen den Investoren und Bauunternehmen die großen Dienstleistungsanbieter und Hotels. Drei der größten sind der IFA Ferienpark mit einem spanischen Tourismusriesen als Hauptaktionär, das Cliff-Hotel mit Eigentümern aus Hagen und die Hutter-Hotelgruppe eines Braunschweiger Unternehmers.

Drei Beispiele von der Sonnenseite des Tourismus in einer Liga, in der keine Rüganer mitspielen. In den 90ern, als das Staatseigentum privatisiert wurde, hatten Eingesessene kaum Zugriff auf Kredite – ein ostdeutsches Phänomen nach der Wende. So waren es westdeutsche oder ausländische Akteure, die ausreichend Kapital für Investitionen im Tourismus zur Verfügung hatten. Den Rüganern blieb die Arbeit als Dienstleistungsangestellte. Und so fließen auch heute die Gewinne aus Rügen im Wesentlichen ab, vor allem dann, wenn die Hotels zu Ketten gehören, deren Hauptsitz außerhalb Rügens liegt.

Michael Hermerschmidt steht für einen seltenen Typus. Er stammt aus einer alten Rüganer Geschäftsfamilie, deren Romantik-Hotel Kaufmannshof in Bergen nach wie vor in Familienhand ist. Deren Geschichte beginnt mit dem Kolonialwarenhändler Paul Hermerschmidt, der 1906 ein Geschäft in der Nähe des Bahnhofs eröffnet. Nach der Teilung schaffen es seine Söhne durch ein gutes Verhältnis zum DDR-Supermarkt Konsum den Laden als Privatgeschäft weiterzubetreiben. 1996 eröffnen die Hermerschmidts neben ihrem Laden ein Hotel. Nun steuert es durch schwierige Zeiten mit 100.000 Euro Corona-Verlust allein im April und Mai.

Dank Kurzarbeit konnte Hermerschmidt seine 16 Festangestellten halten. Er ist stolz, dass er seinen Beschäftigten ganzjährig ein Gehalt zahlt und dass der Koch bereits seit 1996 für ihn arbeitet. Das gilt als Qualitätsmerkmal in einer schnelllebigen Branche.

Wie sich das ändern lässt, dass so wenige in der Gastronomie arbeiten wollen? Weiß er nicht so richtig. Er hofft auf geburtenstärkere Jahrgänge. Ob die Bezahlung in der Branche zu niedrig sei? „Wenn ich könnte, würde ich meinen Beschäftigten gerne das Doppelte zahlen, aber ich muss sehen, dass es dem Unternehmen auch in den nächsten Jahren gut geht.“

„Touristen? Ich bekomme nichts mit“

Der Naturführer Rene Geyer hat seine Tourismusnische gefunden – am Rande des Fischerdorfs Groß Zicker, wo der Dorfweg über gröbstes Kopfsteinpflaster vorbei an traditionellen Schilf-Rohrdächern zu einer hügeligen Weide führt, auf der eine Schafsherde grast. Hier wachen die Einheimischen mit Argusaugen über ihr Dorf. Selbst ein neuer Schafstallkomplex war ihnen anfangs ein Dorn im Auge. Schlecht waren die Chancen desjenigen, der auf den Weiden eine Sommerrodelbahn bauen wollte, die Einheimischen von seiner Idee zu überzeugen.

Wäre es anders gewesen, hätte Rene „Kräutergeyer“, wie er sich nennt, auf seiner Wanderung nicht mehr viel zu zeigen. So steht er aber vor 15 Teilnehmenden, die auf den Beginn der Tour warten. „Weiß der Geyer oder weiß er’s nicht? Er weiß es“ ist sein Motto oder: „Es gibt kein Unkraut“. Deswegen wendet er sich leidenschaftlich jedem Kraut zu, das auf der Wiese zu dieser Jahreszeit wächst und hat neben Koch- und Medizintipps gelegentlich auch eine stimmgewaltig vorgetragene Sage parat. Überhaupt ist der Kräutergeyer auch Sagengeyer und bietet neben den Touren auch Vorleseabende an.

Der modernen Betongoldsage kann Geyer nichts abgewinnen. Aber Rügen sei groß und bis jetzt verteilten sich die Touristen. „Ich bekomme davon nichts mit.“ Vier mal die Woche führt er Wanderungen. Zu den 9 Euro pro Erwachsenem verdient er sich Trinkgeld. Auf diesen Weg brachte den gelernten Maurer eine Jobinitiative. Geyer wurde selbstständig und mittlerweile läuft es so gut, dass ihn auch zwei Monate Einkommensausfall durch Corona nicht in eine finanzielle Krise stürzen.

Selbst wenn sich die Saison dem Ende neigt, ist er nicht beschäftigungslos. Er bietet Winterwanderungen an, schreibt eine Sagenkolumne und bereitet sich auf die kommende Saison vor – so wie ganz Rügen.