Auschwitz, Synonym für den Holocaust. Diese Parole verhöhnte damals die Opfer, sie dient heute als Mahnung.
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Ein paar Hundert Opfer sind noch da, als Soldaten der Roten Armee am Morgen des 27. Januar 1945, es ist 9 Uhr, Monowitz betreten, Teil des Konzentrationslagers Auschwitz unweit von Krakau.

Es ist nicht das erste KZ, das Rotarmisten bei ihrem Vormarsch auf Hitlerdeutschland vorfinden. Ein halbes Jahr zuvor erreichten sie Majdanek, gelegen am Stadtrand von Lublin. Die Weltpresse berichtete ausführlich über das Vernichtungslager, in dessen Gaskammern Gefangene, in der Mehrzahl Juden, qualvoll starben.

Weitere Rotarmisten finden sich in Monowitz ein, sie verteilen Brot unter den befreiten Männern, Frauen und Kindern, von denen viele dem Tod näher sind als dem Leben. Zwangsarbeit, Unterernährung und Krankheiten haben sie so geschwächt, dass sie kaum noch oder nicht alleine oder gar nicht mehr stehen können. Das ist der Grund, warum sie noch da sind: Die SS hat alle transportfähigen Gefangenen, annähernd 60.000, Richtung Westen deportiert und die kleinen und schwachen, die ausgemergelten, gebrechlichen und siechenden Übrigen sich selbst überlassen.

„Keiner wird euch glauben“

Primo Levi ist einer der Überlebenden, 25 Jahre alt, Italiener, Chemiker, Jude, Partisan. Seit elf Monaten befindet er sich hier. Er musste Zwangsarbeit für eine Fabrik der I.G. Farben leisten. Erkrankt ist auch er, an Scharlach.

Von den 650 Personen, mit denen Levi am 26. Februar 1944 in Auschwitz ankam, wurden sofort 526 „selektiert“ und vergast. Die verbliebenen 124 wurden als Häftlinge registriert, indem sie eine Nummer auf den linken Unterarm tätowiert bekamen – 20 erleben den Tag der Befreiung.

Wie er Auschwitz überlebte, wird Levi später aufschreiben. Er ist sich dabei, wie viele andere Opfer, „sehr deutlich der Ungeheuerlichkeit und somit der Unglaubwürdigkeit dessen, was in den Lagern geschah, bewusst“.

Auch die Täter sind sich dessen bewusst. So fasst Levi in seinen Erinnerungen zusammen, wie die SS ihr Teufelswerk beurteilte: „Wie auch immer der Krieg enden mag, wir haben jedenfalls den Krieg gegen euch gewonnen; keiner von euch wird übrig bleiben, um davon Zeugnis abzulegen; aber selbst wenn jemand übrig bleiben sollte, dann würde die Welt ihm nicht glauben. Es wird vielleicht Verdächtigungen geben, Diskussionen, historische Forschungen, doch es wird keine Gewissheit geben, denn wir vernichten das Beweismaterial zusammen mit euch. Und selbst wenn hier und da Beweise da sein und einige von euch überleben sollten, wird man sagen, dass die Geschehnisse, die ihr beschreibt, zu monströs sind, als dass man sie glauben könnte.“

Häftlinge des KZ Buchenwald, fotografiert in der Baracke 56 des kleinen Lagers nach ihrer Befreiung im April 1945.
Foto: Harry Miller/NARA/dpa

Dieser Tage, am 27. Januar, jährt sich zum 75. Mal der Tag der Befreiung von Auschwitz, das zum Synonym geworden ist für das, was die internationale Gemeinschaft Holocaust nennt (aus dem Altgriechischen: „vollständig verbrannt“) und die jüdische Tradition Schoah (aus dem Hebräischen: „großes Unheil“, „Katastrophe“): den nationalsozialistischen Völkermord an bis zu 6,3 Millionen europäischen Juden. Der 27. Januar ist auf Beschluss der Generalversammlung der Vereinten Nationen 2005 Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

Auch dieser Tage gibt es noch und wieder Menschen, die den Holocaust leugnen oder verharmlosen, gegen jeden Menschenverstand. Die Holocaustleugner – sie sind nicht nur ein deutsches Phänomen – sprechen von der „Auschwitzlüge“; die Profis unter ihnen nennen sich „Revisionisten“.

Der Historiker Hellmuth Auerbach, langjähriger Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München, nennt sie „Apologeten des Nationalsozialismus“, die behaupteten, wissenschaftlich zu argumentieren, die aber die einfachsten Regeln der kritischen Geschichtswissenschaft missachteten.

„Dokumente und Aussagen von Beteiligten, deren Inhalt ihren Behauptungen zuwiderläuft, werden nicht etwa kritisch erörtert und analysiert“, schreibt Auerbach, „sondern negiert oder als gefälscht oder unter erpresserischem Druck zustande gekommen bezeichnet, gleich ob es sich um das Tagebuch der Anne Frank oder um die Niederschrift des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, handelt.“

Deutschlands zweite Schuld

Nachkriegsdeutschland tat sich schwer – der Westen mehr als der Osten –, die nationalsozialistischen Verbrechen zu thematisieren, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen und all die Mitläufer und Schweiger, die sich mitschuldig gemacht hatten, in Mitverantwortung zu nehmen.

Im ersten Bundestagswahlkampf 1949 forderte die FDP einen „Schlussstrich“. Das entsprach dem allgemeinen damaligen Empfinden. Dem lagen – und liegen noch heute – zugrunde: Ungläubigkeit und Unwissen, Scham und Schuldgefühle, rotz und allem voran Antisemitismus.

Entsprechend bescheiden ist die strafrechtliche Bilanz. Die Prozesse gegen die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz sind nur ein Beispiel dafür. Hochrangige Vertreter der NS-Reichsregierung und der SS-Behörden trafen sich am 20. Januar 1942 in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin, um die – bereits begonnene – „Endlösung der Judenfrage“ im Detail zu organisieren: die Deportation und Ermordung von elf Millionen Juden in Europa.

Der Publizist Ralph Giordano sprach im Zusammenhang mit der trägen Strafrechtsverfolgung und milden Strafrechtsprechung von der zweiten Schuld Deutschlands.

Nach ihrer Ankunft in Auschwitz werden die Gefangenen selektiert. Wer als nicht arbeitsfähig oder nicht geeignet für medizinische Versuche gilt, wird sofort vergast.
Foto: imago images/United Archives International

Das vereinigte Deutschland setzt sich wie kaum ein anderes Land mit seiner Geschichte, insbesondere der des Nationalsozialismus, selbstkritisch auseinander.

Die rechtspopulistische, teils rechtsextreme Partei AfD nimmt sich davon aus. Da gibt es die defensive Schuldabwehr: „Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die zwölf Jahre (der NS-Diktatur, Anm. d Red.)“, sagte Alexander Gauland, Jurist, beim Bundeskongress der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA) in Seebach im Juni 2018. „Aber, liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über tausendjährigen Geschichte.“

Und da gibt es die offensive Schuldumkehr: „Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“, sagte Björn Höcke, Historiker, mit Blick auf das Berliner Holocaust-Mahnmal bei einer Veranstaltung der JA in Dresden im Januar 2017. „Diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“

Der Arzt und Schriftsteller Zvi Rix brachte schon vor Jahrzehnten diese Denke auf den Punkt: „Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen.“

In Auschwitz nichts Neues?

Bis zum Mittag des 27. Januar 1945 rücken die Soldaten bis zum Stadtzentrum Auschwitz vor, dann machen sie sich zum Stammlager auf. Sie treffen erstmals auf Widerstand deutscher Einheiten, heftig, aber kurz. Im Stammlager finden sie 1000 Gefangene vor, später in Birkenau 6000.

In Birkenau treffen die Befreier auf umherliegende Leichen, umgegrabene Verbrennungsgruben, schwelende Scheiterhaufen. Zwei Tage zuvor, bevor sie vor der nahenden Roten Armee die Flucht ergriff, ermordete die SS noch 700 Menschen.

Die Weltpresse berichtet über die Befreiung von Auschwitz vergleichsweise verhalten. Auf den ersten Blick ist es nur ein weiteres Lager, in dem die Nazis Gräueltaten begangen haben. Etwas anderes ist von größerem Interesse: das anstehende Gipfeltreffen der „Großen Drei“ – Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin – in Jalta. Der alliierten Staatschefs werden dort ab dem 4. Februar über die Aufteilung Deutschlands verhandeln.

Die Bedeutung von Auschwitz, das Ausmaß dessen, was dort geschah, die Ermordung von über einer Million Menschen, wird der Weltöffentlichkeit erst später bewusst.

Opfer des NS-Rassenwahns: Die Leichen von Ermordeten liegen verstreut auf dem Gelände von Auschwitz-Birkenau.
Foto: imago images/Reinhard Schultz

Die Leugnung und auch die Verharmlosung des Holocaust sind in Deutschland strafbar; Paragraf 130 des Strafgesetzbuches (Volksverhetzung) sieht dafür bis zu fünf Jahre Haft vor. Und weder das eine noch das andere fällt unter Meinungsfreiheit, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Oktober 2019 urteilte.

Der NPD-Politiker Udo Pastörs hatte Beschwerde eingereicht gegen eine vom Amtsgericht Schwerin verhängte Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung und Zahlung einer Geldbuße von 6000 Euro. Bei einer Rede im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern im Januar 2010 hatte er vom „sogenannten Holocaust“ und einer „Auschwitzprojektion“ durch demokratische Parteien gesprochen sowie eine Gedenkveranstaltung für die Opfer als „Betroffenheitstheater“ und das Andenken an die Toten als „einseitigen Schuldkult“ bezeichnet.

David Irvings Tricks

Perfekte Plattformen zur Verbreitung von Verschwörungstheorien wie der „Auschwitzlüge“ bilden die sozialen Medien im Internet. Alles, was die eigene Weltsicht stützt, wird als Wahrheit verbreitet, alles, was sie untergräbt, als Lüge abgetan.

„Verschwörungstheorien sind als emotionale Ideologie einem quasireligiösen Glauben ähnlich“, schreibt der Publizist, Blogger und Podcaster Sascha Lobo. „Fakten werden nicht akzeptiert, Fotos und Filme sind manipuliert, wissenschaftliche Erkenntnisse sind gefälscht, die klassischen Medien sind Teil der Verschwörung und dienen der Tarnung.“

Revisionisten wiederum fälschen selbst. In einem Prozess, den der Holocaustleugner und Autor David Irving wegen angeblicher Verleumdung führte, wies ein Gutachter nach, dass Irving eindeutige Quellen ignorierte, andere hingegen entstellte oder fehldeutete.

Mehr zum Thema Holocaust-Leugnung

Benz, Wolfgang: „Der Holocaust“, C.H. Beck, München 1995.

Benz, Wolfgang (Hrsg.): „Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte“, dtv, München 1992.

Eriksen, Trond Berg/Harket, Hakon/Lorenz, Einhardt: „Judenhass. Die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart“, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019.

Tiedemann, Markus: „,In Auschwitz wurde niemand vergast.‘ 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt“, Verlag an der Ruhr, Mühlheim an der Ruhr 2018.

Willems, Susanne: „Auschwitz. Die Geschichte des Vernichtungslagers“, edition ost, Berlin 2015.

Die neue Dauerausstellung in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz thematisiert auch die Leugnung des Holocaust: Am Großen Wannsee 56, 14109 Berlin, Tel. 030/80 50 01 0, täglich von 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei.

Junge Menschen sind besonders anfällig für Fake History. Denn: Die historischen Kenntnisse vieler Jugendlicher über die Zeit des Dritten Reiches sind nach der Erfahrung des Philosophen und Didaktikers Markus Tiedemann, der zwölf Jahre als Lehrer arbeitete, „schlicht erschreckend“; diese Unkenntnis gelte auch für Gymnasiasten. Tiedemann veröffentlichte 1996 das Buch „,In Auschwitz wurde niemand vergast‘ – 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt“; es wurde 2018 neu aufgelegt.

Eine der beliebtesten Lügen: „Alle Dokumente, die den Holocaust belegen, sind gefälscht. Filme wurden gestellt und Fotos manipuliert. Sämtliche Täteraussagen wurden erzwungen.“

So gut wie keine Geschichte ist derart breit und tief erforscht wie die des Nationalsozialismus und damit auch des Holocaust. Es stellt sich weniger die Frage, warum „alle Dokumente“ gefälscht und „sämtliche Täteraussagen“ erzwungen sein sollen, sondern vielmehr, wie es möglich gewesen sein soll, so etwas zu bewerkstelligen.

„Die These einer globalen Verschwörung der Siegermächte ist offenkundig eine jede Realität leugnende Wahnvorstellung, wie sie immer wieder in sektenähnlichen Gruppen anzutreffen ist“, schreibt Tiedemann.

Das Anzweifeln von Opferzahlen

Gerne verweisen Holocaustleugner auch darauf: „Die Zahlen der Ermordeten sind übertrieben hoch.“

So führen sie zum Beispiel an, dass der letzte Häftling von Auschwitz die Nummer 202.499 tätowiert bekommen habe, also seien  in dem Lager weitaus weniger Menschen ums Leben gekommen als gemeinhin behauptet.

Ignoriert wird, dass Gefangene schon beim Transport in Güterwagen oder Viehwaggons umkamen; dass nur Häftlinge eine Nummer bekamen, die nicht „selektiert“ und vergast wurden; dass dem Lagerregister zufolge 402.222 Menschen eine Nummer hatten, wobei es verschiedene Nummernserien gab, beispielsweise für Männer und Frauen, für „Zigeuner“, „Bibelforscher“ und „Erziehungshäftlinge“.

Angehörige der Roten Armee und Mitarbeiter des Roten Kreuzes kümmern sich nach der Befreiung von Auschwitz um die im Lager aufgefundenen Kinder.
Foto: imago images/United Archives International

Noch ein Einwand: „Die Quellenlage zu den KZ ist derart schlecht, dass man wirklich exakte Aussagen über die Lager nicht machen kann.“

Außer Frage steht, dass die Täter Beweismaterial vernichteten. Und doch sind reichlich Akten erhalten geblieben; allein im Museum der Gedenkstätte Auschwitz gibt es sie meterweise: über die Verwaltung des Lagers sowie über die Zentralbauleitung der SS und der Polizei. Dazu gibt es zuhauf Zeugenaussagen von Opfern und Tätern.

Und nicht zuletzt behaupten Revisionisten: „Hitler wusste nichts vom Holocaust.“

Die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ im Fall eines neuen Weltkriegs kündigte Hitler erstmals öffentlich am 30. Januar 1939 an. Auf diese Drohung kam er ab 1942 immer wieder zurück.

Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß gab später zu Protokoll, dass ihm Heinrich Himmler, Reichsführer SS, im Sommer 1941 in Berlin eröffnet habe: „Der Führer hat die Endlösung der Judenfrage befohlen, wir – die SS – haben diesen Befehl durchzusetzen.“

Das Oberste Nationale Tribunal Polens verurteilte Höß im April 1947 zum Tode. Er wurde im ehemaligen Stammlager Auschwitz gehängt.

„Wer schweigt, stimmt zu“

Holocaust-Leugner gelten als unbelehrbar. Es scheint daher das Beste zu sein, sie zu ignorieren. Der Didaktiker Markus Tiedemann hält das für falsch. Er mahnt: „Wer schweigt, stimmt zu“; er empfiehlt „eine unaufgeregte Widerlegung“. Rechtsextremes Gedankengut müsse als das entlarvt werden, was es ist: „intellektuell erbärmlich“. Es gehe es nicht darum, das Gegenüber zu überzeugen, „es geht um eine Radikalisierungsprophylaxe für das Publikum“.

Für Hunderte Opfer kommt die Befreiung zu spät. Tage, Wochen, Monate danach sterben sie an den Folgen ihrer Gefangenschaft.

Primo Levi kehrt am 19. Oktober 1945 nach Turin zurück. Sofort nach seiner Ankunft beginnt er, seine Erfahrungen niederzuschreiben. Seine Befreier haben da längst die Magazine in Auschwitz geöffnet. In ihnen fanden sie unter anderem über 350.000 Herrenanzüge, über 835.000 Damenmäntel und über sieben Tonnen Menschenhaar.