Das Gute muss gegen das Böse: Nancy Faeser und die Würgemanschette

Die „One Love“-Armbinde, die die Ministerin in Katar auf der Ehrentribüne trug, gehört ins Haus der Geschichte, findet unser Kolumnist. Wegen Unerschrockenheit.

Ganz schön eng: Bundesinnenministerin Nancy Faeser trug auf der Tribüne die „One Love“-Binde.
Ganz schön eng: Bundesinnenministerin Nancy Faeser trug auf der Tribüne die „One Love“-Binde.dpa/Tom Weller

Nancy Faesers „One Love“-Armbinde kommt ins Haus der Geschichte nach Bonn, direkt vom Japan-Match aus Katar. Gute Wahl. Grinsen Sie nicht, das ist mein Ernst. Oder hätte man etwa Manuel Neuer um die Original-Hand bitten sollen, die er sich beim Mannschaftsfoto vor den Mund hielt? Das Museum dokumentiert die Wandlung der bundesdeutschen Gesellschaft. Das passt schon.

Dort stehen auch jene Töppen, die 1954 das „Wunder von Bern“ ermöglichten. An 1974 gemahnt das heilige Baumwolltrikot, in dem Jürgen Sparwasser eine 78. Spielminute lang die historische Überlegenheit des Sozialismus nachwies. Jens Lehmanns Elfmeterschützenspickzettel beschwört das heute surreal wirkende „Sommermärchen“ von 2006. Am Rande: Auch das Turnier war gekauft. Aber von uns und günstiger. Zeiten waren das. Außenverteidiger traten häufiger auf Flügelstürmer als für Werte ein. Das Runde musste ins Eckige. Ihrer veröffentlichten Meinung zufolge reicht der Öffentlichkeit das nun nicht mehr. Das Gute muss gegen das Böse.

Als die deutschen Fußballer sich neulich für die Hymnen aufstellten, sagte ARD-Reporter Tom Bartels, am gespanntesten seien er und gewiss auch sein Publikum auf den Protest gegen die Zwangsentbindung des Kapitäns. Die Aktion bestand, epidemiologisch heikel, aus Händen vor Mündern. Da sei sie, die ersehnte Zeichensetzung, jubelte Bartels. 1:0 für Schwarzrotgold gegen einen Großteil der Welt. Der Schiedsrichter hätte gar nicht mehr anpfeifen müssen, tat es dann aber leider doch.

Fifa und Toleranz: Die meisten Funktionäre kommen aus tendenziell homophoben Gesellschaften

Das mit dem Großteil muss ich erklären. Es gibt eine Toleranzliste, für die 130.000 Menschen aus 167 Ländern gefragt wurden: Ist deine Region ein guter Lebensmittelpunkt für Homosexuelle? Bereits ab Tabellenplatz 36 sank die Zustimmung unter 50 Prozent. In 91 Staaten äußerte nur noch höchstens ein Viertel der Befragten, dass ihre Nachbarschaft sich für den dauerhaften Aufenthalt von Schwulen und Lesben eigne. Katar liegt mit 18 Prozent noch vor EU-Mitglied Rumänien.

Zum Weltfußballverband gehören 211 nationale Verbände. Jeder hat eine Stimme. Laut besagter Umfrage entstammen die meisten Funktionäre tendenziell homophoben Gesellschaften. Auf eine „No Discrimination“-Kapitänsbinde konnte man sich global verständigen. Benachteiligt fühlen sich alle. Aber eine mehr oder eher weniger explizite Ermutigung gleichgeschlechtlich Orientierter? Sieben – westeuropäische – Verbände wollten das „One love“-Regenbogensurrogat. Die Solidarität der übrigen 204 war überschaubar. Mag sein, dass die Fifa ein korrupter Saustall ist. Aber vielleicht repräsentiert dieser Saustall bisweilen die Mehrheit seiner Insassen.

Nun könnte der DFB ja austreten. Das wäre konsequent. Andererseits hieß es früher mal, der sportliche Wettstreit sei ein kleiner gemeinsamer Nenner inkompatibler Gesellschaftsordnungen und Wertesysteme. Was größer ist als dieser Nenner, gehöre ausgeklammert. Sonst reden die einen von universellen Menschenrechten, die anderen über Kulturimperialismus. Schwierig. Am Ende schiebt man dann Sportler vors Loch.

Im Museum sollte neben der Bekenntnistextilie jedenfalls eines der Fotos hängen, die die Unerschrockenheit der Innenministerin beglaubigen. Darauf ist zu sehen, dass die Binde ihren Oberarm würgte wie eine Blutdruckmessmanschette. Sie riskierte auf der Ehrentribüne zwar keine Verhaftung, aber eine Thrombose.