Potsdam - Die Brandenburger Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) ärgert sich über den Begriff „Impfchaos“ in Brandenburg: „Es war nicht chaotisch ... Das weise ich zurück“, sagt sie. Eine klare Haltung – aber wie war es dann? Planvoll, besonnen und organisiert? Als es im Januar mit dem Impfen losgehen sollte, brach als Erstes die Telefonleitung 116 117 zusammen. Einen Ansturm von 200.000 Anrufern halte keine Hotline der Welt aus, verteidigt sich Nonnemacher. Sie beklagt auch, dass die Wut der Bürger auf ihr Ministerium niederging, als treffe die dort lauter Unbeteiligte. Man sei kaum noch arbeitsfähig gewesen.

Was erwartet eine Ministerin, wenn sie Hunderttausend über 80-Jährige auffordert, sich ab 4. Januar einen Impftermin am Telefon zu besorgen? Dass die alten Herrschaften, die nichts sehnlicher wünschen, als sich durch Impfen ein bisschen Sicherheit und ein paar Freiheiten für ihr Leben zurückzuerobern, dass die nicht sofort am ersten Tag ans Telefon eilen? Weil Leitungen glühen könnten?

Aber auch die Geduldigen blieben chancenlos. Die Hotline vergibt seit Wochen keinen Impftermin mehr. Wer sich als Hochbetagter heute durch das Menü klickt, erfährt ganz am Ende: April, April! „Vorübergehend“ keine Termine in Brandenburg wegen „ausgesetzter Impfstofflieferungen“. Informationen entnehme man der Presse oder der Website. Kein Chaos?

Auch eine Onlineplattform des Deutschen Roten Kreuzes ist längst abgeschaltet. Auf der sollten Heimleiter für ihre Alten- und Pflegeeinrichtungen Impfteams ordern, oft wochenlang erfolglos. Die Heimbewohner haben bislang nicht mal ein Viertel der in Brandenburg ausgeteilten Impfdosen abbekommen.

Zum Vergleich: Berlin setzte von Beginn an klare Prioritäten. Hier sind alle Heime durchgeimpft. Schließlich begründet die Politik ihren dramatischen Lockdown seit Monaten mit dem Schutz der vulnerablen Gruppen besonders in Heimen. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts retten zehn Impfungen von Menschen über 80 ein Menschenleben. Bei Jüngeren ist das Verhältnis rund 200 zu eins. Brandenburg dagegen unterscheidet spitzfindig zwischen rein stationären und gemischten Alten- und Pflegeheimen. In der Praxis heißt das, wenn endlich ein Impfteam in einem Heim eintrifft, impft es nur die bettlägerigen Heimbewohner, nicht aber die Hochbetagten eine Etage höher. Die müssen an die Hotline, falls die irgendwann wieder in Betrieb geht. Und dann können sie zusehen, wie sie mit ihrem Rollator ins weit entfernte Impfzentrum rollen. Kein Chaos?

Zwischenzeitlich machten Brandenburger Bürgermeister und Landräte Schlagzeilen, weil sie sich oder Mitarbeiter ihrer Verwaltung impfen ließen – jenseits jeder Priorität. . Zuletzt wurde 9.000 Bürgern ihr mühsam eroberter telefonischer Termin wieder abgesagt, bevor sie ein neues Angebot erhielten. 

So sieht es aus, das Brandenburger Impfchaos. Nur die Wahrnehmung der Ministerin unterscheidet sich gründlich. Der Lausitzer Rundschau sagte sie: „Wir haben in extrem kurzer Zeit das Impfen in den Heimen organisiert, die mobilen Teams aufgebaut und die Impfzentren wie geplant an den Start gebracht.“ Das alles sei ein „riesiges logistisches“ Projekt. Schließlich behauptet sie: „Bei uns läuft es nicht schlechter als anderswo.“

Das ist nicht einfach politisch abgehoben, das grenzt an Frechheit. Brandenburg mit gerade 2,5 Millionen Einwohnern hat bisher – Stand Mittwochmorgen – 87.000 Impfungen zustande gebracht. Nordrhein-Westfalen hat 744.000 Bürger von 18 Millionen geimpft – das verlangt Logistik. Brandenburg bildet in der Impfquote das Schlusslicht aller Bundesländer. Aber für Vergleiche muss man nur bis Berlin blicken. Den Unterschied macht nicht Flächenland oder Stadtstaat, sondern die Haltung zur Aufgabe. Berlin braucht keine Hotline, sondern lud seine Bürger freundlich per Brief zum Impfen ein. Die Hochbetagten dürfen im Taxi anreisen. Brandenburger versauern währenddessen in Warteschleifen.

In Potsdam hat man anders als in Berlin einfach die Arbeit verweigert, Daten zu erheben, Impflisten zu erstellen, den Überblick zu bekommen. Brandenburg weiß bislang nicht, wer gerade impfberechtigt ist. Wartete bequem auf die Rückmeldung der Hochbetagten am Telefon. Ihnen immerhin soll irgendwann postalisch eine Impfeinladung mit einer „Sonder-Telefonnummer“ zugehen. Schließlich wurde die Organisation und Verantwortung auch noch abgeschoben auf das DRK, die Kassenärztliche Vereinigung und sonstige Partner. Nicht schlechter als anderswo? Man muss das nicht Chaos nennen, Impfversagen stimmt eher.