Berlin - Im Zusammenhang mit der Sperrung des Twitter-Kontos von Donald Trump war von einem historisch einmaligen Vorgang die Rede. Was aber ist hier historisch und was einmalig? Dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika wurde hier die Möglichkeit genommen, Hetze und Lüge millionenfach zu verbreiten: Zeigt das nun, wie der Internet-Konzern nach dem Sturm der Trumpisten auf das Washingtoner Kapitol endlich seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt? Und was wäre, wenn Facebook, YouTube, Twitch, Snapchat und TikTok folgen und sich dazu durchringen, Trump endgültig und für alle Zeit zu sperren?

Sperrung auf Lebenszeit bei allen maßgeblichen, also reichweitenstarken Sozialen Medien: Das wäre in der Tat historisch und einmalig. Aber wenn man unbedingt so große Begriffe bemühen möchte, dann gilt auch: Nicht nur hat die Partei der Republikaner historische Schuld auf sich geladen, weil sie aus blankem Opportunismus einem gewaltverherrlichen, wortbrüchigen Chauvinisten ohne nennenswerten Widerstand unterstützte, sondern ebenso die genannten Netzwerke – als willfährige Handlanger Donald Trumps. Twitter, Facebook et al. haben für ihre Klickzahlen und für die Reichweite ein Monster mitgeschaffen.

Dabei begründeten die Konzerne ihr Verhalten stets mit ihrer Chronistenpflicht: Sie seien gehalten, alle Äußerungen von Politikern der breiten Öffentlichkeit ungefiltert, unzensiert zugänglich zu machen, damit diese sich auf einer möglichst breiten Basis eine eigene Meinung bilden kann. Das war und ist, wenn überhaupt, aber nur die halbe Wahrheit: Denn tatsächlich habe Konzerne wie Twitter und Facebook jene demokratische Öffentlichkeit, die sie angeblich verteidigen, in massiver Weise angegriffen, in dem sie das Ressentiment zur einzig verbindlichen Richtlinie des öffentlichen Handelns machten.

Der Fall Donald Trumps zeigt: Twitter und Facebook leben parasitär von der demokratischen Öffentlichkeit – in dem sie diese bedrohen und zerstören. Dass sie jetzt von @realdonaldtrump abrücken, ist vorerst nichts anderes, als ein weiterer Akt des Opportunismus.