Schöne neue Arbeitswelt? Zumindest kann man nebenbei Wäsche waschen.
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BerlinBeim Berliner Verlag, in dem die Berliner Zeitung erscheint, gab es noch vor wenigen Monaten eine Arbeitsgruppe, die sich damit befasste, wie sich die Großraumbüros besser gestalten ließen. Die ständige Zugluft war ein Thema, auch der hohe Geräuschpegel in einigen großen Räumen, der es manchen Redakteuren schwer machte, klare Gedanken zu fassen für kluge Leitartikel. Es wurde beratschlagt, wie sich die Tische so umgruppieren ließen, dass ein wenig Platz für Grünpflanzen entsteht.

Seit März hat über diese Themen niemand mehr beraten, und die Notizen von den Treffen lesen sich wie Dokumente aus einer vergangenen Zeit. Stickige Luft gab es schon lange nicht mehr. Wo früher sechs Mitarbeiter an langen Tischen saßen, sind es heute selten mehr als drei. Die übrigen haben ihre Notebooks woanders aufgestellt. Manchmal arbeiten sie ein paar Tage im Verlag, dann wieder ein paar Tage woanders. Man liest ihre Mails und Artikel, man sieht sie in Videokonferenzen. Sie nutzen die Möglichkeiten, die ihnen die Technik bietet. Und wer im Verlagsgebäude unter Zugluft leidet, der setzt sich jetzt eben an einen anderen Platz.

Kritik von Gewerkschaften und CDU an Gesetzentwurf

In kurzer Zeit ist in unzähligen Betrieben in aller Welt eine ähnlich neue Realität entstanden – erzwungen durch die Pandemie, ermöglicht durch die Digitalisierung. Zum Ende dieses ersten Corona-Jahres versucht nun Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, dieser Realität einen gesetzlichen Rahmen zu geben. Der SPD-Politiker möchte per Gesetz ein Recht auf mobiles Arbeiten schaffen. Die Mitarbeiter sollen künftig selbst entscheiden dürfen, wo sie ihren Dienst versehen – zumindest an 24 Tagen im Jahr, und wenn es die betrieblichen Umstände erlauben.

Noch sind viele Details des Gesetzentwurfs nicht bekannt, doch so viel scheint klar: Heil hat versucht, einen Minimalkompromiss zu finden. Solche sind immer unbeliebt, und entsprechend harsch fällt die Kritik aus. 24 Tage seien viel zu wenig, heißt es von den Gewerkschaften – so als wäre 42 die verlässliche Glücksformel. Das Gesetz privilegiere jene Beschäftigten, die ihre Arbeit am Computer verrichten können, meinen Vertreter der CDU, als wäre dem Bäcker geholfen, wenn die Buchhalterin ins Büro gezwungen wird.

Beide Lager verkennen, wie tiefgreifend sich Arbeitsprozesse in den nächsten Jahren wandeln werden und welche Zumutungen alle Beteiligten dabei akzeptieren müssen. Und beide Lager liegen falsch mit der Annahme, dass mobiles Arbeiten das Leben substanziell verbessert oder verschlechtert.

Heils Gesetz ist zunächst nicht mehr als ein Impuls. Er übt sanften Druck aus auf jene Arbeitgeber, die noch immer meinen, Arbeit lasse sich nur im Betrieb verrichten, wo die soziale Kontrolle unmittelbare Wirkung entfaltet. Diese Sicht ist unterkomplex, sie ignoriert den technologischen Wandel und die menschliche Anpassungsfähigkeit. 

Dass sein Regelwerk große Lücken lässt, kann man kritisieren. Man kann darin aber auch den Auftrag und die Freiheit für Arbeitgeber und Mitarbeiter erkennen, darüber zu beraten, wie sie die Möglichkeiten der mobilen Arbeit nutzen wollen. Für solche Regelungen braucht es keine detaillierten Vorgaben der Bundesregierung, sondern Betriebsräte. Und wenn ein Unternehmen noch keinen hat, dann sollten die Beschäftigten von ihrem demokratischen Recht Gebrauch machen, ihn zu gründen.

Doch die wahren Konflikte werden sich nicht an der Frage entzünden, ob Mitarbeiter an 24 oder 42 Tagen im Jahr ihren Arbeitsort selbst bestimmen. Die wahren Konflikte sind viel grundlegender. Mobiles Arbeiten ist eben kein Privileg, sondern eine Aufgabe. Was hält einen Betrieb zusammen, wenn sich seine Mitarbeiter immer seltener sehen? Welche Bedeutung hat die einzelne Mitarbeiterin, wenn die anderen von ihr nur noch das immergleiche Porträtbild in den Videoschalten sehen?

Der Wert von Arbeit wird im digitalen Raum viel nüchterner und kühler bewertet als im kuscheligen Büro, wo man den anderen stets sieht und hört und manchmal sogar riecht – und wo man ihm gnädig manche Schwäche entschuldigt, weil man manche Stärke täglich erlebt. Je größer die Distanz ist zwischen Menschen, die zusammenarbeiten müssen oder wollen, umso stärker konzentrieren sie sich auf die Ergebnisse. Und anders als manche Vorgesetzte glauben, wird das Heimbüro auf Dauer eben nicht der Raum sein, wo sich Mitarbeiter ihrem Druck entziehen. Im Gegenteil: Mit der Entfernung wächst der Druck, sich einzubringen und unter Beweis zu stellen. Das sollte allen bewusst sein, die morgens zur Arbeit ihr Notebook aufklappen – ob im Büro oder am Küchentisch.