Berlin - Im vergangenen Jahr hat die Polizei in Deutschland einen deutlichen Anstieg bei der Verbreitung von kinderpornografischem Material verzeichnet. Wie aus einer am Mittwoch bekannt gegebenen Sonderauswertung der Kriminalstatistik hervorgeht, erfasste das Bundeskriminalamt (BKA) im vergangenen Jahr 18.761 Fälle von Herstellung, Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie. Das entspricht einem Zuwachs von 53 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

„Hinter jedem ins Internet eingestellten Material steht der reale Missbrauch eines Kindes“, sagte der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, bei der Präsentation der Zahlen.

Den starken Anstieg des sexuellen Missbrauchs und der Kinderpornografie erklärte Münch mit einer Vielzahl von Hinweisen des amerikanischen National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC). Dabei handelt es sich um eine gemeinnützige halbstaatliche Organisation. Im vergangenen Jahr schickte NCMEC, das zahlreiche einschlägige deutsche IP-Adressen ermittelte, dem BKA etwa 56.000 Hinweise, von denen 29.000 strafrechtlich relevant waren. Im Jahr davor waren es nach Münchs Angaben 21.600 strafrechtlich relevante Hinweise.

BKA rechnet mit einer weiteren Zunahme der entdeckten Fälle

Der BKA-Präsident rechnet mit einer weiteren Zunahme der gemeldeten Fälle, weil die Zahl der Hinweise steige. „Weil die technischen Verfahren für die Suche und Prüfung solcher Dateien ständig besser werden.“ Deutschland arbeite auch international mit den Strafverfolgungsbehörden immer besser zusammen. Bei Ermittlungen im Darknet würden umfangreiche Datensätze ausgetauscht.

Ab 2022 greifen laut Münch in Deutschland auch neue Hinweisregeln für IT-Konzerne. All das bedeute eine Aufhellung des enormen Dunkelfeldes, das sehr groß sei. Derzeit schätzen Experten, dass das Dunkelfeld der nicht entdeckten Taten siebenmal so hoch ist, wie die registrierten Zahlen.

Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei auch 4918 Fälle von Misshandlung Schutzbefohlener. Das ist ein Anstieg um zehn Prozent. Kindesmissbrauch stieg um 6,8 Prozent auf über 14.500 Fälle. 152 Kinder wurden getötet, davon wurden 79 Opfer von vorsätzlicher und 73 von fahrlässiger Tötung.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, bezeichnete die Zahlen als unerträglich. „Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Internet scheint uns zu entgleiten“, sagte er. Deshalb müsse Deutschland jetzt handeln. „Solange Politik und Gesellschaft nicht gewillt sind, gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der analogen, aber auch in der digitalen Welt, konsequenter den Kampf zu führen, bundesweit und ressortübergreifend, wird es tausendfach geschehen, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland missbraucht, vergewaltigt und sexuell ausgebeutet werden.“

Vorratsdatenspeicherung gefordert

Die Strafverfolgung im Netz müsse verschärft und das Entdeckungsrisiko für Täter massiv erhöht werden, etwa durch Online-Wachen der Polizei. „Das Internet darf nicht länger ein Paradies für Pädokriminelle bleiben“, so Rörig. Es brauche eine massive Personalaufstockung bei Politik und eine Kompetenzbündelung bei der Staatsanwaltschaft. Einschlägige Internetplattformen müssten geknackt werden, und beschlagnahmte Rechner dürften nicht in den Asservatenkammern schlummern. Er appellierte an die Innenminister der Länder, die Entschlüsselungs- und Auswertungskapazitäten massiv zu steigern.

Rörigs Ansicht nach muss das Verhältnis zwischen Datenschutz und Kinderschutz „neu ausbalanciert“ werden. So wie der BKA-Chef sprach sich auch der Missbrauchsbeauftragte für eine erweiterte Vorratsdatenspeicherung aus. All zu oft liefen die Ermittlungen ins Leere, weil die IP-Adressen der Täter gelöscht seien.