MUTTER: Du hast heute Morgen einen interessanten Satz gesagt: „So ein Staat hat ganz schön viel Macht“. Corona verschafft uns gerade eine Politikerfahrung, die wir nicht gewohnt sind. Ich habe auch noch nie erlebt, dass unser Staat so durchgreift, wie jetzt gerade. Für dich ist es aber noch etwas anders, glaube ich. Was hast du genau gemeint?

TOCHTER: Einerseits beunruhigt es mich. Ich hätte nicht gedacht, dass der Staat einfach so mal was grundlegend anderes beschließen kann. Dass Minister unsere Politik dominieren können und das Parlament gar nichts mehr zu sagen hat. Da kommt bei mir schon eine Sorge auf. Wenn es so weiter geht, wie lange geht das? Wer kann noch etwas zurückdrehen, wenn falsche Entscheidungen getroffen werden. Was ist, wenn die falschen Leute in diese Machtposition kommen. Inwiefern bekomme ich meine Rechte wieder. Denn die sind ja jetzt ausgesetzt.

Greta und ich Kolumne.

Einige davon.

Ja, einige. Ich mache mir auch Sorgen, was die Folgen in Ländern sein werden, die sowieso schon autoritär regiert werden. Aber auch bei uns. Ich als Individuum habe gar nichts mehr zu sagen, wenn es drauf ankommt. Das ist eine krasse Erfahrung. Bis jetzt hatte ich immer die Auffassung, egal wie klein man ist, man muss nur an den richtigen Hebeln ziehen, laut genug seine Meinung sagen oder mit vielen Leuten auf die Straße gehen. Dann wird man auch gehört. Und es wird vieles umgesetzt, was man möchte.

Woran machst du das fest?

Mit Fridays for Future hatte ich das Gefühl, dass Politiker zumindest aufgreifen, was man sagt. Aber Corona hat mir gezeigt, dass der Staat das Leben vollkommen verändern kann. Und wenn wir jetzt Pech haben und irgendwer an die Macht kommt, der das ausnutzt für sich, dann bleibt das so.

Ich sehe auch, was gerade passiert, welche Macht eine Regierung entfalten kann und dass die Parlamente quasi kalt gestellt sind. Aber ich fühle mich nicht verunsichert. Ich habe Vertrauen, dass es eine vorübergehende Krise ist. Würde mich im Zweifelsfall wehren, vor Gericht ziehen, meine Stimme erheben und denken, dass das funktioniert. Du hast natürlich andere Erfahrungen als ich, bist auch ohne Corona viel stärker von anderen dominiert. Deine Eltern sagen dir, was du machen darfst, die Lehrer in der Schule und jetzt auch noch der Staat viel stärker als bisher.

Na ja, Eltern und Lehrer und die normalen Regeln des Staates habe ich bisher nicht als Probleme empfunden. Aber jetzt wird mir plötzlich gesagt, wen ich treffen darf, wohin ich gehe. Ich akzeptiere das und unterstütze die Maßnahmen. Aber es ist schon ein krasser Eingriff in mein Privatleben und ich kann mich nicht wehren. Das ist eine schlechte Erfahrung.

Du machst die Erfahrung eines autoritären Staates?

Ja, und es macht mich kritischer. Ich glaube, ich werde in Zukunft stärker darauf achten, wo Rechte von Bürgern außer Kraft gesetzt werden. Ich werde auch mehr darauf achten, was mit meinen Rechten passiert. Das ist vielleicht ganz gut.