MUTTER: Bist du eher ein Ossi oder ein Wessi?

TOCHTER: Ich bin Ossi.

Warum?

Weil ich nach eurer tollen Definition im Osten geboren bin. Und weil es mich nervt, wenn einer gegen den Osten ist. Das ist meine Protesthaltung.

Ja, ich glaube auch, dass es Protest ist.

Ich bin Deutsche, eigentlich. Aber das ist in eurer Generation noch nicht angekommen. Deswegen bin ich ein Ossi. Punkt.

Was nervt dich daran?

Weil ein Bevölkerungsteil, der nichts dafür kann, dass er im Osten geboren ist und die Diktatur mitmachen musste, dafür stigmatisiert wird von Leuten, die auch nichts vollbracht haben, außer im Westen zu wohnen. So ein westlich arroganter Blick, den kann ich nicht leiden. Genauso wie ich auch den Blick aus dem Osten auf den Westen nicht leiden kann.

Wollt ich grad sagen, den Wessi gibt es ja auch als Klischee.

Aber das ist doch alles ein Irrsinn. Es ist alles ein Volk. Es gibt unterschiedliche Bräuche. Aber es ist doch ein Land. Ich verstehe nicht, wie man 30 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch so denken kann: Wir sind im Westen oder im Osten geboren, wir sind anders, besser.

Ich finde, das hat sich doch gerade sehr verändert. Lange gab es bloß die Vorurteile. Jetzt gibt es plötzlich ein neues Selbstbewusstsein im Osten, sogar in deiner Generation bei Menschen, die die DDR gar nicht erlebt haben. Aber nicht aus Protest, sondern weil sie sich identifizieren zum Beispiel mit den Wurzeln ihrer Familie und mit dem, was ihre Eltern und Großeltern erlebt haben.

Man kann ja sagen, ich bin Ostdeutscher oder ich bin Westdeutscher. Das ist nicht das Problem. Es geht mehr um eine Haltung. Ich verstehe nicht, wie junge Leute die Haltung ihrer Eltern übernehmen können und die Teilung im Kopf immer weiterführen. Es gibt keine Mauer mehr, es gibt kein Ost und kein West.

Doch.

Nein. Das ist Deutschland und Punkt. Das regt mich richtig auf. Wenn immer weiter Unterschiede gemacht werden. Es gibt keinen Unterschied.

Ich kenne Leute, die sagen, genau das sei eine westdeutsche Haltung. Es wird immer noch vieles verdrängt von der Ostgeschichte und das muss vielleicht einfach mal aufgearbeitet werden. Und stolz sein auf eine ostdeutsche Herkunft gehört vielleicht dazu und das ist dann auch wichtig.

Das ist aber auch eine Reaktion. Weil es immer eine Schande war, aus dem Osten zu kommen. Der Osten galt als spießig, arm, überhaupt nicht cool. Da ist es doch kein Wunder.

Dann ist es aber auch gut, wenn sich da was verändert.

Aber es ist scheiße, dass man sich immer noch gegeneinander abgrenzen muss. Besonders regt mich auf, wenn junge Leute so arrogant daherreden. Ohne drüber nachzudenken, übernehmen sie die Haltung ihrer Eltern. Total absurd ist es, wenn sie gleichzeitig auch noch von der tollen Infrastruktur hier bei uns im Speckgürtel profitieren. Wir haben tolle Schulen, es ist schön, hier zu leben, aber hier wohnen viele Westfamilien und die Kinder sagen dann, öh, alles so ostig hier. Das ist total absurd.