Das ist die Geschichte einer großen Liebe. Nur dass die Liebenden einander nie kennengelernt haben. Nicht wirklich jedenfalls, nicht so, wie Vater und Tochter sich kennenlernen, wenn alles mit rechten Dingen zugeht. Doch das tat es nicht im Fall des Boxers Johann Trollmann und seiner Tochter Rita. Rita Vowe war 74 Jahre alt, als sie zum ersten Mal das Bild ihres Vaters sah.

Diese Geschichte geht auf eine Begegnung im Theater zurück. Es war in diesem Frühjahr während der ersten Roma-Biennale im Gorki Theater, organisiert von Roma-Künstlern. Auf der Bühne tänzelte eine Schauspielerin mit riesigen goldenen Boxhandschuhen, auf die Leinwand hinter ihr war das Schwarz-Weiß-Bild eines jungen Mannes projiziert, auffallend gut aussehend. Daneben sein Name: Johann Trollmann. „Das ist mein Papa“, rief es plötzlich aus dem Publikum. Ich reckte meinen Kopf und sah eine ältere Dame. Die jungen Leute neben ihr ergriffen ihre Hände.

Auf ihren Namen kam ich schnell, als ich, an diesem Abend kaum zu Hause angekommen, den Namen ihres Vaters googelte. Johann Trollmann, geboren 1907, war ein Sinto. Seine Leute nannten ihn „Rukeli“, nach dem Romanes-Wort „ruk“, Baum. Von seinem Geburtsort Wilsche bei Hannover zog er nach Berlin, als er etwa 20 war. Bald war er als Boxer in der Bockbrauerei in Kreuzberg am Tempelhofer Berg unter Vertrag.

Nur noch ein Kampf

Hier fand auch am 9. Juni 1933 der Kampf um den deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht statt. Trollmann und Adolf Witt traten gegeneinander an, ersterer hatte die Oberhand. Doch der Boxverband war bereits mit Nazis durchsetzt, ein „Zigeuner“ durfte keinen „Arier“ besiegen. Man wollte den Kampf als „nicht gewertet“ betrachten. Das Publikum reagierte empört, so wurde Trollmann doch als Sieger ausgerufen. Eine Woche später erkannten sie ihm den Titel ab, wegen „armseligen Verhaltens“. Er soll geweint haben.

Es gab dann nur noch einen Kampf, einen Monat später, wieder in der Kreuzberger Brauerei. Trollmann trat mit blondierten Haaren auf, die dunkle Haut hatte er mit Mehl gepudert. War das eine „Herrenmenschen“-Parodie, oder hatten sie ihn zu dieser Maskerade gezwungen? So wie sie ihn dazu aufgefordert hatten, seinen tänzelnden Stil aufzugeben. Johann Trollmann stand still und ließ sich von dem Weltergewichtler Gustav Eder k.o. schlagen.

Rita Vowe heißt seine Tochter. 1935 im März wurde sie geboren, im Juni heiratete Johann Trollmann ihre Mutter. Ein paar Monate später wurde er wohl sterilisiert. An die Front musste er trotzdem, verletzt kam er zurück. 1942 wurde er ins KZ Neuengamme gebracht, 1944 im Nebenlager Wittenberge erschlagen. Rita Vowe steht im Berliner Telefonbuch. Sie lebt in Kreuzberg. Ein paar Wochen nach der Begegnung im Theater wähle ich ihre Nummer. Ihr Ausruf im Theater hat mich gerührt.

Am Telefon versteht sie mich schlecht. Wir kommunizieren dann über WhatsApp. Ihr Profilbild zeigt nicht sie selbst, sondern den Vater. Sie schickt Bilder von der Gedenktafel an der Bergmannstraße, von dem Stolperstein in der Fidicinstraße, der seit 2010 an ihn erinnert. Wir verabreden uns an einem Sommernachmittag vor ihrem Haus. Rita Vowe trägt einen weißen Hosenanzug, ihre Fingernägel sind sorgfältig manikürt, um den Hals trägt sie einen Türkisanhänger, sie hat leuchtend grüne Augen. Sie ist 82 Jahre alt. Sie bringt uns zu einer Sitzgelegenheit ein Stück die Straße hinunter. „Ein Traummann war mein Papa“, lautet einer ihrer ersten Sätze. Sie freut sich, als ich sage, dass sie offenbar nach ihm kommt.

Der geplatzte Traum

Als Kind wusste sie nicht, wer das ist, ihr Vater. „Meine Mutter hat mir kein Stück erzählt.“ Es gab kein einziges Foto von der kleinen Familie. Die Eltern hatten sich 1938 scheiden lassen. In manchen Quellen heißt es, Johann Trollmann habe seine Familie damit schützen wollen. Rita Vowe glaubt nicht, dass es so gewesen ist. Vielleicht stimmt das, vielleicht möchte sie es auch so sehen. Ihr Verhältnis zur Mutter, mit der sie in der Charlottenburger Dahlmannstraße wohnte, war schlecht. „Sie hat mich nicht gut behandelt“, sagt sie. Vierzehn oder fünfzehn sei sie gewesen, als ihre Tante ihr als Erste vom Vater erzählt hat. Es war ein Schock, in mehrfacher Hinsicht. „Mein Traum, dass er mich eines Tages holt, war geplatzt.“

Und von den Erwachsenen wusste sie nur: Zigeuner sind der letzte Dreck. Jetzt sollte das auch für sie gelten. „Das war ja aus den Köpfen nicht raus“, sagt sie. „Das ist ja heute noch so.“ Und es war doch auch eine Erklärung für vieles, nur eben keine erleichternde, keine heilende. Nur wusste sie jetzt, warum ihre Haut so braun war, die Haare so zottelig. „Die Zöpfe gingen ja immer auf.“

Wir sitzen uns auf zwei niedrigen Hockern unter einem Straßenbaum gegenüber, und Rita Vowe erzählt ihr Leben. Irgendwann fingen die Männer an, ihr hinterherzugucken. „Die fanden mich exotisch.“ Sie ging trotzdem auf Nummer sicher, sagte, ihr Vater sei aus Ungarn gewesen. „Ich hab ihn verleugnet.“ Irgendwann hörte sie, ihr Vater habe SS-Leute verkloppt. „Da fing ich an, stolz auf ihn zu sein.“ Mehr erfuhr sie nicht. Sie hat ihr Leben lang als Kellnerin gearbeitet, auch in der Küche, war zwei Mal verheiratet. Kinder hat sie keine. „Ich hatte als Kind die englische Krankheit“, sagte sie. Rachitis also, eine Erklärung möglicherweise.

Vor acht Jahren, sie war längst in Rente, lebte allein, klingelte ihr Telefon. „An einem Freitag war das.“ Am anderen Ende der Leitung war eine Frau aus dem Kreuzberg-Museum. „Ob ich wüsste, dass mein Vater ein guter Boxer war“, habe sie gesagt. Und: „Erschrecken Sie nicht, Ihre Familie sucht sie seit 20 Jahren.“ Die Museumsmitarbeiterin kam und brachte Fotos. „Es war, als ob ich ihn schon immer gekannt hätte, als ob er schon immer da war.“ Einen Tag später dann ein Anruf aus Hannover von der Familie väterlicherseits. Sie kam einen Tag später. Rita Vowe erfuhr: „Papa ist für alle Zigeuner ein Held.“ Auf meinen fragenden Blick hin sagt sie: „Wir unter uns sagen Zigeuner, wir empfinden das nicht als Schimpfwort.“

Eine neue Familie

Die neue Familie, das seien ganz gepflegte, arbeitsame Leute, die in ihren Häusern und Wohnungen leben, erzählt Rita Vowe. Dass sie das betont, zeigt, dass sie weiß, dass manche das nicht für selbstverständlich halten. Es ist eine perfide Wirkung von Vorurteilen, dass die, die von ihnen betroffen sind, sie mitdenken müssen.

Rita Vowe ist auch ein Beispiel dafür, wie heilsam die Aufarbeitung von Geschichte sein kann. Rita Vowe ist stolz auf die Gedenktafel in Kreuzberg. Sie schickt ein Bild des Meistergürtels, auch wenn es nur ein symbolischer ist. 2003 nämlich nahm der Bund Deutscher Berufsboxer Johann Trollmann nachträglich in die „Riege der Meister“ auf. Sie erzählt, dass es einen Johann-Trollman-Weg in Hannover gibt und einen Dokumentarfilm über sein Schicksal. Und es gibt sie selbst, die mitten in einem Theater ruft: „Das ist mein Papa.“ Rita Vowe kann endlich das sein, was jedes Kind in Hinblick auf seine Eltern sein möchte: stolz.

Und jetzt holt sie mit aller Kraft das nach, was sie fast ihr ganzes Leben lang nicht hatte: die Beziehung zu ihrem Vater. Im Juni schickt sie Bilder vom Gedenktag für die Roma und Sinti in Marzahn. Ein großes Herz aus weißen und rosa Rosen hat sie dort für ihn abgelegt. „Ich tue alles für meinen Papa“, sagt sie. Ihre Einzimmerwohnung in Kreuzberg ist ein Johann-Trollmann-Schrein, an der Wand über dem Bett hängen seine Fotos und an ihrem Kleiderschrank. „Da kriegt er jeden Morgen und jeden Abend ein Küsschen.“ Sie spreche mit ihm. „Und ich habe das Gefühl, er antwortet mir.“

Mit Knüppel tot geschlagen

Über die letzten Tage ihres Vaters weiß Rita Vowe ziemlich gut Bescheid. Er habe im Außenlager Wittenberge in Brandenburg mit Hilfe des Häftlingskomitees den Namen eines polnischen Häftlings angenommen. Sie hätten ihn retten wollen. Aber ein Kapo habe ihn erkannt. „Er hat ihn herausgefordert, und mein Vater hat ihn k.o. geschlagen.“ Warum Johann Trollmann das gemacht hat, obwohl er doch gewusst haben muss, dass das nicht gut für ihn ausgehen kann? „Das fragen wir uns alle“, sagt sie.

Ein paar Tage später schlug der Kapo Johann Trollmann mit einem Knüppel tot. Die beiden Häftlinge, die dabei waren, bezeugten es später. Johann Trollman genannt Rukeli wurde ein Opfer des Porajmos, wie Roma und Sinti den Völkermord in der Zeit des Nationalsozialismus nennen. Das Romanes-Wort bedeutet „das Verschlingen“. Auch „Zigeunermischlinge“ wurden verfolgt, vernichtet. Rita Vowe wurde während der Nazizeit versteckt. Wo, daran erinnert sie sich kaum. Es müsse auf dem Land gewesen sein. „Dort gab es Tiere.“

Sie zieht einen Ausweis aus ihrer Handtasche. Er belegt ihre Anerkennung als Hinterbliebene eines Verfolgten der NS-Zeit. Sie bekommt eine Ausgleichszahlung, ihr Neffe in Hannover hat das vor ein paar Jahren für sie beantragt. Es ist gut so. Von ihrer kleinen Rente könnte sie nicht leben. „Früher konnte mein Vater nicht für mich sorgen, aber jetzt tut er es.“

Dieser Satz ist auch ein Ausdruck für Ritas Vowes Sehnsucht. Sie hat sich in mancher Hinsicht auf tragische Weise erfüllt.