Berlin hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr gewandelt.
Foto: Andreas Gora/imago

BerlinDas ist nicht mehr mein Berlin, wie ich es kenne. Wenn ich auf die Straße trete, begegnet mir oftmals eine Aggressivität, eine Respektlosigkeit und ein Tempo, vor dem ich mich verstecken will. Diese Stadt will sich jeden Tag selber überholen. Die Menschen hier atmen hektisch ein - aber kaum wieder aus.

In einigen Stadtteilen ist Englisch mittlerweile Hauptsprache

Als ich vor 36 Jahren von Bremen nach Berlin zog, versprach diese Stadt Abenteuer, die in den darauffolgenden Jahren eingelöst wurden. Heute strahlt Berlin zwar nach außen eine wahnsinnige Hipness und Weltoffenheit aus. Aber sobald man diese Zuckergussglasur abzieht, trifft man auf Menschen, die frustriert sind, die sich in ihrer Heimat nicht mehr wohl fühlen, die sich in dieser Stadt nichts mehr leisten können und die die Sprache nicht verstehen, die auf dem Bürgersteig gesprochen wird.

BLZ/Tagesspiegel/BpB
30 Jahre Meinungsfreiheit

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, aus der geteilten Stadt wurde ein geeintes Berlin. Gemeinsam mit dem Tagesspiegel und der Bundeszentrale für politische Bildung feiern wir die Meinungsfreiheit – mit guten Argumenten und großen Debatten. 


Denn in einigen Stadtteilen ist Englisch mittlerweile die Hauptsprache. Dabei finde ich, dass Menschen, die in diese Stadt kommen, um hier einige Jahre zu leben, auch unsere Sprache lernen sollten. Die Veränderungen machen sich bemerkbar, dass äußert sich auch bei einigen Menschen in lautem und präsenten Verhalten. Anstatt sich in die gegebenen Strukturen einzufädeln, verändert sich die Stadt zu ihren Gunsten. Sie wird teurer, szeniger, plastischer.

Damals war in Berlin alles schlichter

Gleichzeitig findet ein Generationswechsel statt, der viele junge Menschen in diesen Kiez treibt. Sie suchen hier wahrscheinlich die gleichen Abenteuer, die ich hier früher auch vermutete, nur das sich das, worauf sie stoßen werden, grundlegend verändert hat. Weder Jobs, noch Wohnungen lassen sich hier einfach finden. Das verändert die Haltung der Menschen untereinander, weil sie zu Konkurrenten werden.

Ich würde meinen Platz sogar hergeben, wenn ich die Möglichkeit hätte, ein bezahlbares neues Zuhause zu finden. Dann würde ich in eine kleinere Wohnung im Grünen ziehen und einer Familie meine Altbauwohnung überlassen. Aber es ist unmöglich, eine neue Wohnung zu einem vergleichbaren Preis zu finden. Dass wir aufgrund der hohen Mietpreise so auf unseren Wohnraum festgenagelt sind, schränkt unsere Flexibilität und Weiterentwicklung ein.

Birgit M. ist Friseurmeisterin in Berlin.
Foto: Joana Nietfeld

Das war früher nicht so. Auch damals gab es hier auch eine internationale, aufregende Szene, doch eines spielte nie eine Rolle: Geld. Damals war ohnehin alles schlichter. Es ging um den Menschen an sich, nicht um die Socken oder Accessoires, die er trägt. Wenn ich heute sehe, wie sich viele Menschen damit schmücken, Lebensmittel in Unverpackt-Läden zu kaufen, hoffe ich, dass sich der Trend einer nachhaltigen Lebensweise etabliert und dabei aufhört, ein Trend zu sein. In meiner Kindheit war das keine Mode, sondern eine Selbstverständlichkeit mit Glasflasche zum Milchmann zu gehen.

Ich wünsche mir, dass diese ganze Stadt mal wieder innehält

Viele Menschen kommen in diese Stadt, weil sie ihnen Freiheit verspricht, das ist verständlich. Aber sie vergessen oftmals, dass zur Freiheit ein hohes Maß an Eigenverantwortung gehört und die Freiheit stets bei der Freiheit ihres Gegenübers endet. Freiheit wird im Moment häufig missverstanden: Sie wird mit Trinkspielen auf der Straße und Partys verwechselt. Die Menschen, die eben das hier suchen nehmen der Stadt mehr, als dass sie ihr geben. Dabei herrscht eine oberflächliche Weltoffenheit, die aber schnell an Wertigkeit verliert, sobald man den Bereich des Gegenübers betritt. Das ist so auf dem Wohnungsmarkt, im Straßenverkehr und im kulturellen Leben.

Was soll sich also ändern? Ich möchte, dass wir alle mal wieder durchatmen. Vielleicht sollten auch junge Menschen, die in dieser Stadt geboren sind, zuerst ein Anrecht auf einen Studienplatz haben und bevorzugt behandelt werden gegenüber Menschen, die nicht aus dieser Stadt kommen. Dass wir uns respektvoller behandeln, besonders in Kleinigkeiten, zum Beispiel im Straßenverkehr. Und ich wünsche mir, dass diese ganze Stadt mal wieder innehält, eine Bestandsaufnahme macht und sich fragt, wo es hingehen soll, sie sich regeneriert. Vielleicht kann sie dann auch wieder mein Zuhause werden. (Aufgezeichnet von Joana Nietfeld)