„Das Klima geht kaputt“: Schülervollversammlung an der Sophie-Scholl-Schule

Die Schülerschaft stimmte über verschiedene Forderungen zum Klimaschutz ab. Einige bezogen sich auf Unterrichtsinhalte, andere auf die bundespolitische Ebene.

Malte Grefe moderiert die Schülervollversammlung am Dienstag.
Malte Grefe moderiert die Schülervollversammlung am Dienstag.Maria Häußler

Ein Schüler, vielleicht zwölf Jahre alt, greift zum Mikrofon, und als es still ist, stellt er seine Frage: „Woher weiß man denn, dass das Klima kaputt ist?“ Manche im Publikum lachen, die Veranstalter aber erklären in wenigen Sätzen, dass Studien belegen, dass der Planet Erde sich durch den menschengemachten Klimawandel verändert und zunehmend unbewohnbar wird. Danach betonen sie, doch bitte „nur noch wichtige Fragen“ zu stellen. Die Zeit ist knapp bei der Präsentation an der Sophie-Scholl-Schule.

Die Aula der Schule in Schöneberg ist überbelegt. Hunderte zwölf- bis dreizehnjährigen Schüler reden, kreischen und rufen durcheinander. „Setzt euch einfach auf den Boden oder so“, sagt Malte Grefe, der die Veranstaltung moderiert. Das ist die erste Schülervollversammlung seit mindestens sieben Jahren an der Schule und gleichzeitig auch eine „alternative Klimakonferenz“. Obwohl die 1300 Schüler in drei Gruppen zu verschiedenen Zeiten in die Aula strömen, ist es sehr voll.

Drei Organisationen stellen ihren Einsatz fürs Klima vor, Ziel ist eine Abstimmung am Ende der Veranstaltung zu gemeinsamen Forderungen in einem offenen Brief. Sieben Schülerinnen und Schüler haben alles organisiert. Die Forderungen beziehen sich unter anderem auf die Unterrichtsgestaltung an der Sophie-Scholl-Schule: Teilnahme an Klimaprotesten ermöglichen, Klimaprojekttage und Umweltlehre als Fach. Aber auch auf die frühere Sanierung aller Schulen und den Lehrplan insgesamt. Deutschlandweit fordern sie ein 9-Euro-Ticket, die Enteignung großer Wohnungsgesellschaften, klimafreundliche Neubauten und die Streichung der Schulden des Globalen Südens.

Was haben Schulden mit Kolonialismus und Klima zu tun?

Dramatische Musik ertönt, ein Video zeigt weltweite Demonstrationen gegen G7, den International Monetary Fund und die World Bank. „Das hat mir am besten gefallen“, sagt die zwölfjährige Lu nach der Veranstaltung. „Es hat mich emotional berührt.“ Ihre Freundin hat den Vertreter der Organisation angesprochen und seinen Vortrag gelobt.

Esteban Servat bekommt stürmischen Applaus für seinen Vortrag über Kolonialismus.
Esteban Servat bekommt stürmischen Applaus für seinen Vortrag über Kolonialismus.Maria Häußler

Esteban Servat hält seine Präsentation über modernen Kolonialismus und Klimagerechtigkeit auf Englisch, Moderator Malte Grefe übersetzt frei. Servat musste aus Argentinien fliehen, weil er Klimaaktivist ist, sagt er. Seine Organisation konzentriert sich auf den Erlass von Schulden der Länder im Globalen Süden: Wegen dieser Schulden müssten sie westlichen Staaten weiterhin erlauben die fossilen Brennstoffe aus ihrem Boden zu holen.

Kolonialismus funktioniere heutzutage über Schulden statt Armeen, sagt Servat. Die Frage eines Schülers dazu lautet: „Wenn die Länder andere Länder ausnutzen, dann machen die doch was Illegales. Warum stoppt man das nicht?“ Servat muss lächeln. „Legal bedeutet nicht immer richtig“, sagt er. „Deshalb haben wir eine Klimakrise.“ Eine weitere Organisation informiert über die Flutkatastrophe in Pakistan und fordert ebenfalls Schuldenfreiheit.

Schulleiterin will manche Ziele umsetzen

Schulleiterin Juliane Westphal sagt der Berliner Zeitung, dass die Versammlung eine Initiative von Schülerinnen und Schülern sei. Lehrkräfte hätten ihr berichtet, dass die Veranstaltung gelungen war, und sie will einige der Forderungen in Gremien besprechen und umsetzen, wie regelmäßige Projekttage, Informationsveranstaltungen und das Thema in den Unterricht zu integrieren. Ein ähnliches Unterrichtsfach wie Umweltlehre gebe es ja schon, „Urban Gardening“. Andere Forderungen der Schüler, wie nach Solarzellen auf dem Dach, nennt sie „nicht umsetzbar“.

Dass die Schule nichts mit der Veranstaltung zu tun hat, wird spätestens klar, als die dritte Organisation „End Fossil: Occupy!“ sich vorstellt. Die Vertreterinnen rufen zur Besetzung der Schule auf: „Schöne Sofas in der Aula und Menschen, mit denen man übers Klima reden kann“, sagt Alex. „Hört sich das nicht toll an? Nehmen wir uns den Raum, den wir brauchen!“ Alex kritisiert auch die Macht von Konzernen, wie RWE, und die Politik, die in Lützerath gezeigt habe, dass die Klimaziele scheinbar doch nicht so wichtig sind.

Die Erklärungen zu den Forderungen gehen in einem Murmeln unter. Einige wollen schon aufstehen und gehen. Ein paar Lehrkräfte hindern sie daran. Auf den Abstimmungszetteln stehen die Nummern der Forderungen mit drei Kästchen daneben. Stichpunkte fehlen, um welche Forderung es sich jeweils handelt. „Ich hab überall ‚dafür‘ angekreuzt“, sagt Schülerin Lu, bevor sie in die U-Bahn steigt.