EitorfWenn eine graue Wolkendecke über der Raketenfabrik liegt, ist Gold ein eher glanzloser Effekt. Dann ist das, was Eisenpulver und Kohlemehl in etwa dreißig Metern Höhe veranstalten, kein sprühender Funkenregen mehr. Dann erinnert die an einem Nachmittag explodierende „Gold Rakete 2“ an einen müde verglimmenden Glühwürmchenschwarm. Feuerwerksartikel sind für die Dunkelheit gemacht. Sie sind grundsätzlich nachtaktiv.

Die Feuerwerksartikelhersteller in Eitorf, einer bei Bonn gelegenen Gemeinde, wo die Firma Weco ihren Hauptsitz hat, müssen das aber auch anders sehen. Vor allem hier, auf dem Abbrennplatz, achten sie darauf, dass die Chemie nach dem Anzünden stimmt oder die Raketen im richtigen Winkel fliegen; dass jedenfalls die Reklamationsquote im vertretbaren Promillebereich bleibt. Denn das ist kein Begrüßungsfeuerwerk, sondern ein für mich organisiertes Qualitätsschießen. Das findet immer tagsüber statt.

Hunderte Raketen zischen hier jede Woche in die Luft. Sechs bis sieben Millionen sind es jährlich, die aufgemantelt, angestabt, mit Schwarzpulver für den Antrieb und Bombetten für den Farbeffekt befüllt werden. Das Werk unterliegt strengen Sicherheitsauflagen. Die Produktionsplätze sind durch Stahlwände getrennt, vor der Bunkeranlage, wo knapp eine Tonne Explosivmasse lagern könnte, verläuft ein Schutzwall. Ein Jahr lang arbeiten hier über 200 Menschen daran, dass wir, falls wir es wollen, eine Nacht lang Spaß haben können.

Zwei pyro-befreite Zonen in Berlin

Doch diesmal wird es leiser zu Silvester. Der Verkauf von Feuerwerksartikeln ist bundesweit verboten, das Abbrennen der in Kellern oder Garagen oder sonst wo aufbewahrten Restbestände allenfalls geduldet, aber auch das nicht mehr überall. Hamburg und Niedersachsen haben sich zur pyrobefreiten Zone erklärt, in Berlin gilt das bislang für die Pallasstraße in Schöneberg und den Alexanderplatz. Viele Städte und Kommunen hadern noch, Lokalpolitiker taxieren das politische Gewicht der Branche. Bereits die Verbotsdebatte war existenzgefährdend. Nun drohen Insolvenzen.

Das Feuerwerksgeschäft war immer schon riskant, wie eine Wette auf die Zukunft, abgeschlossen mit bis zu vierzehn Monaten Vorlauf, abhängig auch von der Wetterlage an nur drei Verkaufstagen – diese Wette, sie ging trotzdem auf. Im vergangenen Jahr gaben die Deutschen 122 Millionen Euro für das Silvesterfeuerwerk aus. Doch die fetten Jahre sind auch für den Marktführer in Eitorf vorbei.

Seit einiger Zeit formiert sich der Widerstand gegen das große Knallen: Klimaaktivisten und andere politische Meinungsmacher wie die Deutsche Umwelthilfe sind dagegen. Und jetzt grassiert auch noch das Coronavirus. Die Pyroskeptiker nutzen die Pandemie dazu, Feuerwerke zu ächten, endgültig zu verbieten - so sehen sie das in der Branche. Dazu müsste das Sprengstoffgesetz verändert werden, das regelt, wo das Abbrennen von pyrotechnischen Gegenständen untersagt werden kann, das aber eben noch kein generelles Verbot ermöglicht.

In diesem Jahr wird Weco erst zum zweiten Mal in der Unternehmensgeschichte ein dickes Minusgeschäft machen. Das erste Mal? 2004, nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder dazu aufgerufen hatte, auf Feuerwerk zu verzichten und für die Opfer der Tsunami-Katastrophe zu spenden. Über all das will ich mit dem Chef sprechen. Er wartet schon. Nach drei Raketen und einem Vulkan ist das Feuerwerk zu Ende.

Wäre ich erst seit drei Jahren im Geschäft, wäre ich panisch oder längst an einem Herzinfarkt gestorben.

Thomas Schreiber, Chef der Feuerwerksartikel-Firma Weco

Thomas Schreiber, 58, rheinischer Singsang, trägt Bürstenschnitt, Daunenweste und Silberringe, er arbeitet seit bald drei Jahrzehnten für Weco. Gesucht wurde ein „Assistent der Geschäftsleitung in der Konsumgüterindustrie“, und als Schröder die Stellenausschreibung sah, dachte er an Schokolade oder Gummibärchen. Zuvor hatte er mit Stahl und Aluminium zu tun. Damals wusste er noch nicht, dass Feuerwerk ein Grundbedürfnis sein kann und wie viele Freunde, Liebhaber und Freaks die Pyrowelt in ihrer Faszination eint. Dazu all die Gelegenheitszündler, eine schweigende Minderheit, Menschen wie ich, die einmal im Jahr eine Rakete steigen lassen.

Heute weiß Schreiber nicht, mit welchen Verlusten er die zu Zweidritteln ausgelieferte Ware zurückholen muss, ob er seine Firma überhaupt noch retten wird. Hilfsgelder sind für die Feuerwerksbranche bislang nicht vorgesehen. „Wäre ich erst seit drei Jahren im Geschäft“, sagt er, „wäre ich panisch oder längst an einem Herzinfarkt gestorben.“ Für Schreiber ist Föderalismus ein Flickenteppich, ein rechtlich unsicherer und wirtschaftlich unzuverlässiger Boden unter seinen Füßen.

Und so sitzt er jetzt im Showroom, 800 Quadratmeter, 1600 nach Themen sortierte Artikel: Raketen, Vulkane, Böller oder Batterien, die „Midnight Madness“, „Detonator“, „Monster Hunter“ heißen. Schreibers Liebling: „Tanz der Vampire“, Kaliber 30 Millimeter, Effekthöhe 55 Meter, Schussanzahl 12, Brenndauer 20 Sekunden, Nettoexplosivstoffmasse 0,12 Kilogramm. In der Produktbeschreibung steht: „Großkalibrige Bombette mit brillant-rotem Blinkbukett und kräftigem Knall“. Schreiber sagt: „Wie ein Blutstropfen, der vom Himmel runterkommt.“ Zurzeit wären Tränen passender. Und natürlich findet sich auch „Tears in Fire“ im Sortiment.

Keine Großfeuerwerke in Zeiten der Ansteckung

In der Silvesternacht explodieren nicht nur Feuerwerke, sondern auch die Erwartungshaltungen an das neue Jahr. Früher wurden böse Geister vertrieben, heute sind es schlechte Angewohnheiten, quälende Erinnerungen oder eben ein Virus, das uns zwingt, unsere Zukunft in lockeren und weniger lockeren Auflagen zu denken.

Schreiber hoffte noch vor wenigen Wochen darauf, dass die Deutschen dieses beschissene 2020 mit einem irgendwie trotzigen Knall beenden werden. Er nennt es: „Den Frust rausballern.“ Wollte er dieses Mal auch, in einer kleinen, verantwortungsvoll distanzierten Runde, nach all den leisen Silvesternächten, die er sich nach getaner Arbeit gegönnt hatte in den vergangenen Jahren.

Großfeuerwerke gab es ohnehin nur wenige in Zeiten der Ansteckung. Abgesagt die „Pyronale“ in Berlin, die „Feuerwerksinfonie“ in Potsdam, zum ersten Mal seit dem spanischen Bürgerkrieg auch die „Fallas“ in Valencia, ein wochenlanger Karneval mit sehr viel Feuerwerk und haushohen Puppen, die in der letzten Nacht abgebrannt werden.

Schreibers Hoffnung lässt sich zurückdatieren auf den vergangenen August, als die traditionell knallfreudigen Schweizer ihren Nationalfeiertag und das Leben an sich mit so vielen Feuerwerken zelebrierten, dass Wecos Umsatz im Nachbarland gleich um ein Drittel stieg. Mitte November, nach dem generellen Verbot in den Niederlanden und den immer schärferen Verbotsforderungen in Deutschland, ahnte er: „Wir schwanken zwischen einem und zwei blauen Augen.“ Jetzt droht der Knockout.

Foto: dpa/Paul Zinken
Silvesterhimmel über der Oberbaumbrücke. 

Der Naturdichter Friedrich Hebbel beklagte in seinem Tagebuch: „Das Publicum beklatscht ein Feuerwerk, aber keinen Sonnen-Aufgang.“ Schreiber erklärt: „Die Leute bekommen eine romantische Ader.“ Er hat Freunde, die mitten in ein Feuerwerk wie „Rhein in Flammen“ oder „Kölner Lichter“ ihren Heiratsantrag platzierten. Oben die Farben, der Knall, unten die vielen Ahs und Ohs, dazwischen ein Ja, die Poesie des Augenblicks. Für spätere Hochzeiten bietet Weco das Batteriefeuerwerk „2 Hearts“ an. Notfalls auch den „Dauerbrenner“, der immerhin 160 Sekunden brennt.

Seit Hebbel hat die Natur noch stärker unter Missachtung gelitten, und auch das Pyropublikum ist ein anderes geworden. Als Schreiber Ende der Neunziger vom Assistenten zum Geschäftsführer in Eitorf aufgestiegen war, zählten vor allem Jugendliche und junge Männer zu seinen besten Kunden. Heute ist die Zielgruppe nach wie vor männlich geprägt, aber zwischen 40 und 60 Jahre alt. Wobei es seit ein paar Jahren einen aus Großbritannien importierten Trend gibt: Immer mehr Frauen feiern Trennungen oder Scheidungen mit einem Feuerwerk. Aus dem Sortiment von Weco kommen da allenfalls „Falling Angel“ und „Highway to Hell“ in Frage.

Bevor Schreiber in ein heiratsfähiges Alter rutschte, hat er das getan, was auch Generationen nach ihm nicht lassen konnten: Böller in Unterführungen zünden (hab ich auch), Böller in die Kanalisation werfen (ähm, ja), mit Böllern Briefkasten sprengen (nein), selbst Böller basteln (bloß nicht). Für die einen sind das Jugendsünden, halbstarke Versuche, die Gefahrengrenzen auszuloten. Für andere beginnt hier toxische Männlichkeit, die dann in einer Traditionslinie steht mit den – wie es immer in Verkennung anderer Realitäten heißt – bürgerkriegsähnlichen Zuständen in deutschen Innenstädten.

Liest man sich durch die Foren auf feuerwerk.net oder hört den Podcast von „fireworksandballoons“, dann löst sich diese Linie auf. Hier tauschen sich die Menschen aus, die natürlich wütend sind über die aktuelle Beschlusslage, diese als willkürlich empfinden. Aber recht bald kommen die Aufrufe, jetzt bloß die Hände stillzuhalten, nicht zu zünden, abzuwarten in der Hoffnung, dass die Lobbyarbeit im Hintergrund noch etwas bringt.

Was ist mit Müll, Lärm, Verletzungen, dem Feinstaub?

Der Forenbetreiber Markus Klatt sagt mir am Telefon: „Wir sollten uns besonders in diesen Zeiten vielleicht wieder die Schönheit einer in weiten Bevölkerungsteilen immer noch geliebten Tradition bewusst machen, anstatt sie übertrieben zu kritisieren.“ Im Podcast mahnt der Chef des Online-Großhändlers Pyroland: „Verhaltet euch vernünftig, egal, was passiert, trefft keine Leute, macht keinen Schwachsinn. Aber das gilt eigentlich schon immer.“

Für Thomas Schreiber sind das gerade anstrengende Tage. Er ist ja nicht nur der Geschäftsführer von Weco, er ist auch der Vorsitzende des Verbandes der pyrotechnischen Industrie. Früher war das eine Runde, die zweimal im Jahr zusammenkam, und im Grunde ging es nur darum, die Konkurrenz am Tresen auszuhorchen. „Wer am meisten verträgt, hat am meisten rausbekommen“, sagt Schreiber. Und grinst so, dass ich es wohl richtig verstehe.

Der Verband betreibt inzwischen eine hartnäckige Lobbyarbeit. Schreiber kennt die entscheidenden Türklinken in Berlin, pflegt enge Kontakte zum Innenministerium, füttert die richtigen Arbeitskreise mit Informationen. Ein Verkaufsverbot konnte der Verband trotzdem nicht abwenden. Vielleicht auch, weil die Branche an gesellschaftlicher Akzeptanz verloren hat und so manche Tür inzwischen verschlossen bleibt. Hersteller haben es mit vier großen Vorbehalten zu tun, auf die Schreiber mit einem, nun ja, Verteidigungsfeuerwerk reagiert.

Erstens Müll: „Die Zahlen, die kolportiert werden, beziehen sich auf die Gesamtmenge, die in der Silvesternacht produziert wird und nicht nur auf die ausgebrannten Feuerwerkskörper. “ Zweitens Lärm: „Ja, aber im gesetzlich zugelassenen Rahmen.“ Drittens Verletzungen: „Wie beim Müll, man fasst die Gesamtzahl an Einsätzen zusammen, dabei haben nur fünf Prozent mit Feuerwerk zu tun.“ Und viertens Feinstaub: Da hat die Pyrobranche eine selbst vom Bundesumweltamt anerkannte Studie vorgelegt, wonach sie nur ein Drittel der zuvor behaupteten Emissionen verursacht. „Das hat aber kaum Schlagzeilen gemacht.“

Im Grunde gibt es keinen rationalen Grund, ein Feuerwerk zu zünden. Auch keinen, sich am zweiten Weihnachtsfeiertag mit Zelt und Grill und Glühwein auf dem Werksgelände in Eitorf einzufinden, um zwei Nächte später ganz vorne in der Schlange zu stehen, wenn Weco seine Überraschungspakete verkauft. Pyrofreunde tun es trotzdem. Normalerweise. Außer in diesem Jahr.