Das Lied „Kleine weiße Friedenstaube“ machte Erika Schirmer bekannt.

Zweimal im Jahr, einmal im Frühjahr, einmal im Herbst, pflegte die ansonsten recht egalitäre DDR-Gesellschaft plötzlich wieder in zwei nahezu gleichgroße Klassen zu zerfallen.

Jeder erwachsene Bürger gehörte dann entweder zur Klasse der Prämierten oder zur Klasse der Deprimierten – so viele Medaillen und Ehrenzeichen wurden pünktlich zum 1. Mai und zum 7. Oktober unters Volk gebracht.

Besonderes Datum der Verleihung

Nun ist die DDR zwar Geschichte, doch wie es der Zufall will, wird gerade am Vorabend ihres einstigen Republikgeburtstages eine Volkskünstlerin mit einem Orden geehrt, die auf den ersten Blick auch irgendwie in die DDR-Schublade zu gehören scheint.

Und mit Bodo Ramelow ist es ein Politiker der auch noch irgendwie mit der DDR assoziierten Linkspartei, der ihr an diesem Donnerstag in Erfurt im Auftrag des Bundespräsidenten die Ehrung überreicht.

Erika Schirmer heißt die Frau, und sie erhält das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland – einen Orden also, den in der einen oder anderen Stufe vor ihr schon weitere 250.000 Bundesbürger erhielten, aber das nur nebenbei.

Die Melodie ist kinderleicht

Geehrt wird die heute 90-Jährige vor allem für ein Werk, das sie schuf, als sie kaum 22 war. Es ist ein kleines, schlichtes Lied, vier Strophen mit je vier kurzen Zeilen nur, und die Melodie ist so einfach, dass jedes Kind sie auf Anhieb im Gedächtnis behält. „Kleine weiße Friedenstaube“, heißt es, die Inspiration dazu hatte Picassos weltberühmte Zeichnung gegeben.

Die damalige Kindergärtnerin und spätere Sonderschulpädagogin, die 1926 in der Nähe von Grünberg in Schlesien zur Welt gekommen war, sprach jedoch aus eigenem Erleben, als sie reimte: „Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier, dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir.“

Youtube-Video für Westdeutsche und nachgewachsene Gesamtdeutsche

Wenn es einen Ostdeutschen über 30 geben sollte, der das Lied nicht selbst irgendwann im Kindergarten oder in der Schule gesungen hat, möge er sich bitte melden. Westdeutsche und nachgewachsene Gesamtdeutsche können gegebenenfalls mit der Hilfe von Youtube ihre Bildungslücke füllen. Und dann den Kita-Erziehern oder Musiklehrern ihrer Kinder oder Enkel einen kleinen Tipp geben.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, sei an dieser Stelle noch einmal festgehalten, dass gewiss nicht jedes Lied, das die Kinder zu DDR-Zeiten in den Schulen lernten, heute geeignet wäre, die Erziehung neuer Generationen zu befördern.

Erika Schirmers kleine weiße Friedenstaube ist es aber ganz bestimmt. Und wenn ihr Lied künftig wieder häufiger in dem einen oder anderen Liederbuch auftauchen sollte, wäre das noch besser als jede Ordensverleihung.