Juso-Chef Kevin Kühnert unterstützte Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans.
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BerlinEs ist eine der bemerkenswertesten Szenen aus den 23 SPD-Regionalkonferenzen. „Wir werden noch nicht mal dem heiligen Kevin gehorchen, weil wir unseren eigenen Kopf haben“, wirft Gesine Schwan dem Kandidatenduo aus Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans an den Kopf. Der „heilige Kevin“, damit ist Juso-Chef Kevin Kühnert gemeint. Und Schwan, 76 Jahre alte Politikwissenschaftlerin und Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, will Esken und Walter-Borjans damit sagen: Ihr seid gar nicht richtig unabhängig, ihr macht doch im Zweifel das, was der Juso-Vorsitzende von euch verlangt.

Eines ist klar: Esken und   Walter-Borjans – mit 53,06 Prozent die Sieger in der Stichwahl der Mitgliederbefragung gegen Vize-Kanzler Olaf Scholz und die Brandenburgerin Klara Geywitz – wären ohne die Unterstützung von Kevin Kühnert wahrscheinlich nicht Parteichefs geworden. Es ist das machtpolitische Meisterstück Kühnerts, zwei Kandidaten durchgebracht zu haben, die noch bis kurz vor Beginn der Regionalkonferenzen niemand auf dem Zettel hatte.

Denn viele in der Partei hatten im Sommer darauf gewartet, ob Kühnert – prominentester GroKo-Kritiker in der SPD – selbst ins Rennen zieht. Doch der Juso-Chef schreckte zurück. „Kandidieren sollte man nur mit der klaren Überzeugung, das Amt im Erfolgsfall auch mit aller Konsequenz ausfüllen zu wollen und zu können“, sagte Kühnert damals.

Kühnerts Favoritenteam

Ohne eine Kandidatur Kühnerts drohten die zahlreichen Kandidaturen linker Teams sich gegenseitig die Stimmen wegzunehmen. Das hätte, so damals die Analysen, bedeuten können, dass mit Scholz/Geywitz und dem Duos aus Boris Pistorius und Petra Köpping zwei vergleichsweise konservative Teams das Rennen unter sich ausmachen. Kühnert wollte das verhindern. Er erklärte seine Unterstützung für Walter-Borjans und Esken und organisierte auch eine entsprechende Empfehlung des Juso-Bundesvorstandes.

Das und die Unterstützung großer Teile der NRW-SPD brachten Walter-Borjans und Esken die Rolle des Favoritenteams auf dem linken Flügel ein. Walter-Borjans, der während seiner Zeit als Finanzminister in Nordrhein-Westfalen mit gekauften Daten-CDs Jagd auf Steuersünder gemacht hatte, wurde in der öffentlichen Wahrnehmung zum Anti-Scholz. Auf den Regionalkonferenzen stellten viele Jusos Walter-Borjans und Esken freundliche Fragen – und anderen Teams kritische.

Das trug die beiden durch die Regionalkonferenzen – und das, obwohl sich auch in dem Jugendverband die Begeisterung über die Auftritte von Esken und Walter-Borjans auf den Regionalkonferenzen in Grenzen hielt.

Der Sieg der Underdogs Walter-Borjans und Esken ist damit nicht nur Ausdruck davon, wie satt es viele Mitglieder haben, dass ihre Partei in der großen Koalition Kompromisse macht. Er ist auch ein Zeichen davon, dass es noch nie einen Juso-Vorsitzenden gab, der in seiner Amtszeit so einflussreich war wie Kevin Kühnert. Andrea Nahles, die letzte wichtige Juso-Vorsitzende vor dem Berliner, war es nicht. Der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder war als Juso-Chef machtpolitisch ein Nobody im Vergleich zu Kühnert und seinem heutigen Einfluss.