15.04.2020, China, Wuhan: Medizinisches Personal des Militärs salutiert vor dem Huoshenshan-Krankenhaus.
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Peking/WashingtonVirologen streiten seit einigen Jahren über die Risiken der hochmodernen Forschung zu Krankheitserregern in internationalen Laboren wie in Wuhan. Soll man so genannte Hybrid-Viren in Laboren züchten? Oder besser nicht? Die Kontrahenten in dieser Kontroverse melden sich auch jetzt in der Debatte über den Ausbruch der Corona-Pandemie in Wuhan zu Wort. Begann die Verbreitung des Virus auf einem Fischmarkt der chinesischen Stadt? Oder etwa in einem der Labore? So lautet die entscheidende Frage.

Um Hybrid-Viren zu schaffen, kombinieren Wissenschaftler natürlich vorkommende Viren, unter anderem Grippeviren, mit anderen Viren, zum Beispiel Vogelgrippeviren. Durch die genetische Neukombination, wie sie auch in der Natur stattfindet, entstehen mitunter noch gefährlichere Virenstämme. Dies kann auch Coronaviren betreffen. Virologen wollen testen, ob solche Hybrid-Viren in menschlichen Zellkulturen gedeihen können. Denn solche Vorgänge können verheerende Pandemien auslösen. Manche Virologen halten diese Forschung deshalb für wichtig. Sie wollen die Menschheit vor bestimmten Viren warnen und bewahren. Andere dagegen meinen, dass das Risiko dieser Forschung höher sei als der Nutzen.

In diesen Corona-Krisenwochen prägen diese beiden Haltungen gegenüber der „Gain of Function“ oder Funktionsgewinn-Forschung die Debatte über die Labore in Wuhan. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Arbeit der 55-jährigen Virologin und Fledermaus-Forscherin Shi Zhengli, die seit dem Ausbruch der Sars-Epidemie vor 15 Jahren die Öffentlichkeit über verschiedene von Fledermäusen verbreitete Krankheiten informiert hat. Shi weiß Kollegen an ihrer Seite, die sie verteidigen, vor allem Peter Daszak von der EcoHealth Alliance in New York, der gemeinsam mit Shi 2013 einen Aufsatz schrieb und im renommierten Journal Nature veröffentlichte. Andere Wissenschaftler wie der Mikrobiologe Richard Ebright , der seit Jahren ein erklärter Gegner der Forschung mit Hybrid-Viren ist , kritisieren Shi. Sie sagen, dass eine Panne im Labor durchaus der Grund für den Ausbruch der Corona-Epidemie sein könnte. Ebright erwähnte in diesem Zusammenhang fatale Laborfehler in vier Fällen in den Jahren 2003 und 2004, als sich Menschen in Singapur, Taiwan und China im Rahmen mit dem Sars-Virus infiziert hatten.

In der chinesischen Stadt Wuhan befinden sich mehrere virologische Institute mit besonderen Sicherheitsstufen und große Virus-Archive. Auf Basis der Kenntnis dieser Sammlungen konnte Shi schon früh im Verlauf der Corona-Pandemie bekanntgeben, dass das Virus eine 96 Prozent hohe genetische Ähnlichkeit mit einer Virenprobe besaß, die sie 2013 aus einer Höhle im südchinesischen Yunan mitgebracht hatte. Sie versicherte allerdings, dass sie dieses Virus nicht im Labor weitergezüchtet habe. Im Jahr 2014 hatte sie in Nature einen Artikel über ein anderes Hybrid-Virus, das Mäuse krank gemacht hatte, veröffentlicht. Deswegen wurden Shi und ihre internationalen Kollegen von Wissenschaftlern wie Ebright oder Simon Wain-Hobson vom Pariser Pasteur-Institut heftig kritisiert. Im Jahr 2014 erklärte die US-Regierung ein Moratorium für die Finanzierung von Forschung mit hybriden Krankheitserregern.

In der Zwischenzeit ist Shi in China zu einer Berühmtheit geworden. Im Jahr 2018 hat sie in einem TED-Talk erklärt, unter welch schwierigen Bedingungen sie Fledermaus-Proben aus Höhlen genommen habe. Sie habe durch sehr enge Höhlen-Passagen kriechen müssen, und es habe ihr geholfen, dass sie so schlank sei. In den vergangenen Wochen jedoch, in denen in Wuhan spekuliert wurde, dass Wissenschaftler von Fledermäusen gebissen worden seien, behaupteten die Verteidiger von Shi, dass deren Arbeit eigentlich nur im Labor stattfinde. Was Shis eigenen Ausführungen also widerspricht.

Die US-Botschaft in Peking hat im Jahr 2018 in zwei Depeschen vor Sicherheitsmängeln in den Wuhan-Laboren gewarnt. US-Experten hatten damals die Wuhan-Labore besucht, darunter Rick Zwitzer, der amerikanische Wissenschafts- und Technologiebeauftragte in China. Sie besuchten das Wuhan Institute of Virology, das seit 2015 Chinas erstes Hochsicherheits-Labor ist. Die Gesandten kritisierten die Sicherheit in den diversen Wuhan-Laboren scharf. Die Depeschen aus der US-Botschaft in Beijing waren nicht klassifiziert und liegen jetzt Journalisten der Washington Post vor. Zur Zeit kursieren sie in den offiziellen Kreisen Washingtons. Chinesische Behörden hatten damals, als auch in Wissenschaftskreisen das Thema debattiert wurde, dementiert, dass es Sicherheitsmängel gebe, und hervorgehoben, dass ihre Labore jedes Erdbeben überstehen würden.

Die Möglichkeit einer Labor-Panne, die einen Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie haben könnte, wurde in der aktuellen Krise zuerst in Wuhan selbst erörtert. Die Debatte wurde von den chinesischen Behörden allerdings unterdrückt. Im Januar und im Februar 2020 gab es Spekulationen von lokalen Ärzten, Journalisten und Wissenschaftlern, die ihre Kritik teilweise öffentlich machten, als klar war, dass nicht alle Covid-19-Patienten mit dem Markt in Wuhan zu tun hatten. Botao Xiao von der Südchinesischen Universität für Technologie hat im Februar ein Papier veröffentlicht, in dem steht, es sei wahrscheinlich, dass das Virus aus einem Labor in Wuhan stamme. Er berichtete, dass Wissenschaftler dort oft von Fledermäusen gebissen würden. Am 26. Februar hat er dieses Papier, inzwischen international bekannt, als bloße „Spekulation“ bezeichnet und zurückgenommen.

Shi selbst hat einen Artikel zur Verteidigung ihres Labors geschrieben, der in einem chinesischen Parteiorgan veröffentlicht wurde. Dem amerikanischen Wall Street Journal, das jüngst um ein Interview bat, sagte sie ab.