Demonstranten bei einer Mahnwache in Schwerin, Mecklenburg-Vorpommern
Foto: dpa/Jens Büttner

BerlinParadoxien sind eine seltsame Sache. Das ist auch in Zeiten der Corona-Pandemie so. Solange die Furcht vor der Krankheit groß ist und die Maßnahmen streng sind, geht alles irgendwie. Die Menschen sind hilfsbereit und verstehen die Gründe für den Lockdown. Sie mögen ihn nicht, aber nachzuvollziehen ist er. Sobald jedoch die Lage besser wird, weil die Maßnahmen funktionieren, werden sie infrage gestellt. Das ist paradox. Und auch, dass, sobald Erleichterungen kommen, die Leute missgestimmter werden. Je mehr Lockerung, desto unzufriedener. Das ist verständlich, ja auch – auf paradoxe Weise – logisch, denn die Ungerechtigkeiten werden sichtbar, die alten wie die neuen. Schwer, sich darin zurechtzufinden. Schwer, die Fassung zu behalten, bei all den Sorgen und Ungewissheiten.

Lange war von den Rechtsextremen nichts zu hören. Echte Sorgen überdeckten deren Demagogie. Die Leute orientierten sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen, an der Ehrlichkeit der Politik, auch zugeben zu können, dass vieles ungewiss ist, dass Irrtümer möglich sind, dass man trotzdem nach bestem Wissen handelt. Das hat funktioniert. Der Respekt für Wissenschaft, der Respekt vor Politik erlebt eine Renaissance. Doch nun, wo sich die Dinge deswegen zum Besseren entwickelt haben, kommen sie wieder zusammen: Neben den klassischen Querfrontleuten, die irgendwann vielleicht links waren und heute komplett ins Surreale abgedriftet sind, sehen wir die Verschwörungstheoretiker und Corona- und Klimaleugner, die Prepper, Reichsbürger, die linken Kulturpessimisten, die so gern in Untergangsphantasien schwelgen, die Impfgegner und alle anderen, die nichts schlimmer finden als die „jüdische“ Schulmedizin, wie es mitunter Esoteriker ausdrücken.

Die „Hygienedemos“ oder die neue Bewegung „Widerstand2020“ sind ein Biotop der Paradoxien. Da sind die älteren Herren von Pegida oder AfD, die sich nichts sehnlicher wünschen als das Ende der liberalen, offenen Gesellschaft. Ausgerechnet sie schreien: „Diktatur!“. Paradox – wie Prepper, die sich voll ausgestattet auf den Weltuntergang vorbereiten und sich über Hamsterkäufe beklagen, oder Leute, die schreiben und sagen können, was sie wollen, und es nutzen, um ständig Zensur zu beklagen. Wissenschaftsfeindlich sind sie, gegen jede Art von Evidenz, frei von aufgeklärtem Denken und Handeln und zutiefst antisemitisch. Das gehört zum Betriebssystem aller Verschwörungsprogramme. Da wird Hass auf die Moderne geschürt, weil sie wie die Demokratie unzulänglich ist, und Hass auf Gruppen und Institutionen, auf Schuldige „da oben“.

Überall finden gerade solche Demos statt, auf der Straße oder drinnen an den Rechnern. An manchen Orten laufen Nazis vom 3. Weg oder Pegida, an anderen sind die Demos gemischt. Der Wahn kennt keine politischen Lager, ihn einen die Paradoxie des Wahnhaften, Aberglaube, die Verleugnung von Realität, Widerstand gegen jede Erkenntnis und Unwille, Konflikte zu sehen und sich auf sie einzulassen. Immer ist irgendwer schuld.

Ich wünschte, es gäbe ein Mittel, sich gegen die Ansteckungsgefahr von Verschwörungstheorien und anderen Irrationalitäten zu schützen. Trotzdem ist es wichtig zu versuchen, mit Wissen und Vernunft gegen solchen Wahn anzutreten. Vielleicht kann man ihn weniger ansteckend machen, wenn man erklärt, wie er funktioniert. Paradox, oder?