Es gibt kein Foto vom Bundestagsabgeordneten Jakob Mierscheid. So könnte er aussehen - oder aber auch ganz anders. 
Foto: Getty Images/Vetta

BerlinEinmal, so schien es, reichte es ihm. Im Jahr 2005 war das. Da ging das Gerücht um, Jakob Maria Mierscheid sei aus der SPD ausgetreten. Er strebe, so hieß es, eine zweite Karriere bei den Linken an. War natürlich alles gelogen. Die SPD-Fraktion dementierte auch prompt.

Eine SPD ohne Mierscheid? Das ist schon lange nicht mehr denkbar. Dabei behaupten böse und besonders hartnäckige Zungen immer noch, Jakob Mierscheid sei nur ein Phantom. Erfunden aus einer Laune heraus von den drei SPD-Bundestagsabgeordneten Dietrich Sperling, Karl Haehser und Peter Würtz.

Am Rande einer Haushaltssitzung hätten die Abgeordneten den Kollegen am 11. März 1979 ersonnen, um den verstorbenen Genossen Carlo Schmid zu ehren – und den Betrieb gleichzeitig ein wenig aufzulockern, in einer Zeit, in der es in der Bonner Republik wenig zu lachen gab. Es stimmt schon: Jakob Mierscheid macht sich rar. So richtig gesehen hat ihn auch noch niemand. Das liegt daran, dass Mierscheid immer sehr beschäftigt ist. So beschäftigt, dass er auch nicht anwesend war, als der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert ihn anlässlich seines 80. Geburtstages am 1. März 2013 im Parlament öffentlich würdigte. Einen „geschätzten und gelegentlich verzweifelt gesuchten Kollegen“ nannte Lammert den Sozialdemokraten. Und betonte sogleich, Spekulationen, dass es Mierscheid gar nicht gebe, seien durch zahlreiche Fundstellen in der Literatur widerlegt.

Bundestagspräsident Norbert Lammert gratuliert am 1. März 2013 dem (abwesenden) Bundestagsabgeordneten Mierscheid zum 80. Geburstag

Es muss zermürbend sein, ständig in seiner Existenz angezweifelt zu werden. Gerne möchte man Mierscheid persönlich danach fragen. Doch trotz großer Bemühungen kommt kein Treffen zustande. Das ist enttäuschend, aber nicht wirklich überraschend. Mierscheid ist keiner, der sich in den Vordergrund drängt. Man könnte ihn auch als scheu bezeichnen. „Er ist extrem uneitel, immer auf die Sache konzentriert, sachlich, unbestechlich.“ So beschreibt ihn einer, der es wissen muss. Friedhelm Wollner, ehemaliger Büroleiter des Staatssekretärs Sperling im Bauministerium und späterer Geschäftsführer der SPD-Fraktion, ist immer schon Weggefährte Mierscheids. Kaum einer kennt ihn so gut wie Wollner.

Immer wieder heißt es, Wollner sei der eigentliche Erfinder der Figur Mierscheid. Tatsächlich weiß Wollner verdächtig gut über Jakob Mierscheid Bescheid. Auch über dessen persönlichen Werdegang kann er Auskunft geben.

Geboren wurde Jakob Maria Mierscheid am 1. März 1933 in Morbach im Hunsrück in Rheinland-Pfalz. Er ist, so weiß Wollner zu berichten, ein Nachfahre von Johannes Bückler, der Ende des 18. Jahrhunderts als der Räuber Schinderhannes berühmt und berüchtigt wurde. Und in Morbach selbst ist man besonders stolz auf den berühmten Sohn der Stadt. Seinen 80. Geburtstag feierte der ganze Ort.

Vater von vier Kindern und Taubenzüchter

In einem Interview mit der taz war zu lesen, dass Mierscheid Vater von vier Kindern und überdies leidenschaftlicher Taubenzüchter sei. Darüber hinaus ist über sein Privatleben nicht viel bekannt. Er macht lieber durch Taten von sich reden. Es kümmert ihn auch wenig, wenn er als „Archetyp des Hinterbänklers“ bezeichnet wird. „Ohne Hinterbänkler gäbe es keine erste Reihe“, hat er dem Behörden-Spiegel gesagt. „Es müssen auch welche arbeiten.“ In die Tagespolitik mischt er sich natürlich  ein, wie etliche Statements beweisen, die er – wohl auch aus Zeitgründen – in der Regel schriftlich verbreiten lässt. Im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise mahnte Mierscheid zur Besonnenheit – schließlich seien Preußen und Berlin nur mit der Hilfe von holländischen Handwerkern, russischen Sängern, kroatischen Arbeitern und Menschen aus vielen anderen Nationen überhaupt entstanden. Sogar Sachsen habe man erfolgreich integriert. Nur mit den Schwaben hapere es bis heute.

Mierscheid ist ein Überlebender jener Bonner Republik, die Ende der 70er-Jahre nach dem RAF-Terror und der beginnenden Nachrüstungsdebatte ziemlich düstere Zeiten erlebte, mit einem wenig zu Scherzen aufgelegten SPD-Kanzler Helmut Schmidt an der Spitze. Da empfanden viele das Augenzwinkern, das die Auftritte Mierscheids begleitete, als eine seltene, willkommene Leichtigkeit im politischen Alltagsgeschäft. Und das funktioniert bis heute.“ 

Holger Schmale, Journalist

Sollte Jakob Mierscheid wirklich erfunden sein, dann wäre er ein wunderbares Medium der Ehrlichkeit. Oder, wie Friedhelm Wollner es ausdrückt, „eine Möglichkeit, sanktionsfrei Bosheiten zu verbreiten“. Seine absolute Offenheit ist Mierscheid auch schon auf die Füße gefallen. So soll er vom einstigen SPD-Fraktionschef Franz Müntefering eine Abmahnung kassiert haben, nachdem er „Ulla Schmidt“ als Unwort des Jahres vorgeschlagen hatte. Mierscheid wird seine Gründe gehabt haben. „Er ist ein Mahner“, sagt Wollner. „Er spricht aus, was andere nicht zu sagen wagen.“ Gleichzeitig sei er der Idealtyp eines sachorientierten, zurückhaltenden Politikers. „Erst nachdenken, dann reden – das ist ein Motto, das Mierscheid immer beherzigt hat“, sagt Wollner.

Jakob Mierscheid für vier weitere Jahre im Bundestag?

Es bleibt die ewige Frage, ob Jakob Mierscheid auch in der nächsten Legislaturperiode in den Bundestag einzieht. Gebraucht wird er bei der SPD allemal. Vielleicht mehr denn je. „Mir wird diese Frage oft gestellt“, sagt Wollner. „Meine Antwort ist immer: ‚Jakob Mierscheid kommt in den Bundestag, weil er keine Gegenstimme erhält‘.“ Verewigt ist Mierscheid ohnehin schon. Ein kleiner Steg, der in luftiger Höhe das Paul-Löbe-Haus mit dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus verbindet, trägt seinen Namen. Anlässlich der Einweihung twitterte Parteikollege Thomas Oppermann über Jakob Mierscheid: „Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.“