Berlin - Vor ein paar Wochen unterhielt ich mich mit einer Freundin über gendersensible Sprache. Meine Freundin ist etwas jünger als ich, Mitte 30, und benutzt selbst in privaten Chats Gendersternchen. Sie schreibt von Lehrer*innen und Namensträger*innen. Sie sagte, sie könne nicht verstehen, warum es Menschen gebe, die sich dagegen so sträubten. Es gehe aus ihrer Sicht darum, dass sich alle eingeschlossen und wertgeschätzt fühlen, jeder könne seinen Beitrag leisten. Außerdem sei es freiwillig. Ich war skeptisch. Wenn ich den Satz höre: „Jeder kann seinen Beitrag leisten“, fühle ich mich in die DDR zurückversetzt. Als Kinder haben wir auch alle unseren Beitrag leisten sollen zum Sieg des Sozialismus, durch Altpapiersammeln zum Beispiel. Hat aber nicht funktioniert.

Ich war mir auch nicht so sicher, ob das mit der Freiwilligkeit noch stimmte. Es gibt in Verwaltungen und Universitäten inzwischen Leitfäden mit Empfehlungen, wie man möglichst sprechen und schreiben sollte. Was ist, wenn man das nicht macht und sich dem widersetzt? Bekommt man dann eine schlechtere Note?

Ich glaube, die meisten Menschen wollen Sexismus, Rassismus und Diskriminierung abbauen, aber die Frage ist, ob die Konzentration auf die Umgestaltung der Sprache der richtige Weg dazu ist. Anders gesagt: Mich überzeugt die Argumentation nicht, dass Sprache zum Beispiel Frauen von Ambitionen abhält. Ich habe ein Schulheft, in dem meine Freundinnen und ich mit 14 etwas über uns geschrieben haben, Alter, Lieblingslieder, Lieblingsessen, eine Art analoges Facebook. Bei Berufswunsch schrieben meine Freundinnen: Anwalt, Lehrer, Forscher. Ich schrieb: Journalist. Nur weil wir die männliche Form benutzten, wäre es uns Mädchen nicht in den Sinn gekommen, dass uns nicht alle beruflichen Wege offenstünden.

Meine jüngere Freundin hatte auch noch gesagt, dass sie sich bei der maskulinen Form aber nicht mitgemeint und als Frau nicht repräsentiert fühle. Ich kam mir in unserer Diskussion inzwischen vor wie einer dieser ewig gestrigen alten weißen Männer, die überall kritisiert werden, eine Art weibliche Ausgabe von Wolfgang Thierse. Ohne Bart. Der SPD-Politiker wurde in der vergangenen Woche attackiert, weil er auf die Gefahren der Identitätspolitik hingewiesen hat.

Ich erwiderte, dass ich nicht den Eindruck habe, dass die geschlechtergerechte Sprache etwas an der Repräsentanz von Frauen ändert. Es ist so ein Maskottchen. Ein hübsches Tuch, um zu verbergen, dass dahinter die alten Kämpfe toben.

Vor einiger Zeit hat der Spiegel verkündet, dass künftig in seinen Produkten die männliche und weibliche Form verwendet werde und was das für ein Fortschritt sei. Kürzlich las ich, dass beim Spiegel die einzige weibliche Chefredakteurin gegangen ist, nachdem sie ein Kind bekommen hat. Und offenbar nicht freiwillig. „Für die Elternzeit hätten die Chefredaktionskollegen wenig Verständnis gehabt“, schreibt die SZ. Tja. Für eine echte Chefredakteurin reichte der Fortschritt dann doch nicht.

Wenn man Frauen fördern will, muss man sie von Anfang an gut bezahlen und sie auch unterstützen, wenn sie eine Familie gründen, man muss Führung in Teilzeit ermöglichen, Weiterbildung, flexible Arbeitszeitmodelle. Man müsste das Steuersystem ändern, Kita- und Ganztagsschulen ausbauen, Väter-Pflichtmonate einführen. Das ist alles bekannt, tausendmal geschrieben. Ist aber schwieriger, als ein paar Sternchen zusätzlich zu setzen.