Doppelschichten und Schutzmontur: Pflegerin einer Klinik in Brescia. 
Foto: AFP/Ruciatti

BerlinIn den Krankenhäusern Norditaliens spielen sich derzeit Szenen ab, die man sonst aus Kriegsgebieten kennt. Neu eingelieferte Patienten mit der Lungenkrankheit Covid-19 werden auf Feldpritschen gelagert und mit Wärmefolien zugedeckt, weil die regulären Betten voll sind. In Städten wie Bergamo und Brescia, wo das Virus am schlimmsten wütet, wurden Zeltkliniken errichtet. 

Ärzte und Pflegekräfte haben in Medien und sozialen Netzwerken Notrufe abgesetzt. Sie sind nicht nur völlig entkräftet. Weil Beatmungsgeräte und Intensivstationen belegt sind, müssen sie entscheiden, wen sie behandeln und wen sie einfach sterben lassen. Je älter ein Patient und je schwerer seine Vorerkrankungen, desto geringer seine Chance, Covid-19 zu überleben.

Politik versichert: Keine italienischen Verhältnisse 

Solche Schreckensszenarien soll und wird es in Deutschland nicht geben, versichern Politik und Verantwortliche des Gesundheitssystems. Weil auch bei uns die Zahl der Neuinfektionen stark ansteigt, haben Bund und Länder am Dienstagabend einen Notfallplan beschlossen. Die stationäre Versorgung soll ausgeweitet, die Betten- und Behandlungskapazität möglichst verdoppelt werden.

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Vor allem soll gesichert sein, dass es für schwer Erkrankte Intensivplätze gibt. In China brauchen etwa fünf Prozent aller Covid-19-Erkrankten intensivmedizinische Behandlung. In Italien sind es wegen des höheren Durchschnittsalters zehn Prozent. Ähnlich hoch könnte der Anteil bei uns sein. Und muss ein Patient künstlich beatmet werden, dann kann das Wochen dauern.

In ganz Deutschland sollen nun Hallen, Hotels und Reha-Kliniken zu provisorischen Behandlungszentren umgerüstet werden. Leichter erkrankte Patienten sollen zur Entlastung dorthin verlegt werden. Unterstützung für die Zentren könnte von DRK und THW kommen, heißt es im „Grobkonzept Infrastruktur Krankenhaus“, das Kanzleramtschef Helge Braun (CDU), die Staatskanzleichefs der Länder und das Bundesgesundheitsministerium beschlossen.

Die Krankenhäuser sollen sich ganz darauf konzentrieren, ihre Intensivmedizin auszubauen. Das Land Berlin hat angekündigt, eine 1000-Betten-Klinik auf dem Messegelände eigens für Corona-Fälle zu errichten. Versorgt werden sollen dort leicht Erkrankte wie auch Notfallbeatmungspatienten.

Derzeit gibt es in Deutschland 28.000 Intensivbetten. Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen von der Technischen Universität Berlin, sagt, Deutschland habe damit bezogen auf 1000 Einwohner zweieinhalb mal so viele wie Italien. Auch wenn nicht an jedem ein Beatmungsgerät stehe, so sei man doch gut ausgestattet.

Im Dezember noch 17.000 unbesetzte Stellen in Krankenhäusern

Intensivbetten verfügen über Überwachungssysteme und -monitore, die den Zustand des Patienten kontrollieren. Sie brauchen sehr viel mehr Personal, das auch speziell geschult sein muss. „Auf ein Intensivbett kommen drei Pflegekräfte“, sagt Michael Pfeifer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin.

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Genau da liegt das Problem. Schon vor der Coronakrise mussten Krankenhäuser Intensivbetten stilllegen und Eingriffe absagen, weil selbst im normalen Klinikbetrieb Pfleger fehlten. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung von 2019 betreut in Deutschland ein Pfleger im Schnitt 13 Patienten. In der Schweiz sind es acht, in den Niederlanden knapp sieben. Das Personal ist nicht nur überlastet, sondern auch schlecht bezahlt. Im Dezember hatte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) von 17.000 unbesetzten Stellen gesprochen. Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte sei leergefegt, hieß es. Es wurde händeringend um Pflegekräfte aus dem Ausland geworben. Jetzt sind die Grenzen dicht.

Um Platz für Corona-Patienten zu schaffen, sind die Krankenhäuser angewiesen, nicht dringliche Operationen und Behandlungen zu verschieben. Viele Kliniken schulen bereits Personal aus anderen Abteilungen intensivmedizinisch, sagt Pfeifer, Chefarzt einer Lungenklinik in Donaustauf. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte angeregt, auch Medizinstudenten und pensionierte Pflegekräfte zu rekrutieren. Die Krankenhausgesellschaft hat von den Gesundheitsämtern gefordert, ausländische Pflegekräfte, die schon in Deutschland sind und noch auf Zulassung warten, Ad-hoc-Genehmigungen zu erteilen.

Berliner Senat mit Ideen, aber ohne konkretes Konzept

Doch wird das alles ausreichen? Schon jetzt fallen Pfleger aus, weil sie keinen Notdienst zur Kinderbetreuung finden. Chefarzt Pfeifer sagt, man müsse auch kalkulieren, dass bis zu 15 Prozent des Klinikpersonals selbst mit dem Virus infiziert wird oder anderweitig erkrankt.

Gesundheitsmanagement-Experte Busse versucht zu beruhigen. Deutsche Krankenhäuser hätten 50 Prozent mehr stationäre Patienten als im EU-Durchschnitt. Er ist überzeugt: Wenn alle nicht nötigen Krankenhausaufenthalte reduziert werden, gibt es auch genug Pflegekräfte.

Der Berliner Gesundheitssenat hat derweil noch kein Konzept vorgelegt, wie die neue Corona-Klinik personell aufgestellt wird. „Wir sind uns der Herausforderung bewusst“, sagte ein Sprecher auf Anfrage.