Sexsucht und Familie: Der Vater schaut Pornos – das Kind möchte spielen.
Foto: Avant Verlag/Florian Winter

BerlinDie Erinnerungen reichen weit zurück. Sie sind nicht immer vollständig und lassen vieles im Ungefähren, aber einige Bilder sind doch sehr genau. Zum Beispiel der Besuch des kleinen Florian beim Arzt. Dorthin ist er mit seiner Oma gegangen – die Mutter hat wieder einmal keine Zeit – und soll zum ersten Mal eingehender untersucht werden: Der Doktor fasst dem Jungen zwischen die Beine, spricht daraufhin unverständliche Worte mit der Oma und wendet sich schließlich an Florian: „Ab heute bekommst Du jede Woche eine Spritze in den Po. Acht Wochen lang.“ Wofür die Spritzen sind, will Florian wissen. „Für später“, lautet die knappe, ausweichende Antwort der Oma. Ihr ist das alles sehr peinlich.

Avant Verlag
Das Buch

Florian Winter: „XES“
Avant Verlag, Berlin 2020.
360 Seiten, 25 Euro

Der Berliner Zeichner Florian Winter hat einen autobiografischen Comic über seine Sexsucht geschrieben. Sich von der Seele gezeichnet. „XES“ lautet der Titel, das kann im Englischen als „excess“ gelesen werden, als Ausschweifung und Maßlosigkeit, und wird rückwärts als „Sex“ lesbar. Ein prägnanter Titel, er fasst das Thema bündig zusammen. Der Name Florian Winter ist ein Pseudonym. Er habe überlegt, so der Künstler, diese Geschichte, die wie eine intime Lebensbeichte erscheint, unter seinem richtigen Namen zu veröffentlichen. Auf Anraten von Freunden sei er davon wieder abgekommen. Und tatsächlich geht es in dem Comic nicht nur um ein Einzelschicksal – eine individuelle Leidensgeschichte.

Der Comic „XES“ enthält ebenso fiktionale Elemente, er will auch Ratgeber sein. Der Protagonist Flo, wie Florian von allen genannt wird, trägt in seiner cartoonhaften, großnasigen und dünngliedrigen Erscheinung eher exemplarische Züge – in dieser Stilisierung könnte er glatt als Witzfigur durchgehen. Und so lernen wir Flo kennen, einen Schlaks, unbeholfen und unscheinbar, verschlossen, aber freundlich, ständig auf der Suche nach sexueller Befriedigung. Ganz gleich, ob der einsame, stundenlange Pornokonsum oder die eiligen, zahlreichen Bordellbesuche: Flo hat nie genug. Die Bildergeschichte taucht das Begehren und die Verführung in ein kräftiges Rot. Es ist die einzige Zusatzfarbe. Die Farbe der Sucht.

Die Verlockung leuchtet in kräftigem Rot und wartet überall.
Foto: Avant Verlag

Woher die Sucht kommt, bleibt ungeklärt. Vielleicht auch, weil es hier wenig zu klären gibt. „Sexmonster wurde – wie alle sterblichen Wesen – aus dem dunklen Nichts geboren. Seine Augen strahlten schon vor seiner Geburt eine unheilvolle Gier aus.“ So schreibt es Winter, so sagt es Flo. Aber da waren doch der Arztbesuch und die Spritzen? „Na, Florian, merkst Du schon was von den Spritzen?“, fragt der Doktor. „Mein Penis wird ganz hart und geht nach oben. Kommt das von den Spritzen?“, antwortet der Junge mit einer Gegenfrage. Weder der Arzt noch die Oma haben eine Antwort. Erröten. Schweigen. Wieder Wortlosigkeit. Ob die Spritzen etwas mit der Sexsucht zu tun haben? Die Frage bleibt unbeantwortet.

Tatsächlich bietet Florian Winter verschiedene Erklärungen an. Im Vordergrund steht die Familie. Die Mutter arbeitet und hat nie Zeit für den Jungen. Die Oma hat eigentlich auch keine Zeit. Opa ist tot. Und der Vater? Der ist ein Arschloch. So nennen ihnen alle. Der Vater ist weg, nicht da. Seine Abwesenheit wird in „XES“ immer wieder thematisiert, aber sie bliebt geheimnisvoll. Eine Leerstelle, sie erklärt nichts. Ebenso wenig die Andeutungen, dass wir in einer sexualisierten Gesellschaft lebten: Erst Opas Pornohefte, dann Pornofilme in Internet … Florian Winter legt sich nicht fest, er meidet einfache Erklärungen. Keine Küchenpsychologie, sondern erst einmal Aufmerksamkeit für ein Problem wecken.

In Deutschland sind etwa eine halbe Million Menschen sexsüchtig, zwei Drittel davon sind männlich. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat erst im vergangenen Jahr die Sexsucht als eigenständige Krankheit in ihren Katalog aufgenommen und damit anerkannt: Laut Diagnoseschlüssel „6C72“ ist Hypersexualität oder „zwanghaftes Sexualverhalten“ dann gegeben, wenn die Betroffenen ihre ausgeprägten, wiederkehrenden Sexualimpulse über längere Zeiträume nicht kontrollieren können und dies ihr Familien- oder Arbeitsleben oder überhaupt das Sozialverhalten beeinflusst – also Beziehungen zu anderen Menschen vernachlässigt und damit mehr oder weniger beschädigt werden.

Flo hat seine Sucht erkannt, er ekelt sich vor sich selbst.
Foto: Avant Verlag/Florian Winter

Wie bei anderen Süchten auch sind hier die obsessive Beschäftigung und der Kontrollverlust Kern der Definition, wenn die Betroffenen ihr Verhalten nicht mehr aus eigener Kraft ändern können, obwohl es ihnen ganz offensichtlich schadet und obwohl ihnen diese Selbstschädigung und -gefährdung durchaus bewusst sein kann. Der Comic führt das in vielen Facetten vor und vermittelt so einen sehr nachdrücklichen Einblick in diese Krankheit, ganz buchstäblich: Dieser Comic geht einem noch sehr lange nach. Am Beispiel Florians wird die Krankheit und deren zerstörerische Auswirkung sehr konkret, beängstigend wirklich. Zugleich zeichnet sich aber auch die Perspektive einer Befreiung von der Sucht ab.

Und darin besteht wohl das eigentliche Anliegen Florian Winters: Es gibt einen Ausweg. Flo hat seine Sucht erkannt, er ekelt sich vor sich selbst, will von seiner Krankheit loszukommen – das Sexmonster verjagen. Das ist kein Weg der schnellen Heilung, sondern der vielen kleinen Schritte und der großen Niederlagen. Flo findet zu den Sex and Love Addicts Anonymous (SLAA). Die Anonymen Sex- und Liebessüchtigen sind eine internationale, 1976 von Mitgliedern der Anonymen Alkoholiker (AA) in Boston gegründete Selbsthilfegruppe. Seit 1984 gibt es sie auch in Deutschland, mittlerweile sind es hier etwa 60 lokale Gruppen, in denen nach dem Vorbild der AA ein Therapieprogramm angeboten wird.

Mit trauriger Komik zeichnet Florian Winter die Therapiesitzungen. Deren Kernidee ist die Abstinenz: Nur durch sie kommen Süchtige von ihren stofflichen (Alkohol) oder unstofflichen (Sex und Liebe) Abhängigkeiten wieder los. Das strikte Verbot und das mit ihm einhergehende, wenigstens zu Beginn unvermeidliche Scheitern bietet einige Anlässe zu lakonischen Witzen über die Vergeblichkeit unserer Mühen, selbst die Frage nach Gott und seinem Anteil an der Misere bleibt nicht ausgespart. Das alles kommt in den stark typisierten Zeichnungen ohne viele Worte aus. Seine Faulheit, so Florian Winter etwa kokett, habe ihn so wenige Dialoge schreiben lassen. Quatsch! Seine Bilderfolgen sind einfach stark genug.

Reden hilft, auch wenn es mühsam ist: Flo in der Selbsthilfegruppe.
Foto: Avant Verlag/Florian Winter

Das verstärkt den cartoonhaften Charakter. Wir lesen ein aufklärerisches Buch, aber nirgends begegnet uns der erhobene Zeigefinger. Überhaupt liegt die Stärke von „XES“ in seiner Zurückhaltung. Nicht nur behelligt uns der Comic nicht mit alles wegerklärenden Einsichten. Auch bietet er kein kitschiges Happy End, keine Versöhnung an. Nein, die Heilung ist weit entfernt. Stattdessen bleiben bruchstückhafte Erinnerungen, es herrscht in „XES“ das Episodische vor. Florian Winter zieht uns in eine Suchbewegung hinein, er bietet keine Heilsgeschichte. Das ergibt mit dem überaus kundigen Nachwort des Psychotherapeuten Kornelius Roth („Sexsucht“, Christoph Links Verlag) ein starkes Stück grafischer Literatur.