Berlin - Normalerweise ist die Amtseinführung eines amerikanischen Präsidenten eine Weihestunde der Demokratie. Die Feier dient dazu, der Nation sich ihrer selbst zu versichern, deren Raison d’Être bekanntlich ein paar unveräußerliche Rechte sind, zu denen das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück gehören – und dass, wie Thomas Jefferson 1776 in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten festschrieb, dem bedeutendsten politischen Manifest der Neuzeit, „zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingerichtet werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten“.

Egal wie hart der Wahlkampf war, wie knapp oder klar, überraschend oder auch unfassbar das Ergebnis: Die friedliche Übergabe der Macht an denjenigen, der die Zustimmung der Regierten erhalten hat, ist der Moment, in dem die Vereinigten Staaten von Amerika stets zu sich selbst und auch einen Weg nach vorne finden.

Wenn an diesem Mittwoch Joe Biden als der 46. US-Präsident in sein Amt eingeführt wird, ist dies anders. Zu den Vorbereitungen gehört diesmal die Mobilisierung von 20.000 Soldaten der Nationalgarde. Nachdem zwei Wochen zuvor, am 6. Januar, ein Mob aus Anhängern des abgewählten Präsidenten Trump das Kapitol gestürmt und vandalisiert hat, in der Hoffnung, die Zertifizierung des Wahlergebnisses zu verhindern – und nachdem selbst danach noch etliche republikanische Abgeordnete sich tatsächlich weigerten, genau dies zu tun: Seitdem muss man leider mit vielem rechnen in Washington und anderswo in den USA, und man tut dies auch.

Es ist dies das Erbe von Donald Trump, der Joe Biden bis heute nicht als Wahlsieger und künftigen Präsidenten anerkennt – der trotz sieben Millionen weniger Stimmen einfach behauptet, er selbst habe gewonnen, und seinen Anhängern weismacht, „ihre Stimme, ihre Wahl, ihr Land“ sei geraubt worden. Er hat Gerichte beschimpft, auch das Oberste, weil sie seine Klagen abgewiesen haben, er hat Wahlleiter und Gouverneure in den Bundesstaaten zu korrumpieren versucht; seinen eigenen Vizepräsidenten Mike Pence brachte er in Gefahr, weil er die Lüge verbreitete, dieser könne in seiner zeremoniellen Rolle als Senatspräsident die Zertifizierung der Wahl verweigern und stattdessen ihm, Trump, die Präsidentschaft für weitere vier Jahre aushändigen. Pence, sicher kein Menschenfreund, aber doch ein Politiker mit einem Rest an Selbstrespekt, wies dies von sich. „Hang Pence!“ gehörte entsprechen zu den Schlachtrufen des Mobs vom 6. Januar. Laut FBI war das auch absolut ernst gemeint.

Das alles ist einmalig in der amerikanischen Geschichte – selbst in den Nachwehen des Bürgerkriegs, als das Land noch mehr gespalten war als jetzt, blieb die „peaceful transition of power“ heilig. Der Republikaner Lincoln erwählte 1864 den Demokraten Johnson als Vizepräsidenten, um die Nation zu versöhnen. Und als man sich 1876 um das Ergebnis stritt, weil in einigen Staaten die Schwarzen offensiv an der Ausübung ihres Wahlrechts behindert worden waren, verpflichtete sich der am Ende zertifizierte Rutherford Hayes, nur eine Amtszeit zu amtieren – um dann dem glorreichen Bürgerkriegsgeneral Ulysses S. Grant Platz zu machen.

Schon damals verfügte die amerikanische Demokratie über bewundernswerte Selbstreinigungskräfte. Sie tut dies noch immer. Allein der Umstand, dass Trump abgewählt wurde nach nur einer Amtszeit stimmt hoffnungsfroh: In 100 Jahren ist dies nur drei US-Präsidenten widerfahren: Warren G. Harding, Jimmy Carter und George H.W. Bush.

Und an Ted Cruz, Josh Hawley und andere Parteigänger Trumps, die im Zweifel Land, Wähler und auch sich selbst verleugnen, weil sie glauben, auf Trumps Anhänger nicht verzichten zu können, geht dies: Trump ist ein historischer Verlierer! Als erster Präsident seit Herbert Hoover 1932 schaffte er es, in nur einer Amtszeit nicht nur die Präsidentschaft, sondern auch die Mehrheit sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat zu verspielen. Seit dem Sturm aufs Kapitol sind seine Zustimmungsraten im Übrigen noch mehr gesunken, auf kaum 30 Prozent, das ist der schlechteste Wert eines scheidenden Präsidenten seit Anbeginn der Meinungsumfragen.

Von daher sollte man ein etliche Tausend radikale Trumpisten  zwar unbedingt ernst nehmen – man sollte auch Trump als ihren Anstifter zur Rechenschaft ziehen – aber nicht überbewerten: Donald Trump ist von der Mehrheit der Amerikaner als historisches Missverständnis abgehakt, der Mann ist politisch, moralisch und auch sonst in jeder Hinsicht erledigt.

„Wenn irgendeine Regierungsform sich als schädlich erweist, ist es das Recht des Volkes, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen“, schrieb Thomas Jefferson. So ist es geschehen. Joe Biden darf mit Würde sein Amt antreten.