Kanadas Wunde: Wie die indigenen Stämme mit dem Trauma Umerziehung umgehen

Am 30. September gedenken die Kanadier der Kinder der indigenen First Nations, die in Internaten misshandelt wurden. Eine Spurensuche in British Columbia.

Zurück zu den Wurzeln: die Indigene Tla’amin in Toba Inlet in British Columbia.
Zurück zu den Wurzeln: die Indigene Tla’amin in Toba Inlet in British Columbia.Win Schumacher Weltwege

„Jede Familie hat ihre eigenen Geschichten, ihr eigenes Trauma“, sagt Klemkwateki Randy Louie und blickt über den gewaltigen Meerarm des Desolation Sound. „Die Internate wirken bis heute nach.“ An der rauen Küste British Columbias ist es an diesem Abend ungewöhnlich still. „Mein Vater starb, als ich zwei Jahre alt war bei einem Autounfall unter Alkoholeinfluss. Auch meine Mutter hatte ein Alkoholproblem.“

Wenn Klemkwateki Randy Louie, 49 Jahre alt, von seinen Eltern erzählt, hallt der Schmerz auch nach Jahrzehnten noch nach. „Erst vor acht Jahren hörte ich zum ersten Mal, dass mein Vater an einer Residential School war“, berichtet Louie, „Ich erfuhr, dass er als Aufpasser dort für die jüngeren Kinder verantwortlich war. Er war zuständig, wenn sie in die Betten nässten.“

Am Lagerfeuer vor dem Klahoose Wilderness Resort, einer erst seit dem vergangenen Jahr von dem gleichnamigen First-Nations-Stamm geführten Lodge, sind sonst meist die Grizzlys aus dem nahen Toba Inlet Hauptthema. Doch die Klahoose hoffen, dass ihre in- und ausländischen Gäste nicht nur mit Erinnerungen an die einzigartige Natur ihrer Heimat zurückkehren. Für die Ureinwohner ist die atemraubende Fjordlandschaft, durch die noch immer Buckelwale und Orcas ziehen, Wiege ihrer Kultur. Und von einer Geschichte, die von Stolz und Leid gleichermaßen geprägt ist.

Klemkwateki Randy Louie bringt Kindern das kulturelle Erbe der indigenen Stämme näher.
Klemkwateki Randy Louie bringt Kindern das kulturelle Erbe der indigenen Stämme näher.Win Schumacher Weltwege

Es musste einige Zeit vergehen, bis Louie offen von seiner Familiengeschichte erzählen konnte, vor Touristen genauso wie vor Jugendlichen seines Stamms der Klahoose. Seine Großmutter hatte den Jungen in ein traditionelles Langhaus geschickt, wo er in die Bräuche und die Spiritualität seiner Ahnen eingeweiht wurde. „Sie hat gesehen, dass ich dort meine Traumata überwinden kann.“

150.000 Kinder aus indigenen Familien wurden umerzogen und missbraucht

Heute lehrt Louie selbst an verschiedenen Langhäusern und seine Kinder besuchen sie. „Die Jugendlichen beginnen, sich immer mehr für ihr kulturelles und spirituelles Erbe zu interessieren“, sagt Louie. Die Erinnerung an die Residential Schools ist ihm dabei besonders wichtig.

Noch bis in die 1990er-Jahre wurden in Kanada Kinder aus indigenen Familien in Umerziehungsinternate gebracht. Etwa 150.000 Kinder der First Nations, Métis und Inuit wurden in über 130 Residential Schools umerzogen, ausgebeutet und missbraucht.

Der 30. September steht in Kanada wie kein anderer Tag für die leidvolle Vergangenheit, aber auch für das neue Selbstbewusstsein der First Nations. Er ist erst seit 2021 ein nationaler Gedenktag.

Der Name geht auf das orange Hemd zurück, das Phyllis Webstad, einer Zeitzeugin, am Tag ihrer Einschulung in ihrem Internat in British Columbia weggenommen wurde. Am offiziellen „Nationalfeiertag für Wahrheit und Versöhnung“ tragen viele Kanadier orange T-Shirts oft mit der Aufschrift „Every Child Matters“.

Über die Entdeckung von 215 Kinderleichen im Mai 2021 auf dem Gelände des Internats von Kamloops in British Columbia wurde weltweit berichtet. Historiker gehen inzwischen von bis zu 6000 Kindern aus, die durch Krankheiten, Unterernährung und Missbrauch ihr Leben ließen.

Jamena James Allen, 75, am Kluane-See. Er wurde verschleppt, als er sieben Jahre alt war.
Jamena James Allen, 75, am Kluane-See. Er wurde verschleppt, als er sieben Jahre alt war.Win Schumacher Weltwege

Die von der kanadischen Regierung zur Aufarbeitung einberufene National Truth and Reconciliation Commission sprach 2015 erstmals von einem „kulturellen Genozid“. Die jüngst verstorbene Queen Elizabeth II. bekundete als Königin von Kanada noch im vergangenen Jahr zur Gründung des nationalen Gedenktags ihre Anteilnahme: „Gemeinsam mit allen Kanadiern gedenke ich an diesem ersten Nationaltag für Wahrheit und Versöhnung der schmerzhaften Geschichte, die die indigenen Völker in den Residential Schools ertrugen.“

„Meine Mutter hatte bereits geahnt, dass die Transporter auch für uns kommen würden“, sagt Jamena James Allen mit Blick über den Kluane-See auf das majestätische Bergpanorama der Eliaskette im Yukon. Der 75-Jährige verbrachte seine Kindheit nicht weit von hier.

Ein Malbuch zu Geschichte der Indigenen für die Nachkommen

Unweit der Grenze zu Alaska sind die Gipfel höher als irgendwo sonst in Kanada. Mit fast 6000 Metern ist der Mount Logan nur einer von unzähligen Gipfeln, die aus dem größten Eisfeld außerhalb der Polregionen ragen. „Meine Mutter ist hier noch fast ohne Kontakt nach außen aufgewachsen“, erzählt der Tutchone. „Meine Großeltern zogen zwischen ihren Sommer- und Winterquartieren umher, wie schon vor Jahrhunderten.“ Die Welt aus Allens frühen Kindheitserinnerungen gibt es nicht mehr.

Die Eiskette im Kluane-Nationalpark
Die Eiskette im Kluane-NationalparkWin Schumacher Weltwege

In seinen Händen hält der alte Mann mit dem dichten, silbern glänzenden Haar ein Malbuch, das sein Volk für die nachgeborene Generation herausgebracht hat. Auf einer der Seiten zeigt es einen Lastwagen, der auf seiner Ladefläche acht Kinder vor den Augen ihrer Eltern zu einem Steinhaus bringt. Davor wartet eine Nonne mit schwarzem Schleier auf sie.

„Als ich sieben war, haben sie mich, meinen Bruder und meine Schwester abgeholt“, erzählt Allen. „Meine Eltern wurden vorab nicht informiert.“ Ziel des Transporters war die mehr als 200 Kilometer entfernte Choutla Residential School in Carcross ganz im Süden des Yukon an der Grenze zu British Columbia. Sie wurde von der anglikanischen Kirche geführt. Für Allens Eltern waren ihre Kinder damit in eine unerreichbare Ferne verschleppt.

„Sie wollten den Indianer in uns austreiben“

„Uns wurden am ersten Tag die Haare geschoren und wir wurden in eine Schuluniform gesteckt. Sie hatten Angst, dass wir Läuse ins Internat bringen“, erinnert sich Allen. „In der Nacht hörte man die Kinder weinen und nach ihren Müttern rufen.“ Die Internatsschüler durften nur Englisch oder Französisch sprechen. „Sie wollten den Indianer in uns austreiben“, sagt Allen. Die Internate wurden größtenteils von katholischen und protestantischen Kirchen betrieben und von der kanadischen Regierung verwaltet. Die letzte Schule wurde erst 1997 geschlossen.

Allen fährt mit seinem Geländewagen weiter entlang des Ufers des Kluane-Sees durch eine Landschaft, deren Farbenpracht jetzt im Herbst die Sinne betört. Die Gelb-, Orange- und Rottöne der Balsam- und Zitterpappeln vor dem Anthrazitblau des Sees und den ersten schneebedeckten Gipfeln blenden die Augen. „Vor Kurzem habe ich hier noch mehrere Bisons gesehen“, sagt er beim Überqueren einer Lichtung auf einem Hügel. Die Wildrinder waren hier einst von weißen Jägern ausgerottet und Ende der 80er-Jahre wiederangesiedelt worden. Vor allem auf dem Land der Champagne und Aishihik First Nations, denen Allen angehört, leben inzwischen wieder Hunderte. „Dass sie hier nun wieder leben, zeigt, dass es immer Hoffnung für einen Neuanfang gibt.“

Für die Geschichte der Tutchonen, zu denen auch Allens Stamm gehört, wurde der Bau des Alaska-Highways 1942 zu einem Wendepunkt. Die als kriegswichtig eingestufte Straße brachte nicht nur einen schnelleren Zugang zur Welt jenseits der ewig schneebedeckten Berge hinter dem Kluane Lake, sie brachte auch Krankheiten wie Tuberkulose. Viele, darunter auch einen von Allens Brüdern, kostete sie das Leben. Infolge der Landerschließung wurden die nomadisch lebenden Stämme zwangsumgesiedelt und ihre Kinder in eigens für sie eingerichtete Internate gesteckt.

Ein Malbuch, in dem es um die Geschichte der verschleppten Kinder geht
Ein Malbuch, in dem es um die Geschichte der verschleppten Kinder gehtWin Schumacher Weltwege

„Durch die Wut und die Hilflosigkeit begannen viele Eltern zu trinken“, sagt Allen. „Wir waren einmal Selbstversorger. So aber begann der Zusammenbruch. Mein Vater, der einmal ein freier Jäger war und jetzt ohne seine Kinder in Haines Junction leben musste, sah keinen Sinn mehr im Leben.“ Das Südliche Tutchone oder Dän k'è, Allens Muttersprache, wird heute von nur noch um die 150 Menschen aktiv gesprochen.

Doch die Tutchonen haben wie viele andere First Nations begonnen, sich dem unheilvollen Erbe der Enteignung und der Residential Schools zu widersetzen. 1993 waren die Champagne und Aishihik First Nations unter den Ersten, die mit dem Territorium Yukon einen Landrechtvertrag abschlossen. Ihnen untersteht seither ein Gebiet von etwa 2500 Quadratkilometern im Umfeld des Kluane-Nationalparks, den sie auch mitverwalten und wo sie eigenständige Jagdrechte haben.

„Hier oben halten wir nun Seminare über unsere Kultur.“ Von den Blockhütten seines Shakat Tun Wilderness Camps hat man von einer Anhöhe eine atemraubende Aussicht über den Kluane-See. „Wir haben hier immer wieder auch Bären zu Gast, aber hatten nie Probleme“, sagt Allen. „Wir respektieren sie und sie respektieren uns.“

In seinem Camp lernen indigene Kinder und Jugendliche, mit der Welt ihrer Vorfahren neu Kontakt aufzunehmen, üben ihre fast verlorene Sprache und hören Geschichten der Ältesten. Auch Touristen sind willkommen. Manchmal führt ein Schamane in einer aus Ästen und Erde gezimmerten Jurte Reinigungsrituale durch. Auf eigenen Freizeiten geht Allen mit Alkohol- und Drogenabhängigen jagen und zeigt ihnen, Fallen zu stellen. „Wieder mit der Natur in Einklang zu leben, ist für sie die beste Therapie.“

Allen ist kein weltfremder Wildnisromantiker. Als langjähriger Vorsitzender seines Stammes und Kanzler der Yukon University hat er an Konferenzen für Indigene in verschiedenen Ländern teilgenommen und traf Menschen aus aller Welt. Mit dem Glauben an eine Zukunft der indigenen Völker ist er nicht allein. Trotz ihrer oftmals traumatischen Vergangenheit blicken viele First Nations auch hoffnungsvoll in die Zukunft.

Sancheä Madison Allen ist die Enkelin von Jamena James Allen.
Sancheä Madison Allen ist die Enkelin von Jamena James Allen.Win Schumacher Weltwege

Die First Nations haben in den vergangenen Jahren begonnen, die Repräsentation ihrer Kulturen in die eigene Hand zu nehmen. Sie eröffnen Kunstgalerien und Gedenkstätten an den ehemaligen Residential Schools, gestalten Kulturzentren und verstärkt auch das allgemeine Bildungssystem. Auch im Naturtourismus, insbesondere bei Grizzly- und Walbeobachtungen, spielen Anbieter mit First-Nations-Hintergrund eine immer wichtigere Rolle. Allein in British Columbia werden inzwischen über 2000 Unternehmen von Indigenen geführt. Ihre Zahl ist dort sei 2011 um mehr als 20 Prozent gewachsen.

In Klukshu, etwa eineinhalb Autostunden weiter südlich vom Camp ihres Großvaters am Kluane Lake, beobachtet Sancheä Madison Allen die Lachse, die jetzt im Herbst zum Laichen in dem schmalen Gebirgsbach neben dem Dorf mit den verstreuten Blockhütten eintreffen. Einst war es das Sommerquartier der Champagne und Aishihik First Nations. Die Enkelin kommt jedes Jahr im September zum Fischen hierher und bringt in diesem Jahr auch ihren vierjährigen Sohn mit.

„Als ich klein war, leuchtete der Bach um diese Zeit noch von den vielen Rotlachsen“, erzählt sie. „Wohl wegen der Überfischung in Alaska und wegen des Klimawandels sind es heute immer weniger.“ Ihr Großvater hat sie das Fischen gelehrt. Sie begleitet ihn auch zum Fallenstellen in den Wald und nimmt ihren Sohn mit. Die Luchs-, Vielfraß- und Kojotenfelle verarbeitet ihre Großmutter zu Kleidung und Schuhen. Heute nutzt die Familie alles, was sie jagt und fischt, allein für den Eigenbedarf, so, wie es ihre Vorfahren einst taten.

„Wir glauben daran, dass die kommenden Generationen den durch die Residential Schools entstandenen Teufelskreis aus Kulturverlust und Alkohol durchbrechen werden“, sagt Allen. „Seit wir die Landrechtsverträge haben, sind wir wieder ziemlich mächtig geworden. Das erleben gerade auch andere First Nations.“

Die Choutla Residential School in Carcross
Die Choutla Residential School in CarcrossWin Schumacher Weltwege

Auch ihre Sprache erlebt eine Wiedergeburt. Während ihre Eltern die Muttersprache des Großvaters gar nicht mehr sprechen, hat die 26-Jährige sie in Kursen gelernt und wirkt in einer Musik- und Tanzgruppe mit, die auch Lieder in Dän k'è aufführt. „Manche schreiben sich jetzt auch Textnachrichten in ihren Sprachen“, sagt sie. „Ich bin sicher, mit der nächsten Generation werden die indigenen Sprachen noch lebendiger werden. Mein Sohn lernt Dän k'è  in der Kita. Er spricht es schon jetzt besser als ich.“