Es ist Wahlkampf-Zeit und die Medien sind im Wahlkampf-Modus. „Laschet lockt mit Söder-Köder“ titelte Bild.de am Wochenende. Gute Titel können die Springer-Leute. Dagegen wirkte „Laschet wirft Scholz unangemessenes Verhalten vor“ auf Spiegel.de eher lahm.

Egal ob Bild oder Spiegel, für Journalisten ist der Wahlkampf ein dankbares Thema. Eine Pressekonferenz der Kanzler-Kandidaten hier, ein öffentlicher Auftritt da und zwischendurch eine Politik-Talk-Sendung. Kaum lästiges Suchen nach Stories, wenig langes Recherchieren. Einige Forscher nennen das „Wahlkampf als (mediales) Ritual“. Politik und Medien arbeiten in Symbiose. Das Ritual läuft (fast) reibungslos.

Wahlkampf im Quizsendungsformat

Die Speerspitze im Politikmarathon sind die öffentlich-rechtlichen Medien. Am Sonntagabend hieß es in der ARD deshalb auch „Das Triell – Dreikampf ums Kanzleramt“. Dreikampf? Das klingt eher nach Sport und weniger nach politischer Debatte. Die konnte man hier auch nicht erwarten. Was kam war „Politainment“, also Politikinszenierung unterhaltsam aufgearbeitet. Wechselnde Nahaufnahmen, effektreiche Schnitte, kurzweilige Musik. Sogar Liveblogs zum Mitlesen gab es. Wahlkampf im Quizsendungs-Format.

Die Regeln medialer Politik ändern sich so schnell wie die Gewohnheiten unseres Medienkonsums. Unsere Seh- und Lesegewohnheiten geben den Ton an. Im Alltag mit Informationen erschlagen, werden wir im Wahlkampf mit schnellen Reizen, Emotionen und Schlagworten gelockt. Da kann es auch mal unter die Gürtellinie gehen, wie einige Kandidaten es erleben mussten. Aber mehr Inhalt braucht Zeit, und die ist knapp bemessen. Nicht umsonst hängen überall Riesenporträts der Politiker mit griffigen Slogans, scheinbar persönlich und schnell zu verstehen. Ob das für die Demokratie gut ist, ist eine andere Frage.

Im Fokus stehen die Mächtigen oder die, die es gern sein wollen. Themen abseits des Wahlkampfes  geraten ins Hintertreffen, es sei denn, sie dienen dem Stimmenfang: Klima, Flutkatastrophe, Corona, Afghanistan. Was leidet, ist die politische Debatte. Welch Ironie!

Politische Werbung

Beispiel Afghanistan: Gesucht werden die Schuldigen für ein Taliban-Fiasko, vor dem nicht wenige Kriegsgegner seit Jahren warnten. Heute scheinen Politiker nichts davon gehört zu haben, auch viele Journalisten nicht. Sie folgen lieber der Wahlkampf-Jagd nach möglichen Strohpuppen, also den Schuldigen für das politische Versagen einer ganzen Regierung. Auf der Strecke bleiben die afghanischen Zivilisten. Aber die können ja auch nicht wählen und fallen so aus der Symbiose deutscher Medien und Politik.

Für diese Diskussionen ist aktuell keine Zeit. Alle Zeichen stehen auf politischer Werbung, schweißfrei und schön geschminkt. Angepriesen wird, was letztlich doch enttäuscht – aber das liegt ja in der Natur der Werbung. Informierte Bürger lassen sich in ihren Entscheidungen eh nicht durch griffige Sprüche überzeugen, sondern nur durch kritische Teilhabe am demokratischen Prozess. Daran kann auch der schmunzelnde „Söder-Köder“ nichts ändern. Zum Glück!