Menschen stehen inmitten von Trümmern in Beirut. 
Foto: AP Photo/Felipe Dana

BerlinNach einer schlaflosen Nacht schreibt ein Beiruter Musiker auf Facebook: „Es macht mich wütend, wie gut wir darauf trainiert sind, mit der Katastrophe umzugehen.“ Eine Freundin textet auf WhatsApp: „Es ist zu viel diesmal“, in den sozialen Medien kursieren Fotos und Videos. „Revolution, Revolution“, rufen die Demonstranten vor dem Parlament, „Beirut, du bist Wein aus der Seele des Volkes“, singt die libanesische Ikone Fairuz in ihrem alten Hit, „wie wurde dein Geschmack nur zu Feuer und Rauch?“

Tonschnipsel aus einer verheerten Stadt, ein Abgesang in Dauerschleife. Ganz in der Nähe der Stelle, an der am Dienstag 2750 Tonnen Ammoniumnitrat explodierten, habe ich fünf Jahre lang gelebt; das christliche Viertel Mar Mikhael ist nicht weit entfernt von der Küste, von meinem Fenster aus konnte ich den Hafen sehen, die Silos, die jetzt zerrissene, verkohlte Ruinen sind, die Kleineleuteviertel, von denen kaum etwas übrig blieb.

Beirut hat schon viele Krisen durchgemacht, aber diese Explosion hat eine andere Qualität. Die Verzweiflung, die aus den Libanesen spricht, sitzt tiefer, die rohe Wut, die sich nun gegen die eigenen Eliten richtet, ist neu.

Beirut ist ein Ort, wie es ihn im Nahen Osten nicht noch einmal gibt, Lifestyle-Metropole mit Charme und Eleganz, zugleich eine Dauerkrisenzone, regiert von Clanchefs  und ehemaligen Warlords, ein Vexierbild von einer Stadt, und wie man es dreht und wendet, ergibt sich immer ein anderes Motiv. Politik und Party liegen dicht beieinander, klirrende Widersprüche prallen an jeder Ecke zusammen, und trotz aller Rückschläge blieb der Libanon bis heute ein Hort der Liberalität und der Vielfalt, wo 18 Konfessionen nebeneinander leben, dazu ein Fluchtpunkt der Freiheit, der Querdenker und Künstler aus dem ganzen Nahen Osten zu sich zieht.

 Vielleicht ist so ein fragiles Konstrukt auf Dauer nicht haltbar. Wenn ich die aktuellen Bilder aus Beirut sehe, denke ich zurück an Straßenschlachten im Zentrum von Beirut, an Milizionäre mit Sturmgewehr vor Starbucks, an Glas, das unter den Schuhsohlen knirscht, und den Gestank brennender Autoreifen.

Jeder, der im Libanon lebt, kennt solche Szenen von Gewalt und Verwüstung. Jedes Trauma knüpft an ein früheres an; bewältigt wird keines. Und während draußen Schüsse fielen, wummerten in den Bars die Bässe bis zum nächsten Morgen. Es sind diese Momente, die den Ruf von Beirut geprägt haben, den einer Stadt, die sich nicht geschlagen gibt, und in der politische Spannungen mit fiebrigem Hedonismus einhergehen.

Auf Dauer kann ständige Unsicherheit den Menschen aber zermürben. Zudem hat der Mythos lange Zeit darüber hinweggetäuscht, wie gravierend strukturelle Missstände das Land von innen zersetzen: Seit dem Ende des Bürgerkriegs regelt ein Proporzsystem die Verhältnisse zwischen den Konfessionen, zugleich aber sichert es die Macht weniger Familien und Politikerdynastien, Misswirtschaft und Korruption sind die Folge. Die Libanesen sind daran gewöhnt, dass täglich der Strom ausfällt, dass sich Müllberge auf den Straßen türmen und dass militante Gruppen, allen voran die Hisbollah, das Land zur Operationsbasis und zum Umschlagpunkt für Waffenlieferungen machen.

Seit einigen Monaten aber haben sich die Vorzeichen verändert: Das Finanzsystem ist kollabiert, die Wirtschaft im freien Fall, die Inflation hat weite Teile der Bevölkerung ins Elend gestürzt. Bislang fiel es den Machthabern leicht, die Schuld für Krisen den Nachbarländern Syrien und Israel zuzuschieben. Diesmal aber funktionieren die alten Reflexe nicht: Bei der Katastrophe am Dienstag hatten keine ausländischen Akteure ihre Finger im Spiel; stattdessen legt die Explosion den Blick frei auf ein fatales Gemisch hausgemachter Probleme.

Wie bei einer Versuchsanordnung kamen Skrupellosigkeit, Tatenlosigkeit und mangelnde Rechtsstaatlichkeit zusammen. Nach allem, was man bisher weiß, hatte ein Schiff aus Georgien das Ammoniumnitrat nach Mozambik bringen sollen. In Beirut kam das Schiff nicht weiter, 2270 Tonnen Ammoniumnitrat landeten in einem Lagerhaus am Hafen. Dort blieb das hochexplosive Material. Fünf Jahre lang. Bis Dienstag.

Seit dem großen Knall herrscht ein anderer Ton im Libanon; die Widerstandskraft des Landes ist am Ende. Wenn es gut läuft, könnte die Trauer und das Entsetzen über das Unglück endlich einen politischen Wandel einleiten. Im schlimmsten Fall versinkt das Land abermals in Gewalt und Chaos.