Berlin - Manchmal lässt sich an einfachen Sätzen die Lage der Dinge relativ gut ablesen. Nicht weil die Worte außergewöhnlich wären. Im Gegenteil. Es sind sehr unscheinbare Sätze, die dafür besonders geeignet erscheinen. Sie drücken etwas aus, was eigentlich jedem klar sein dürfte. Wenn sie an prominenter Stelle wiederholt geäußert werden, laden sie sich jedoch mit Botschaften auf. Werden zu Instrumenten, die eingesetzt werden, um etwas zu erreichen.

„Das Virus ist unser Gegner“, ist so ein Satz. Er fiel in den vergangenen Tagen gleich mehrfach an prominenter Stelle. Der Satz hat durch die Wiederholung an Kraft gewonnen. Er hat aber gleichzeitig etwas Beschwörendes bekommen. Und damit wird natürlich auch auffällig, dass etwas nicht stimmt und gerade aus dem Ruder läuft. Ja, geradezu fundamental schiefzulaufen droht. Denn der Umstand, dass wir es hier mit einem Krankheitserreger zu tun haben, war zuletzt über den Impfstoffstreitigkeiten doch etwas in Hintergrund geraten.

Von der Leyen: Pharmaunternehmen sind Teil der Lösung

Die Erste, die am Freitagmorgen so sprach, war die Kommissionspräsidentin der Europäischen Union Ursula von der Leyen. „Unser Gegner ist das Virus und die Pharmaunternehmen sind Teil der Lösung“, sagte von der Leyen in einem Interview. Nur um dann gleich noch mal nachzulegen und den Zwist um die Lieferschwierigkeiten für den Impfstoff weiter zu vertiefen. Transparenz forderte von der Leyen ein und Zuverlässigkeit sowie das Einhalten verbindlicher Zusagen für die Planungssicherheit. Man hatte nicht den Eindruck, dass von der Leyen die Pharmaunternehmen zurzeit tatsächlich als Teil der Lösung sieht.

Zwei Stunden später nutzte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine ganz ähnliche Formulierung in nahezu demselben Zusammenhang. Spahn sagte: „Das Virus ist unser Gegner und nicht die Pharmaindustrie oder wir alle gegenseitig.“ Es ging dabei um die Bestellprozesse für den Impfstoff. Um die Schwierigkeiten damit, seit der Impfstoffhersteller Astrazeneca angekündigt hatte, weniger Impfstoff zu liefern als erwartet.

Etwas läuft ganz und gar nicht gut mit dem Impfstoff. Und dabei sind die Schwierigkeiten mit den Lieferungen und Bestellmengen nur die eine Seite. Die andere liegt im Psychologischen. Gerade eben hatte die Impfskepsis in Deutschland ein wenig nachgelassen. Mehr Menschen geben bei Befragungen an, dass sie sich impfen lassen wollen. Das ist eine gute Nachricht. Weil es der einzige Weg ist, um aus dieser Pandemie zu finden. Nur so verhindern wir dauerhaft Infektionen, Erkrankungen, Todesfälle und einen ewigen Lockdown.

Was werden die jüngsten Auseinandersetzungen um den Impfstoff nun aber bewirken? Es ist kaum anzunehmen, dass dieser Streit für höhere Impfquoten sorgen wird. Die Entscheidung der EU-Kommission, den Streit mit dem Impfstoffentwickler öffentlich auszutragen, ist einfach zu begründen. Der Druck, unter dem Bund und Länder stehen, das Impfen nicht zu vermasseln, ist gewaltig und lastet gleichermaßen auf der Kommission. Öffentliches Drohen mit Daumenschrauben wie Vertragsveröffentlichungen, Ausfuhrbeschränkungen oder Transparenzregister erhöhen den Druck auf die Gegenseite und lenken von eigenen Fehlern ab.

Jetzt ist der Geist allerdings aus der Flasche. Wir, die impfwilligen Bürger, und diejenigen, die den Impfstoff beschaffen in Regierung und Kommission, stehen in diesem Konflikt – jedenfalls ist das der bisherige Eindruck – auf der einen Seite, die Hersteller auf der anderen. Das alles lässt sich sicher nicht mit ein paar nebenbei gesprochenen Sätzen wieder heilen.

Hohe Erwartungen an Impfgipfel

Der Impfgipfel am Montag, eine Gesprächsrunde von Bund und Ländern mit Vertretern der Pharmaunternehmen und der Europäischen Union, könnte ein guter Ort sein, um zu Gemeinsamkeiten zurückzufinden. Es sei wichtig, an einem Strang zu ziehen, in diesem Licht sieht Jens Spahn den Gipfel. Es sei auch wichtig für das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger, dass die soeben genannten Beteiligten gemeinsam agieren, sagt der Minister. Das ist sicher richtig. In den vergangenen Tagen konnte man allerdings den Eindruck gewinnen, dass hier Wunsch und Wirklichkeit weit auseinanderliegen.

Für die Bürger zählt am Ende nur eins: Es muss vorangehen mit dem Impfen – und zwar möglichst etwas schneller als bisher. Die Erwartungen an den Impfgipfel sind entsprechend hoch. Den Teilnehmern muss es gelingen, möglichst schnell von der Konfliktebene zurück in einen Problemlösungsmodus zu finden. Es wird eine Menge Pragmatismus nötig sein, damit aus den Worten am Ende auch Taten werden.