Das Leben in Zeiten von Corona verändert sich vor allem für die Alten und Kranken. 
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BerlinIn der Stadt hängen jetzt überall Plakate: „Im Grunde gut“ steht darauf, es ist Werbung für ein Buch. Der niederländische Historiker Rutger Bregmann vertritt darin die These, dass der Mensch nicht der ist, zu dem er in der Kulturgeschichte oft gemacht wird: nicht das egoistische Wesen, dessen niedere Instinkte von zivilisatorischen Übereinkünften gerade so in Schach gehalten werden. Sondern eben: gut. Kooperativ, solidarisch, empathisch.

Bregmann hat Forschungen darüber zusammengetragen, wie sich Menschen etwa nach Naturkatastrophen verhalten haben. Sehr hilfsbereit nämlich. Die Krise, sagt er, bringt nicht das Schlechteste im Menschen zum Vorschein, sondern das Beste.

Historiker: Die Krise bringt das Beste in uns zum Vorschein

Bregmann erlebt gerade seine nächste Fallstudie. Denn wie wir in den nächsten Wochen sein werden, wird viel verraten über uns: Der Umgang mit dem Coronavirus wird zur ungewohnten Übung im Aufeinanderrücksichtnehmen. Fußballspiele, Konzerte, Theateraufführungen und Vereinssitzungen werden ja genau genommen nicht abgesagt, damit die Menschen sich nicht anstecken. Sie werden abgesagt, damit die Menschen sich nicht anstecken und dann wiederum die anstecken, für die das Virus wirklich gefährlich werden kann: diejenigen mit Vorerkrankungen und die Älteren.

Ohne sie könnten wir eigentlich weitermachen wie bisher. Für die meisten fühlt sich Covid-19 wie eine Erkältung an, oder sie merken gar nichts. Doch für die über 65-Jährigen prognostiziert der Virologe Christian Drosten, der uns seit Wochen mit größter Ruhe unangenehme Dinge sagt, eine Sterberate von bis zu 25 Prozent. Das Leben verändert sich also vor allem für die Alten und Kranken, es wird kleiner, am Donnerstag riet die Kanzlerin sogar, Sozialkontakte zu meiden, wo es geht.

Bis jetzt hört man kaum jemanden murren. Ist das schon Fürsorge oder noch Unwissen? Ist der Familie im Nebenhaus einfach noch nicht klar geworden, dass ihr das Fußballspiel entgeht, damit die 79-Jährige aus dem dritten Stock sich weiterhin bei bester Gesundheit über den Krach der Kinder beschweren kann?

Eine Freundin rät ihren Eltern, sich die Einkäufe liefern zu lassen, ein Kollege bittet seine Mutter, nicht mehr in den Gottesdienst zu gehen. Mein Vater, 80 Jahre, geht jetzt um sieben Uhr morgens einkaufen, wenn der Supermarkt noch leer ist. Neben jedem Waschbecken in der Wohnung steht Desinfektionsmittel. Mein Vater war Virologe, wenn er über das Coronavirus spricht, klingt das genauso düster wie beim freundlichen Herr Drosten. Ich habe keine Angst, dass meine Eltern nicht vorsichtig sind, aber doch, dass sie sich trotzdem anstecken. Selbst kann ich nichts tun, sie wohnen 600 Kilometer entfernt.

Empathie muss ja nicht ganz uneigennützig sein

Vielleicht funktioniert das mit der Solidarität, weil wir fast alle Ältere kennen, um die wir uns jetzt sorgen. Oft leben sie weit weg und weil man sich nicht darum kümmern kann, dass ihnen möglichst nichts passiert, verhält man sich selbst so, wie man es von den anderen auch erhofft. Empathie muss ja nicht ganz uneigennützig sein. Hauptsache, sie ist da. In Österreich hat eine junge Frau einen Zettel ins Treppenhaus gehängt, auf dem sie älteren Nachbarn Hilfe anbietet.

Seit sie ein Foto davon auf Twitter gepostet hat, hängen in vielen Häusern solche Zettel. Jetzt seien „unsere Solidarität, unser Herz und unsere Vernunft“ auf die Probe gestellt, hat Merkel vor ein paar Tagen gesagt. Wenn wir diese Probe bestehen, als Gesellschaft das Füreinanderdasein der Generationen neu entdecken, sind beim nächsten Mal hoffentlich die Jungen dran. Die fordern schon lang die Solidarität der Älteren: beim Umgang mit dem Planeten, auf dem sie noch eine Weile länger leben werden.


Wir reisen nicht mehr, gehen nicht zur Arbeit und ins Theater. Unter Corona fährt unser Leben runter. Was bleibt ist viel Zeit und die Möglichkeit, neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren. Einige Betrachtungen am Rande einer Krise: