Berlin - Vor einem Jahr bekam Lutz Hasse den Tipp, sich doch einmal ein Haus im thüringischen Dorf Immelborn im Wartburgkreis etwas genauer anzusehen. Er ging der Sache nach und fiel aus allen Wolken: „Das hier ist ein datenrechtliches Fukushima“, murmelte der Mann, als er seinen Rundgang durch das Haus beendet hatte. „Was für eine Riesensauerei.“

Lutz Hasse ist der thüringische Datenschützer. Was er in dem unbewachten Gebäude fand, ließ ihm die Haare zu Berge stehen: Regale bis an die Decke, vollgestopft mit geschätzt 250000 Akten. Tausende Ordner, zum Teil lagen sie auf dem Boden verstreut. Es war ein gewaltiges Durcheinander.

Tonnenweise Akten von Patienten, Akten aus Rechtsanwaltskanzleien, Personalakten von Firmen, Akten aus Insolvenzverfahren, Firmenunterlagen, Papiere aus Arztpraxen, sogar noch Akten von DDR-Betrieben – ein gigantischer Berg Papier, den es eigentlich so nicht geben dürfte, verteilt auf drei Stockwerke. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, meinte der Datenbeauftragte. Mehrfach waren Einbrecher dort gewesen und hatten sich bedient. Türen waren aufgebrochen worden, Scheiben zerschmissen.

Klage gegen das Innenministerium

Ein Jahr ist es her. Was hat sich getan? „Niemand in Thüringen ist in der Lage, mir zu helfen", schimpft der Datenschützer nun im MDR. Nichts wurde weggeräumt, geschreddert oder besser bewacht. Das Erfurter Innenministerium habe ihm lediglich mitgeteilt, dass es regelmäßige Streifen gebe und nichts passieren könne. Hasse ist entsetzt, weil andauernd etwas passiert, beispielsweise Einbrüche. „Die Wahrheit lehrt uns das Gegenteil", sagt er. Weil Hasse mit seiner Mini-Behörde den Berg nicht selbst abtragen kann, hat er Innenministerium und Polizei um Hilfe gebeten. Zehn Polizisten, zehn Tage Arbeit, das würde ausreichen. Das Ministerium lehnte ab. Begründung laut Hasse: Die Sicherheitslage in Thüringen sei gefährdet, wenn ihm zehn Polizisten für zehn Tage Hilfe leisten würden. „Ich fürchte, das ist ernst gemeint", so Hasse im MDR. Nun ist der Datenschützer mit seinem Latein fast am Ende.

Fast, weil noch ein Gericht entscheiden muss. Hasse hat eine Klage gegen das Innenministerium beim Verwaltungsgericht Weimar eingereicht. Erst wenn das Gericht festgestellt habe, dass Hasse keine Amtshilfe von der Landesregierung bekommen darf, kann er ein privates Unternehmen engagieren und aufräumen lassen. Die Kosten dafür: zwischen 150.000 und 200.000 Euro. Seine Klageschrift gegen das Ministerium ist selbst eine dicke Akte und 60 Seiten dick. Hasse würde sie gerne zurückziehen. Aber nur, wenn wieder „juristische Vernunft" in das Ministerium eingekehrt sei.

Bis zur Gerichtsentscheidung bleibt alles wie es ist: ungesichert und abenteuerlich. Auf dem Firmenschild draußen vorm Haus in Immelborn steht noch „Adacta Aktenvernichtungs- und Archivierungs GmbH“. Die Firma gibt es laut Handelsregister seit 2008 nicht mehr. Ehemalige Geschäftsführer sind nicht auffindbar. Das Insolvenzverfahren wurde vom Amtsgericht Meiningen im Januar 2013 beendet, seitdem liegt der Papierberg herum und nichts tut sich.

Solch ein Fall, staunt Hasse, ist „deutschlandweit doch einmalig“.