Berlin, 9. November 1989: DDR-Bürger spazieren durch den offenen Grenzübergang am Checkpoint Charlie. 
Foto: Christian Schulz

BestenseeDreißig Jahre nachdem die Grenze verschwunden ist, die sie bewachen sollten, sind sie noch einmal zusammengekommen. Soldaten und ihre Kommandeure, Offiziersschüler und ihre Ausbilder, ein Veteran der ersten Stunde ist dabei, ein Kommandochef vom Brandenburger Tor, ein stellvertretender Verteidigungsminister.

In Brandenburg scheint die Sonne, vor der Landkost-Arena in Bestensee füllt sich der Parkplatz mit VW Polos und Nissans, ein Wartburg ist auch dabei. Männer steigen aus, sie tragen Anzüge und Aktentaschen, einige sogar ihre alten Uniformen, und begrüßen sich wie Freunde, die sich lange nicht gesehen haben: „Wie geht’s, Genosse?“ Die Arbeitsgruppe Grenze lädt zum 34. Grenzer-Treffen ein. Es ist wie eine Szene aus einem dieser Filme, die jetzt zur Erinnerung an das Mauerfalljubiläum im Fernsehen laufen, eine Welt, die untergegangen ist.

An der Tür kontrollieren Mitglieder der „Gruppe Einlass“ die Anwesenheit. In der Halle, in der sonst Sportwettkämpfe stattfinden, sind lange Tische aufgebaut wie auf einer Konferenz. Vor den Sprossenwänden steht die Tribüne, vor den Kletterstangen werden Souvenirs verkauft, NVA-Souvenirs. Eine original Schützenschnur kostet sechs Euro, ein „Ärmelemblem Fähnrich“ acht. Um 9.30 Uhr soll es losgehen, um 9.31 Uhr ruft es von der Bühne: „Bitte setzen Sie sich! Wir fangen pünktlich an.“

Die Männer laufen zu ihren Plätzen, es geht nicht mehr so schnell. Der Jüngste ist Anfang 60, der älteste fast 100. Zum Anfang wird den Kranken ein Gruß ausgerichtet und an die Verstorbenen erinnert. Dann erklingt die Nationalhymne der DDR: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland“. Eine wunderbare Hymne. Ab 1972 durfte sie nicht mehr gesungen werden, ab 1990 wieder. Die Männer stehen vor ihren Stühlen und singen mit, alle drei Strophen. Es ist einer dieser seltsamen Momente dieses seltsamen Treffens, das manchmal an einen SED-Parteitag erinnert, manchmal an ein Vertriebenen-Treffen und manchmal an eine Therapiegruppe.

Man könnte sich leicht darüber lustig machen, über dieses Treffen, über die Männer mit ihren alten Orden am Revers, die für eines der schlimmsten Kapitel der DDR-Geschichte stehen, eine Grenze, an der auf Menschen geschossen wurde, die ihr Land verlassen wollten. Aber zu der Geschichte gehört auch ihr Ende. Und da geschah etwas, was bis heute eigentlich unvorstellbar ist: Die gleichen Männer, die jahrzehntelang mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Schießbefehl eine 1 400 Kilometer lange Grenze verteidigt hatten, traten zur Seite, ließen die Leute durch. Kein Schuss fiel, niemand wurde verletzt. Für einen kurzen Moment lang schienen sie sich nahe zu sein, auf der gleichen Seite zu stehen, Menschen, die raus wollten, und Menschen, die sie daran gehindert hatten, Staatsfeinde und ihre Peiniger, ungeduldige DDR-Bürger und überrumpelte DDR-Grenzer.

Die Bilder dieses Momentes gingen um die Welt, aber in die Geschichtsschreibung schafften es nur die Ungeduldigen, nicht die Überrumpelten. Die verloren ihre Dienstgrade und ihre Arbeit, wurden vor Gericht gestellt und zur Verantwortung gezogen. Die Mauerschützen kamen meist mit Bewährungsstrafen davon, ihre Kommandeure wurden zu drei bis fünf Jahren Haft verurteilt.

In dieser Zeit, Mitte der Neunzigerjahre, fanden die ersten Grenzer-Treffen statt. Anfangs ging es vor allem um juristische Unterstützung, später um das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden – verteufelt, vergessen, verstoßen. Sie trafen sich in Potsdam, Königs- Wusterhausen, Schwerin, Stendal, Perleberg, Erfurt, Plauen, luden ehemalige Grenzer aus Tschechien und Polen ein und DDR-Politiker, die ihre Version der Geschichte teilten. Hans Modrow, Werner Eberlein, Egon Krenz. Ihre Gruppe, ihre Treffen gaben ihnen Halt, hier ging das Leben weiter wie unter einer Zeitglocke.

„Meine Heimat“, singt die Singegruppe Rotfuchs in Bestensee. Dann kommen die Reden, und auch die scheint man bereits zu kennen. Der Mauerbau ist wieder die „Sicherung der Staatsgrenze“, die innerdeutsche Grenze der „antifaschistische Schutzwall“, die Bundesrepublik das Land, in dem 1956 die KPD verboten wurde, „eine Fortsetzung des Dritten Reiches“, die Wiedervereinigung eine „Konterrevolution“. Die Geschichte wird gedreht und gewendet, bis sie in das Weltbild der alten Männer passt. Manchmal tun sie einem leid, diese Männer, manchmal ist man froh, dass sie unter sich sind, manchmal fragt man sich, was geworden wäre, wenn man ihnen damals, vor 30 Jahren, die Chance zur Veränderung gegeben hätte.

Man mag es kaum glauben, aber es gab diese Chance, es gab Ansätze von Reformen, auch in den Grenztruppen. Der Mann, der davon berichten kann, öffnet fünf Tage vor dem Grenzer-Treffen die Tür zu seinem Haus in Schöneiche, einer anderen Brandenburger Kleinstadt, und nimmt in seinem Wintergarten Platz, „dem einzigen hellen Raum um diese Jahreszeit“, wie er sagt.

Artur Pech wuchs in Frankfurt an der Oder auf und ging als Kind oft in das Kino der Grenzeinheit. Die Filme gefielen ihm, die Soldaten waren seine Freunde, seine Vorbilder. Er diente an der Grenze wie sie, studierte Philosophie, wurde Ausbilder in der Militärakademie Dresden. Seine Aufgabe war es, Offiziersschülern zu erklären, warum ihr Einsatz an der Grenze notwendig ist. Das Problem war nur, dass er irgendwann selbst nicht mehr daran glaubte. Er konnte die Geschichte erläutern, das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Besatzungszonen, die Währungsreform, die Gründung der beiden deutschen Staaten, die Massenflucht aus dem Osten in den Westen, den Mauerbau, die Kriegsgefahr. Aber nicht, warum 25 Jahre später immer noch Menschen, die ihr Land verlassen wollten, wie Kriegsgegner behandelt wurden, obwohl gar kein Krieg herrschte.

1986 fing er an, seine Zweifel in einer Forschungsarbeit aufzuschreiben. Vier Jahre zuvor, am 25. März 1982, war in der DDR ein Gesetz verabschiedet worden, in dem „die Schusswaffe für Maßnahmen gerechtfertigt wurde, die sich dem äußeren Anschein nach als Verbrechen darstellen“.
Auch das verstand er nicht. Was hieß überhaupt Verbrechen? Und wie sollten Grenzer im Bruchteil einer Sekunde beurteilen, ob ein Flüchtling eine Straftat begeht oder nicht, wenn sie gar nicht die Gründe für die Flucht kennen konnten? Drei Jahre lang studierte Pech die Unterschiede zwischen Völker- und Kriegsrecht, beschäftigte sich mit UN-Konventionen und Fluchtstatistiken. Am Ende kam er zu der Erkenntnis, die DDR-Staatsgrenze solle nicht mehr von der Armee, sondern der Polizei bewacht werden. Ohne Maschinenpistolen, ohne Schießbefehl, wie ein ganz normaler Staat in Friedenszeiten.

Als sein Vorgesetzter seine Arbeit las, im Frühjahr 1989, schlug er Pech vor, weiterzuforschen, eine Doktorarbeit daraus zu machen. Aber das Leben war schneller als die Forschung. Immer mehr Menschen flüchteten über Ungarn und die CSSR in den Westen, der Druck auf die Regierung wuchs.  Im Januar 1989 verpflichtete sich die DDR auf der KSZE-Tagung in Wien, „das Recht eines jeden auf Ausreise (…) uneingeschränkt zu achten“. Am 3. April 1989 wurde der Schießbefehl abgeschafft. Als Artur Pech mit seiner Doktorarbeit begann, im Sommer 1989, zogen Kommandeure durchs Land, um ihren Soldaten zu erklären, was das bedeutete. Herbert Prauß, der dritte Redner beim Grenzer-Treffen in Bestensee, war damals einer dieser Kommandeure. Er trägt ein kariertes Hemd, ein Cordsakko und eine Lesebrille auf der Nasenspitze, aber man kann ihn sich noch gut als jungen Mann in Uniform vorstellen. Er sagt, es sei gar nicht so einfach gewesen, die Botschaft zu überbringen. Die Soldaten mussten ja weiter die Grenze bewachen, trugen immer noch ihre Kalaschnikows, sollten immer noch Flüchtlinge aufhalten.

Einer der Soldaten fragte Prauß: „Aber was mache ich, wenn der Grenzverletzer schneller ist als ich? Ich kann ihn doch nicht laufen lassen!“ Es war ein Fähnrich, das glaubt Prauß noch genau zu wissen, und auch, was er dem Fähnrich antwortete: „Ja“, sagte er, „dann müssen Sie ihn laufen lassen.“
Seine Stimme zittert ein wenig, man merkt ihm die Aufregung an, heute noch. Man kann sich plötzlich vorstellen, was es für den Kommandeur bedeutet haben muss, alles infrage zu stellen, was ihm jahrzehntelang eingetrichtert worden war: Feindbilder, Überzeugungen, Befehle. Prauß erzählt von einer Demonstration in Sonneberg, wie wichtig es ihm war, die Waffenkammer zu beschützen, damit es friedlich bleibt, und wie später Menschen zum Grenzzaun liefen, hin und wieder zurück, einfach so. „Man muss sich mal vorstellen, wie uns zumute war! Was wäre passiert, wenn einer die Nerven verloren hätte?“ Der Saal klatscht, der Redner ist rot im Gesicht. Er ruft: „Alle, die heute großspurig von der friedlichen Revolution sprechen, vergessen, dass auch wir unseren Anteil daran haben.“ Wieder gibt es Applaus, wütenden Applaus. Die Rolle der Grenzer im November 1989 ist der wunde Punkt, der Grund für die Verbitterung, auch noch 30 Jahre danach. Die Männer hier sind nicht auf die Straße gegangen, haben keine Mahnwachen gehalten und die Grenze gestürmt. Aber sie haben an jenem 9. November 1989, als die Mauer fiel, nicht geschossen, niemand wurde verletzt, niemand getötet. Manchmal habe er den Eindruck, sich dafür entschuldigen zu müssen, sagt Herbert Prauß.

Artur Pech sagt, er habe immer nur gedacht: „Hoffentlich dreht keiner durch.“ Nicht nur im November ’89, auch in den Wochen und Monaten danach. „Die Truppe war ja immer noch bewaffnet. Eine Falschmeldung hätte gereicht, und der eingespielte Mechanismus wäre in Gang gesetzt worden.“ Es waren ungewisse Zeiten zwischen Sorge und Aufbruch. Rainer Eppelmann, ein ehemaliger Pfarrer, wurde Verteidigungsminister, Artur Pech wurde Mitglied in einem Reformkomitee der Streitkräfte. Im Mai 1990 verteidigte er noch seine Doktorarbeit. Kurz danach wurde die NVA aufgelöst. Pech gab seine Waffe ab, zog seine Uniform aus, fing noch einmal von vorne an, wurde Unternehmensberater, versuchte, DDR-Betriebe zu retten. Manchmal gelang es ihm, manchmal nicht, sagt er. Er wirkt nicht verbittert. Das unterscheidet ihn von den Männern in Bestensee. Seine Doktorarbeit ist 2011 als Studienheft erschienen und kann in der Sächsischen Landesbibliothek ausgeliehen werden. Seine Forschungen über die Grenze, findet er, sind immer noch aktuell, vielleicht so aktuell wie nie. Vor allem die Erkenntnis, dass man die Probleme einer Gesellschaft nicht an Grenzen lösen kann. Sogar aus den DDR-Statistiken könne man heute noch etwas lernen, sagt er. Die Flüchtlingszahlen stiegen nicht, wenn die Grenzsicherung verschärft wurde, sondern immer nur dann, wenn sich die Lage der Bevölkerung verschlechterte. Wurde die Lage besser, sanken die Zahlen.

Pech, heute Rentner, ist Mitglied der Linken. Gerade ist er von einer Friedenskonferenz in Brüssel zurückgekommen. Es ging um die EU-Außengrenzen, um neue Kriegsgefahren und darum, wie sich Friedensorganisationen zusammenschließen können. Über die DDR wurde auch kurz geredet. Einer der Teilnehmer sagte, ihr wichtigstes Erbe sei, dass das ganze ehemalige DDR-Gebiet heute kernwaffenfreie Zone ist. Zum Grenzer-Treffen in Bestensee ist Artur Pech nicht gefahren. Beim letzten Mal war er noch da, diesmal hat er es nicht geschafft. Die Wahlen in Thüringen standen vor der Tür, und er war zu einem Treffen der Linken eingeladen – seinen neuen Kampfgefährten.